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Heidelberger können ihren OB jetzt auch blind wählen

 

Eine eigene Wahlschablone macht die erste barrierefreie OB-Wahl möglich

 

Heidelberg. Wenn am 19. Oktober die Heidelberger an die Urnen gerufen werden um ihr Stadtoberhaupt zu küren, können erstmals auch die 150 blinden Wahlberechtigten selbstständig und ohne Begleitung in freier und geheimer Wahl ihr Kreuz machen.

 

Möglich macht das eine Wahlschablone mit Blindenschrift, in die der Wahlzettel eingelegt wird. Die Initiative des Badischen Blinden- und Sehbehindertenvereins (BBSV) wurde von der Stadtverwaltung bereitwillig aufgegriffen und unterstützt.

 

Als Bezirksgruppenleiterin im Vorstand des Badischen Blinden- und Sehbehindertenvereins stellte Luitgard Mayer zusammen mit Bürgeramtsleiter Bernd Köster und Christoph Kärcher die Schablone vor. Kärcher ist das einzige sehbehinderte Mitglied des neu benannten Beirats für Menschen mit Behinderungen (bmb) und als Heidelberger wahlberechtigt.

 

In die Wahlschablone, einem Umschlag aus Kartonpapier, ist hinter jeder der drei Zeilen eine runde Öffnung gestanzt. In Reliefschrift, wie auch in Brailleschrift, der gängigsten Blindenschrift, sind diese Öffnungen durchnummeriert. In der dritten Zeile ist zusätzlich eine Öffnung für die freie Zeile ausgespart.

 

Das System wird auf einer zugehörigen Audio-CD vom Geschäftsführer des Badischen Blinden- und Sehbehindertenvereins, Klaus G. Wolff, erklärt. Der Eins ist Amtsinhaber Eckart Würzner zugeordnet, in Zeile zwei folgt sein Herausforderer Alexander Kloos und in die offene Zeile kann der Name einer anderen wählbaren Person eingetragen werden.

 

Den amtlichen Wahlzettel hat das Bürgeramt nur insoweit abgewandelt, als die rechte obere Ecke abgeschnitten ist. So lässt sich auch blind ertasten, in welcher Orientierung der Zettel in die Schablone gehört. Er kann dann leicht „auf Stoß“ in den Umschlag gelegt werden, so dass die Aussparungen über den für das Kreuz beziehungsweise den Namen vorgesehenen Feldern zu liegen kommen.

 

Wahlschablonen für die Bundestags-, Landtags-, und Europawahlen gibt es schon seit 2002. Mayer hat ihren Mann bei der vergangenen Wahl dennoch mit in die Kabine genommen. „Weil ich nicht weiß, welcher Zettel in welches Kuvert kommt“, sagt sie. Dennoch ist sie von dem System überzeugt: „Sie wissen, wo Sie Ihr Kreuz machen“, sagt die erst spät Erblindete. Für Menschen mit einer reduzierten Sehleistung sei es darüber hinaus wichtig, dass die Wahlzettel kontrastreich seien.

 

Ratlos zeigt sich Mayer dagegen, was die Gemeinderatswahl angeht. Die vielen umfangreichen Listen barrierefrei zu gestalten stellt sie sich schwierig vor. Schon bei der Landtagswahl seien die Schablonen groß und sperrig gewesen.

Bürgeramtsleiter Köster gibt sich offen und motiviert, räumt aber zugleich ein, dass auch er noch keine Idee habe.

 

Ist denn Heidelberg die erste Stadt, die Schablonen für Blinde und Sehbehinderte auch auf kommunaler Ebene einsetzt? Mayer verweist auf die Volksabstimmung zu Stuttgart 21 und den Bürgerentscheid zur Landesgartenschau in Mannheim.

 

„Inzwischen sind die ersten Kommunen auf dem Weg, die Wahlschablonen standardmäßig einzusetzen“, bestätigt Andreas Bethke, Geschäftsführer des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands, auf Anfrage. In Berlin zum Beispiel kämen diese Hilfsmittel bei Bürgerentscheiden inzwischen regelmäßig zum Einsatz. Aber von einer barrierefreien Bürgermeister- oder Oberbürgermeisterwahl ist ihm bisher nichts bekannt.