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Ein Abschiedsbrief an Frau Split

Imbiss-Institution in Krefeld : Ein Abschiedsbrief an Frau Split

Nach 40 Jahren verkauft Nevenka Krpan die Imbiss-Institution „Grill Split". Weil es wegen des Coronavirus keine Abschiedsfeier gibt, hat unser Autor einen Abschiedsbrief geschrieben.

Sie gehören zu den Menschen, die ich am liebsten sofort duzen möchte. Aber das gehört sich nicht. Sie sind eine Frau von 67 Jahren. Nach vier Jahrzehnten haben Sie den „Grill Split" an der Breiten Straße verkauft, schon seit Wochen wollte ich deshalb über Sie schreiben. Da ich selbst noch nie Gast bei Ihnen war, wollte ich mich einen Abend hineinsetzen in Ihren Imbiss, dabei zusehen, wie die Leute Cevapcici essen, die Hausplatte Balkan, Grillteller, Koteletts, Bratwürste, Pommes und dazu einen Bauernsalat. Ich wollte begreifen, warum die Leute auch nach so langer Zeit noch zu Ihnen kommen, wo doch so viele andere Imbisse schließen mussten.

Und dann kam Corona. An dem Mittwoch, an dem wir uns trafen, durften Sie nur noch bis 15 Uhr öffnen, der Umsatz war in den Tagen zuvor ohnehin schon eingebrochen, weil die Leute zuhause blieben. Wir wussten noch nicht, dass es Ihr letzter Tag im „Grill Split" sein würde. Denn schon am Tag darauf durften Restaurants in Krefeld überhaupt nicht mehr öffnen. Eigentlich sollte erst Ende März Schluss sein, Sie hatten eine Feier mit den Stammgästen geplant. Immerhin: Wenn der neue Besitzer den richtigen Pächter findet, wird es den „Grill Split" weiterhin geben.

Ich betrat am Mittwochmittag also eine Gaststätte, ach sagen wir ruhig Pommesbude, wie ich sie aus meiner Kindheit kenne. Tische und Stühle aus dunklem Holz, in den Regalen standen Fußballpokale, an der Wand hing gerahmt das von allen Spielern unterschriebene Trikot einer Fußballmannschaft mit dem Schriftzug Ihres Grills. Durch eine Tür ging es in den Keller zur Kegelbahn. Ich nehme mal an, Sie hätten sich auch geschminkt, wenn ich keinen Fotografen angekündigt hätte. Das Parfüm wäre fürs Foto auch ziemlich egal gewesen. Wir haben uns an einen der Tische gesetzt, Ihr Sohn Martin kam noch dazu, er arbeitet nebenan als Geschäftsführer eines Software-Unternehmens. Dann haben Sie erzählt. Bitten musste ich Sie nicht.

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