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Damit Mobbing nicht mehr sexy ist

Damit Mobbing nicht mehr sexy ist

Psychiater Dr. Michael Kaess über Mobbing, die Folgen und was Schulen dagegen tun können

von Sabine Hebbelmann

Groß war der Andrang beim Vortrag von Dr. Michael Kaess beim Kinderschutzbund Heidelberg. „Mobbing im Kindes- und Jugendalter ist ein Thema, das uns seit vielen Jahren beschäftigt“, sagt der Geschäftsführende Oberarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Heidelberg.

Die Begleitstudie der Klinik bei der Einführung der Schulsozialarbeit 2010 in Heidelberg habe ergeben, dass 10 bis 25 Prozent der Schüler von Mobbing betroffen sind. Das entspreche den bundesweiten Zahlen. Ein Drittel der Opfer entwickle eine manifeste psychische Störung. Kaess spricht von einer Volkskrankheit und betont zugleich: „Nur weil etwas häufig ist, ist es noch lange nicht akzeptabel.“

Bei den Betroffenen könne die Schikane zu Schulvermeidung, emotionalen Störungen und Depressionen bis hin zu Selbstmordgedanken und –versuchen führen. Der Psychiater bezeichnet Mobbing zudem als Hauptrisikofaktor für selbstverletzendes Verhalten wie Ritzen.

Von Mobbing spreche man nur, wenn es sich um wiederholte Gewalt handelt und ein Machtungleichgewicht bestehe, erläutert er. Die Täter stammten meist aus dem Schulumfeld und die Schikane finde in der Pause, vor und nach der Schule sowie im Internet statt.

Dabei geht es keineswegs nur um körperliche Attacken. Am häufigsten sei soziales Mobbing, das aktive und bewusste Ausgrenzen aus der Gemeinschaft, so Kaess. Der Mensch ist ein soziales Wesen, gerade Kinder und Jugendliche wollen zur Gruppe dazugehören und so sein wie die anderen. Wenn Schüler am liebsten im Klassenzimmer bleiben, sich an den Lehrer oder andere Erwachsene hängen oder allein auf dem Schulhof stehen, dann ist das ein Alarmzeichen, macht Kaess klar. „Einzelgänger gibt es nicht so viele, diese Kinder werden unfreiwillig in die Außenseiterrolle gedrängt.“

Im Schuljahr 2010/2011 habe sein Team schulbasierte Suizidprävention an vielen Schulen im Rhein-Neckar-Kreis durchgeführt. Dabei habe er viel darüber gelernt, warum Schüler versucht haben, sich das Leben zu nehmen. „Schwere Mobbingerfahrungen rangierten mit großem Abstand auf Platz eins“, berichtet Kaess und macht klar: „Mobbingreduktion heißt Suizidprävention.“

Was kann man tun?
Laut Kaess ist der Mobber auf Macht und Zuspruch aus und braucht Publikum. „Wenn die Zuschauer Eier werfen, hört er auf“, sagt der Psychiater und rät, Mobbingprävention an Schulen fest zu verankern.
Die Problematik auf die Schulsozialarbeiter abzuwälzen oder nur gelegentlich Projekte durchzuführen sei keine nachhaltige Lösung. „Wir müssen an der Schule ein Klima schaffen, dass sich alle verantwortlich fühlen und aktiv werden. Wie wollen wir miteinander umgehen, was ist cool und sexy, was verpönt? Darüber muss mit allen am Schulleben Beteiligten gesprochen werden.“

Typischerweise habe der Täter eine positive Einstellung zu Gewalt und suche Dominanz – zugleich sei er wortgewandt, clever und in seinem Umfeld angesagt. Der Selbstwert sei aber leicht kränkbar und von äußerer Bestätigung abhängig.

Das typische Opfer dagegen sei passiv, zurückgezogen, sensibel. Es habe einen geringen Selbstwert und wenige oder keine Freunde. Doch was ist Ursache, was Folge des Mobbings? Das lasse sich kaum klären, betont der Psychiater. Außerdem gebe es noch einen Mischtyp, das provokante Opfer, das sich unverhältnismäßig heftig wehrt, das weder von Lehrern noch von Mitschülern gemocht wird und das sich erwischen lässt, wenn es selbst zum Täter wird.

Der Täter folge seinen eigenen Bedürfnissen und wolle der Star der Klasse sein. Wichtig sei, ihm im Vier-Augen-Gespräch Grenzen zu setzen und ihn dazu zu bewegen, über sein Handeln nachzudenken und sich in die Lage des Opfers hineinzuversetzen. Oft habe er eigene Probleme, ihn vor der Klasse zu denunzieren könne das Problem noch verstärken. Das Opfer sei nicht in der Lage, sich selbst zu helfen, daher müsse Hilfe von außen kommen. Manchmal sei ein Klassen- oder Schulwechsel die Lösung - es gebe Schüler, die regelrecht aufgeblüht seien.

Kaess beobachtet bei der Zahl der Mobbingfälle an Schulen eine steigende Tendenz und bedauert, dass die bisherigen Anstrengungen offensichtlich nicht ausreichen. Er selbst leitet die wissenschaftliche Begleitung bei der Einführung des international anerkannten Präventionsprogramms nach Dan Olweus in baden-württembergischen Schulen. Ursprünglich war geplant, Anfang dieses Jahres mit 15 per Los ermittelten Schulen in der Rhein-Neckar-Region zu beginnen. Doch viele Schulen halten sich trotz des kostenlosen Angebots zurück. Kaess zeigt Verständnis für Lehrer, die auch so schon sehr gefordert sind und den zusätzlichen Aufwand scheuen. Auch wenn er von dem Programm langfristig eine Verbesserung der Unterrichtsbedingungen und des Schulklimas insgesamt erwartet, die nicht nur allen Schülern, sondern auch den Lehrern zugute kommen könnte. So stellt er lediglich fest: „Wir fangen mit besonders motivierten Schulen in ganz Baden-Württemberg an.“