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Im Markt Bruchsal fand die letzte Spargelversteigerung statt

 

Bruchsal. Wie in einer Schulklasse sitzen die Händler auf ihrem jeweiligen Stammplatz im Versteigerungsraum der Obst- und Gemüse-Absatzgenossenschaft Nordbaden (OGA). Vorne steht aber kein Lehrer, stattdessen hängt an der Wand die Versteigerungsuhr. Noch - muss man sagen, denn am 20. Juni geht in Bruchsal die letzte Spargelversteigerung über die Bühne.

„Nach über 50 Jahren hat das Modell ganz klar ausgedient“, ist Hans Lehar, der Geschäftsführende Vorstand des Großmarkts in Bruchsal, überzeugt. Früher habe es für Obst und Gemüse viele Versteigerungen gegeben, doch inzwischen kenne er keine einzige mehr. Immerhin sei das Verfahren sehr aufwendig und schon lange nicht mehr zeitgemäß.

Das Besondere an der Versteigerungsuhr: sie geht nach dem Prinzip der holländischen Auktion, auch Veiling genannt, rückwärts. Nach aktueller Marktlage werden jeden Tag ein Start- und ein Stopp-Preis festgelegt. Dann wird für jeden Posten eines Erzeugers die Uhr gestartet. Händler, die eine bestimmte Qualität ergattern wollen, müssen schnell sein, sonst drückt ein anderer vor ihnen den Knopf. Sinkt der Preis unter den Mindestpreis, fällt die Ware an die Genossenschaft zurück. Ziel des Verfahrens sei, für die Erzeugnisse der Mitglieder einen möglichst guten Preis zu erzielen und einem Preisverfall vorzubeugen, erklärt Lehar.

Die Reihenfolge der Angebote wird per Zufallsprinzip festgelegt. Posten für Posten wechselt so flink und lautlos den Besitzer. Zuvor hatten die Händler bereits Gelegenheit, das Angebot zu begutachten. In der Halle hat jeder Erzeuger seinen festen Platz und die Posten werden mit Nummern versehen aufgebaut. Jeden Tag während der Spargelsaison, auch an Sonn- und Feiertagen, wiederholt sich dieses Spiel.

Laut Lehar ordern die Hauptkunden, bundesweit agierende Lebensmittelkonzerne mit einem großen Filialnetz, den Spargel schon eine Woche im Voraus. „Die interessiert unsere Versteigerungsuhr überhaupt nicht“, stellt der OGA-Chef fest. „Die Konzerne sagen uns, was sie für Preisvorstellungen haben – abgeleitet von der allgemeinen Marktsituation.“ Für die Gastronomen und spezialisierten Obst- und Gemüsehändler bleibe bei der Versteigerung oft nicht viel übrig. „An vielen Tagen werden nur 15 bis 20 Prozent über die Uhr verkauft“, so Lehar.

„Viele Produzenten und viele Händler hängen an der Uhr“, beobachtet Lehar. Der Neubau des Großmarktes sei da der richtige Anlass, den alten Zopf abzuschneiden. Da die Stadt Bruchsal am bisherigen Standort ein neues Stadtviertel plant, muss der Großmarkt ins Industriegebiet West ausweichen. Zum Winterhalbjahr soll der dortige Neubau bezogen werden. Mit den Stammkunden werde man sich künftig auch ohne Uhr auf einen Preis einigen, beruhigt Lehar. Und bei einigen Spitzenqualitäten werde es weiterhin Versteigerungen in kleinem Umfang mit der Laptop-Uhr geben.

Mit der diesjährigen Spargelsaison, die fast drei Wochen früher als im Vorjahr begann, ist der Geschäftsführer zufrieden. „Es gab ausreichend Ware für ein sehr gutes Ostergeschäft“, freut er sich. Die Genossenschaft habe jetzt schon die Vorjahresmenge erreicht und 5 000 Tonnen Spargel vermarktet. Und die Saison gehe noch bis Ende Juni. Allerdings ließen die Erntemengen aufgrund des frühen Saisonbeginns bereits merklich nach. Vor allem späte Sorten würden noch geerntet.