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Gemeinsam ist es leichter

Gemeinsam ist es leichter

Die Hausärztinnen Dr. Heike Gossé und Dr. Christiane Siefert-Ajtai vor ihrer Praxis in Schwetzingen

Immer mehr Frauen studieren Medizin. Doch nach wie vor werden Frauen in der Medizin benachteiligt. Das zumindest sagen die Hausärztinnen Dr. Heike Gossé und Dr. Christiane Siefert-Ajtai. Um Beruf und Familie besser unter einen Hut bringen zu können, haben sie sich vor vier Jahren zusammengetan und betreiben in Schwetzingen eine Gemeinschaftspraxis.

Einen der Gründe, warum Frauen im Lauf ihrer Medizinerkarriere oft ins Hintertreffen geraten sieht Gossé im Numerus Clausus. Wer im Abi keinen Notenschnitt von 1,5 habe, müsse bis zu sechs Jahre auf einen Studienplatz warten. Dabei seien im Beruf auch soziale Fähigkeiten wichtig. „Viele Frauen beginnen ihr Studium im besten gebärfähigen Alter und sind erst mit Anfang 40 mit der Facharztausbildung fertig“, weiß sie.

Gossé musste zweieinhalb Jahre Wartezeit überbrücken und auch für sie war es nicht leicht, Beruf und Familie zu vereinbaren. Sie hatte in der Unfallchirurgie in Hamburg gearbeitet als sie ihr erstes Kind bekam. Mit ihrem Mann, einem Wissenschaftler, ging sie für mehrere Jahre ins Ausland, wo zwei weitere Kinder geboren wurden. „Sieben Jahre habe ich ausgesetzt und blieb wie eine typische Hausfrau zuhause mit den Kindern“, erzählt sie.

Der Wiedereinstieg ohne soziales Netz und mit drei kleinen Kindern war schwierig. Mehrere Praxisvertretungen erlebte sie als unbefriedigend, ebenso eine Tätigkeit im Medizinjournalismus und in einer Rehaklinik. „Bis nachts um 23 Uhr habe ich vorgekocht und Wäsche gewaschen“, erinnert sich die Ärztin. „Das ist ein ganz schönes Paket, das man da zu schleppen hat.“

Auch der Versuch, in einer Gemeinschaftspraxis mit einem männlichen Kollegen zusammenzuarbeiten ging nicht gut. „Er war in seinem Rollenverhalten gefangen“, sagt sie.

Auch Dr. Christiane Siefert-Ajtai, Hausärztin und Fachärztin für Innere Medizin, kann Einiges zum Thema zu erzählen. „Wenn Sie mir Ihren Uterus im Glas präsentieren stelle ich Sie ein.“ Solche Sprüche bekam sie als junge Medizinerin auf der Suche nach einer Anstellung noch zu hören. Ein halbes Jahr arbeitete sie in der Praxis einer älteren Kollegin als diese aufhörte. Sie übernahm die Praxis und führte sie ein paar Jahre allein. Dann wurde sie mit 38 Jahren schwanger.

Nur ein Vierteljahr blieb sie zuhause. Sie bekam für die ersten drei Lebensjahre ihrer Tochter eine Entlastungsassistentin, ihr Mann arbeitete halbtags und tat viel zu hause, der private Kinderhort war sehr flexibel und die Großeltern halfen aus. „Ich habe vormittags in der Praxis gearbeitet, das ging gut.“

Danach war sie wieder auf sich gestellt. Sie suchte Entlastung, Jemanden, der das unternehmerische Risiko und den bürokratischen Aufwand der Praxisführung partnerschaftlich mit ihr teilen wollte. Verschiedene Versuche, jemanden in die Praxis reinzuholen, scheiterten. „Es hat einfach nicht gepasst.“

Davon, dass Christiane Siefert-Ajtai Unterstützung sucht, erfuhr Heike Gossé vor vier Jahren von einer Bekannten im Sportclub. In der Zusammenarbeit stellte sich heraus, dass sich beide Ärztinnen bestens ergänzen. Eine kümmert sich mehr um die Personalführung, die andere um die Verwaltungsaufgaben. Jede hat einen Nachmittag für Hausbesuche, einen freien Tag für sich und relativ viel Urlaub. „Die Freizeit ist mehr geworden“, freut sich Siefert-Ajtai. Und ihre Kollegin sagt: „Der eine freie Tag rettet einen schon - das ist ein echter Gewinn.“

Und auch die Patienten profitieren. Nach Angaben der Ärztinnen ist die Patientenbindung sehr eng, auch weil sich beide auf dem kleinen Dienstweg austauschten und sich für ihre Patienten auch wechselseitig verantwortlich fühlen. „Oft ist es wichtig, auch den sozialen Hintergrund zu kennen, etwa bei psychosomatischen Beschwerden“, sagt Gossé. Da seien Medizinische Versorgungszentren oftmals anonymer. „Das Modell können wir wirklich empfehlen“, sagen beide.

Was „verschreiben“ die Ärztinnen noch für eine bessere Vereinbarkeit von Arztberuf und Familie? Gossé zögert nicht lange: „Mehr Flexibilität bei den Kinderbetreuungszeiten, mehr Teilzeitarbeit und eine andere Einstellung bei den Einstellenden, die ja meist Männer sind.“

Sabine Hebbelmann