Sandra Kathe

Journalistin, Übersetzerin, Frankfurt/Main

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Ein Film für Neuankömmlinge

Schüler aus der Intensivklasse 2 der Höchster Hostatoschule zeigen im Film ihre Lieblingsplätze. Foto: Leonhard Hamerski

Die Lieblingsorte von Frankfurter Jugendlichen zu entdecken, ist manchmal gar nicht so einfach - gerade wenn jemand noch nicht einmal die Sprache der Gleichaltrigen spricht. Mit einem Filmprojekt haben die Schüler einer Intensivklasse an der Hostatoschule einige dieser Orte gefunden und festgehalten, damit andere, die wie sie neu in die Mainmetropole kommen, davon profitieren können.

Filmvorführung in der Rippergerhalle der Hostatoschule: Der Raum ist dunkel und dicht bestuhlt. In den engen Reihen sitzen die Schüler der Hauptschulklassen und verfolgen den Film, der über die Leinwand flimmert. Die Hauptdarstellerin darin ist die Stadt Frankfurt, wo viele von ihnen geboren und aufgewachsen sind. Sie kennen die Ecken gut, die hier von ihren neuen Mitschülern in Szene gesetzt wurden.


Neuland erlebt

Für die Filmemacher, ein gutes Dutzend Schüler aus der Intensivklasse 2 der Höchster Grund- und Hauptschule, waren viele der Orte jedoch Neuland. Sie sitzen ganz vorn im Publikum und wirken angespannt. Auch sie bekommen das Endergebnis, an dessen Schnitt Anna Meister vom Netzwerk „Zubaka" bis in die frühen Morgenstunden gearbeitet hat, gerade zum ersten Mal zu Gesicht. Die 14- bis 16-Jährigen aus rund zehn Nationen sind erst seit wenigen Monaten hier - Gespräche und Freundschaften mit ihren Mitschülern verhindern derzeit noch Sprachbarrieren. Es ist für viele ein erster Kontakt mit den Mitschülern, deren Gesichter sie bislang nur flüchtig vom Pausenhof kennen. Dass der eine Viertel Stunde später mit großem Jubel quittiert wird, freut sie umso mehr.

Für ihr Werk haben die Schüler in drei Gruppen Frankfurt erkundet und sich verschiedene Fragen gestellt: Was ist los in den Stadtteilen? Wo kann man als Jugendlicher hin, um Musik und Sport zu machen oder einfach nur zu entspannen? Gemeinsam mit ihrem Klassenlehrer Roland Glotzbach haben sie Antworten darauf gefunden und die Ergebnisse mit Videokameras festgehalten.

Sie besuchten an drei Tagen bekannte Sehenswürdigkeiten, wie den Palmengarten, den Hafenpark oder das Museumsufer, tranken Kaffee am Main, testeten bei der Gelegenheit gleich das bekannte Dönerschiff und interviewten den Betreiber.

Auch Orte abseits der Innenstadt haben sie dabei erkundet „Wir haben mindestens ein Dutzend Stadtteile besucht und sind vor allem bei Jugend- und Kultureinrichtungen vorbeigekommen", beschreibt Schulsozialarbeiterin Gabriele Möllmann die Arbeit, für die Betreuer und Schüler stundenlang durch die Kälte gelaufen sind.

„Die hat uns aber wenig ausgemacht", erzählt der 16-jährige Evelin, der vor knapp zwei Jahren aus Bulgarien nach Deutschland gekommen ist und wegen seiner guten Deutschkenntnisse zu den Sprechern der Gruppe gehört. „Wir waren die ganze Zeit in Bewegung, haben viel Neues entdeckt und gelernt, uns in der Stadt zurechtzufinden", erklärt der Jugendliche, der unterwegs auch einen besonderen Ort für sich selbst gefunden hat.


 Ein Lieblingsplatz

„Ein Lieblingsplatz, wo ich gerne öfter hin will, ist das Jugendhaus am Heideplatz in Bornheim, wo wir in den Musik- und Sporträumen sowie den Tonstudios drehen durften". Ihn begeistert, dass man hier viele Möglichkeiten hat, Deutsch zu lernen und Kontakte zu knüpfen. Seine Mitschüler, die Inderin Veerta (15) und der Iraner Kiyan (14), waren Teil einer anderen Gruppe und begeisterten sich vor allem für die Schwanheimer Düne und den Waldspielpark, wo sie unbeschwert vor der Kamera auf den Spielgeräten herumalberten.

Baukasten für Zukunft

Organisiert hatte das Projekt neben Schulsozialarbeiterin Möllmann, die für die Jugendhilfe der Caritas an der Schule ist, sowie Klassenlehrer Glotzbach auch Anna Meister vom Netzwerk „Zubaka". Die Abkürzung steht für „Zukunftsbaukasten" und die Initiative dahinter kümmert sich speziell um die erfolgreiche Einrichtung von Intensivklassen an etlichen Schulen: „Wir wollten den Schülern mit dem Film eine Plattform geben, um ihren Mitschülern zu zeigen, was sie alles können", erklärt Meister, die weiß, dass die Intensivschüler im Schulalltag häufig etwas abseits stehen. Neben Fächern wie Englisch, Mathematik und Gesellschaftslehre gibt es hier zwölf Stunden Deutschunterricht pro Woche, bevor die Schüler nach etwa einem Jahr in eine Regelklasse wechseln.

„Der neunminütige Kurzfilm soll aber nicht nur die Filmcrew motivieren und die anderen Schüler ermutigen, trotz Sprachbarrieren den Kontakt zu ihnen zu suchen", sagt Möllmann: „Auch andere Neuankömlinge können womöglich bald von den Tipps der Hostatoschüler profitieren, sobald wir eine Möglichkeit gefunden haben, ihn auch außerhalb der Schule zu präsentieren."

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