Sascha Zastiral

Korrespondent, Analyst, London

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London: Wenn Radfahren, dann richtig

(ZEIT Online)

London erlebt gerade einen Fahrradboom. Und Londoner machen keine halben Sachen: Versucht man zu Rushhour-Zeiten, eine der großen Hauptverkehrsstraßen zu überqueren, könnte man glauben, man sei in die Schlussetappe der Tour de France geraten. Keuchende Schwärme von Radfahrern hetzen gefährlich nah am Bordstein vorbei. Viele der Radfahrer treten dabei energisch in die Pedale und nutzen jede noch so kleine Lücke, um sich eine gute Ausgangsposition an der nächsten roten Ampel zu sichern.

Sündhaft teure Rennräder sind unter den Berufspendlern der Stadt die Regel, selbstverständlich in Kombination mit Fahrradhelm, Fahrradbrille, Handschuhen und Trikot. Selbst professionelle Bikeshorts mit Hinternpolsterung gehören zum Standard. Amateure in Jeans und T-Shirts, deren Fahrräder auch noch so aussehen, als hätten sie weniger gekostet als ein Gebrauchtwagen, ernten den einen oder anderen abfälligen Blick.

Den Fahrradboom beflügelt hat ein Netzwerk von Cycle Superhighways, die in den vergangenen Jahren entstanden sind und mittlerweile in alle Ecken der Hauptstadt führen. Diese, seien wir ehrlich, doch eher gewöhnlichen Radwege machen es überhaupt erst möglich, als Radfahrer an dem stockenden Verkehr unbeschadet vorbeizukommen. Aber selbst viele dieser Superhighways münden irgendwann – in Busspuren. Auf denen prangen neben dem Hinweis "bus lane" seit einiger Zeit auch Fahrradsymbole, als wäre das eine naheliegende Kombination. Und als wäre Vom-Bus-überfahren-werden nicht so ziemlich das Schlimmste, was einem als Radfahrer passieren kann.

In aller Fairness: Die meisten Fahrer der roten Doppeldeckerbusse nehmen Rücksicht auf die lästigen kleinen Hindernisse und wechseln in aller Regel die Spur, wenn sie Radfahrer überholen. All zu sehr in Sicherheit wiegen sollte man sich trotzdem nicht. Schließlich teilt man sich die Busspuren auch mit den Todfeinden aller Radfahrer: den schwarzen Londoner Taxis. Deren Fahrer hassen oft nur eines mehr als Uber: alles, was sich auf zwei Rädern vorwärtsbewegt.

In der City, dem Bankenzentrum in der Innenstadt, wird alles noch viel schlimmer. Hier verschwinden die Fahrradwege beinahe ganz. Wer da auf zwei Rädern unterwegs ist, begibt sich in eine Art Überlebenskampf. Nicht nur sprichwörtlich. Im vergangenen Jahr sorgte der Tod einer jungen Radfahrerin mitten im Bankenviertel für Aufsehen. Wütende Radfahrer haben seitdem mehrmals die Kreuzung aus Protest blockiert und lautstark mehr Sicherheit gefordert.

Ungemein praktisch sind die mehr als 700 Docking-Stationen, an denen man sich gegen eine Gebühr für einige Stunden eines der über 10.000 hässlichen, aber funktionalen Boris Bikes mieten kann. Benannt nach Boris Johnson, dem früheren Londoner Bürgermeister, sollen die Dreigangräder dabei helfen, die verstopften Straßen und U-Bahnen zu entlasten. Die wackelig aussehenden Räder sind jedoch ein weiteres Sicherheitsrisiko. Wer sich auskennt, macht einen weiten Bogen um Anzugträger und offensichtliche Touristen, die auf Boris Bikes durch das Verkehrschaos eiern.

Radwege verändern das Gefüge einer Stadt. Das stößt nicht bei allen Londonern auf Gegenliebe: So polterte der Abgeordnete Lord Lawson of Blaby vergangenes Jahr im Oberhaus, die Radwege hätten in London "mehr Schaden angerichtet als so ziemlich alles seit dem Blitzkrieg". Im schnieken Stadtteil Kensington gingen Anwohner auf die Barrikaden, als ein Radweg durch ihr nobles Viertel gebaut werden sollte. Einer von ihnen schrieb an den Bezirksrat, die vorgesehene Straße an das Radwegnetz anzuschließen und somit "für die Massen zu öffnen", gefährde "die Exklusivität" des Viertels. Zudem, fand er, gebe es Sicherheitsbedenken. Die Stadt ging auf die Sorgen ihrer betuchten Anwohner ein. Die Pläne für den Bau des Radweges verschwanden in der Schublade.