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Reportage

Drahtseilakt

Mit Seilbahnen ließ sich einmal viel Geld verdienen. Doch durch den Klimawandel schmilzt der große Markt der Skigebiete dahin. Die Seilbahnhersteller haben nur noch eine Chance:
Sie müssen die Verkehrsprobleme der Welt lösen

Capital, 2014 (Text und Fotos)

Als sie zum ersten Mal mit der Zukunft des öffentlichen Nahverkehrs über die Häuser von La Paz schwebt, dankt Candita Choque ihrem Schöpfer. Zwischen Himmel und Erde sitzt die 63-jährige Bolivianerin in einer roten Gondel. Sie lächelt in die Morgensonne, die den Talkessel von La Paz wärmt, und sagt: „Danke, lieber Gott, dass du Präsident Evo geschickt hast, um die Seilbahn zu bauen!“

Es ist das Lieblingsprojekt des bolivianischen Präsidenten Evo Morales: die neue Seilbahn, die die Me- tropole La Paz mit ihrer Zwillingsstadt El Alto verbindet. Die erste Linie fährt bereits, bis Ende 2014 werden zwei weitere den Betrieb aufnehmen. Mit einer Gesamtlänge von 10,7 Kilometern und elf Stationen wird La Paz dann über das größte urbane Seilbahnsystem der Welt verfügen. Mi Teleférico, „meine Seilbahn“, heißt die Anlage ganz offiziell. Den Namen hat – ganz unbescheiden – Morales persönlich vorgeschlagen. Im Oktober wählen die Bolivianer das Parlament und den Präsidenten. Mo- rales tritt wieder an – und hofft, mit dem Projekt Stimmen zu gewinnen.

Doch die drei Linien sind nicht nur eine Investition in die bolivianische Innenpolitik. Sie sind vielleicht auch eine Antwort auf die Frage, wie sich die Menschen in den wuchernden Metropolen der Welt künftig fortbewegen werden. Vor allem in ärmeren Ländern schwellen Städte zu Megacitys, oft ohne nennenswerte Stadtplanung oder Verkehrsmanagement. Stundenlanges Stehen in Staus und miserable Luft sind vielerorts die Folgen. Stadtseilbahnen könnten helfen, die Städte vor dem Verkehrskollaps zu bewahren.

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