Robin Hetzel

Freier Journalist, Düsseldorf

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Das Unternehmen ohne Hierarchien

Sie sind alle ihr eigener Chef, hier in Teamarbeit: (v.l.) Maximilian Ritterbach, Martin Arens, Paul Köhler und Bastian Wllhelms. Foto: Anne Orthen

Mit dem Konzept des agilen Arbeitens setzt das Düsseldorfer Unternehmen Sipgate seit einigen Jahren auf eine ganz besondere Arbeitsweise, die völlig ohne Rangordnung auskommt.

Von Robin Hetzel

Ein riesig großes Büro mit eigener Bibliothek und Restaurant, böse Mails bei zu vielen Überstunden und ein Arbeitsalltag völlig ohne Hierarchien: Bei einem Internet-Telefonie-Unternehmen würde man zunächst strikte Rangordnungen und dezentrales Arbeiten vermuten. Doch der Düsseldorfer Anbieter Sipgate beschreitet mit dem Konzept des agilen Arbeitens seit einigen Jahren ganz neue Wege der Unternehmenskultur - ein Einblick in einen Alltag völlig ohne Hierarchien.

Seit fünf Jahren setzt das Unternehmen auf eine besonders innovative Form der Unternehmenskultur, bei der "funktionsübergreifend in kleinen Teams gearbeitet wird", wie Mitarbeiter Tobias Niepel erklärt. Die meiste Arbeit im Unternehmen findet daher in verschiedenen Kleingruppen statt. Jedes Team besteht aus einem Produktbesitzer, der das Produkt an die Kundenbedürfnisse anpassen muss, in der Hierarchie aber nicht höher steht. Denn, alle Mitglieder eines Teams sind gleichberechtigt - egal ob Softwareentwickler, Grafiker, Kundenbetreuer oder Texter, die ebenfalls in den Teams vertreten sind. "Es besteht in dieser Einheit quasi keine Abhängigkeit nach außen", sagt Softwareentwickler Niepel, der seit 2009 bei Sipgate ist und die Umstellung auf das agile Arbeiten erlebte. "Anfangs war das schon etwas schmerzhaft. Man verlässt seine Komfortzone und muss sich um ganz andere Dinge kümmern. Hier macht jeder alles."

Sogar ihre neuen Kollegen können sich die 140 Mitarbeiter aussuchen. Stellt ein Team personell Bedarf fest, kann es selbst eine Stelle ausschreiben und auch über die Einstellung entscheiden. "Damit geht natürlich auch eine große Verantwortung einher", gibt Niepel zu. Jeder habe zwar sein Fachgebiet, dennoch seien alle Generalisten. "Fällt jemand aus, steht das Team nicht ahnungslos da, andererseits braucht man manchmal natürlich auch Experten", nennt Niepel Vor- und Nachteile der Arbeitsweise.

Funktionieren kann das nur, weil sich alle Teams untereinander austauschen. "Man muss viel mit Kollegen reden, damit das Ganze läuft", sagt Melanie Schwarz, die seit etwa vier Monaten bei Sipgate" ist. "Bei vielen klassischen Unternehmen hängt man mit seiner Arbeit in einer Filterblase. Hier kann man sehr selbstbestimmt arbeiten und hat trotzdem den Austausch mit Kollegen", sagt Schwarz. Erforderlich sei natürlich Offenheit für andere Meinungen und Vertrauen in die Kollegen.

Damit dieses Vertrauen wachsen kann, bietet das Unternehmen neben einem eigenen Restaurant und einer gemütlichen Bibliothek auch den zweiwöchig stattfindenden "Open Friday" an. An diesem Tag stellen die Teams nicht nur ihre Ergebnisse vor, sondern es gibt auch viele Workshops, deren Themen die Mitarbeiter selbst bestimmen. "Es sind keine Grenzen gesetzt, von der Fahrradreparatur über einen Kennenlern-Treff neuer Kollegen bis zum Programmierunterricht wird hier alles angeboten", erklärt Niepel. Besonderer Begleiter der Arbeit sind zudem die acht Bürohunde, die in den Räumen neben ihren Besitzern liegen. Ungern gesehen sind bei Sipgate dagegen Überstunden. "Wer zu viele hat, bekommt schon mal eine böse Mail, dass man nach Hause gehen soll", erklärt Niepel lachend. Die Arbeitszeiten kann sich jeder Mitarbeiter in Teamabsprache flexibel einteilen, schließlich existieren Geschäftsführer bei Sipgate" nur formal auf dem Papier.


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