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Kommentare zu politischen YouTube-Videos: Wo wenige Nutzer viel Meinung machen

Politische Debatten münden in den YouTube-Kommentarspalten häufig in Beleidigungen. Eine SPIEGEL-Datenanalyse zeigt: Viele Kommentierende scheinen auf einzelne Videos und Kanäle fixiert.

Die Beziehung zwischen Politikern und YouTube-Nutzern ist nicht immer einfach: Die Community kann unerbittlich sein. Das merkte die CDU vor der Europawahl, als der YouTuber Rezo mit einem mittlerweile 16 Millionen Mal geklickten Video die Politik der Partei kritisierte. Und auch die CSU bekam es zu spüren, als ihr neues YouTube-Format "CSYou" viel Häme einstecken musste.

Dass politische Videos auf YouTube breite Aufmerksamkeit erzielen, ist eher die Ausnahme. Wie eine Datenanalyse des SPIEGEL zeigt, bleiben Nutzer in ihren Communities lieber unter sich und stoßen selten in andere politische Blasen vor.

Berücksichtigt wurden in dieser Analyse Videos, die im Juli oder August 2019 auf einem der rund 30 beliebtesten politischen YouTube-Kanäle veröffentlicht wurden. Darunter sind Kanäle wie "MrWissen2go", "Jung & Naiv", "Der Fehlende Part" oder "Tichys Einblick". Für jeden dieser Kanäle wurden die Kommentare unter den bis zu zehn meistgesehenen Videos eingesammelt. Und auf den ersten Blick wirken die insgesamt mehr als 230.000 Kommentare, die von knapp 70.000 Nutzern stammen, wie eine vielfältige Debatte.

Wenige Nutzer schreiben die meisten Kommentare

Schaut man genauer in die Daten, schrumpft diese scheinbare Vielfalt auf eine kleine Gruppe meinungsstarker Nutzer zusammen. Nur ein winziger Teil der Zuschauer schreibt überhaupt einen Kommentar: Auf Tausend Abrufe auf eines der analysierten Videos kamen im Schnitt gerade mal elf Kommentare.

In dieser schon kleinen Gruppe von kommentierenden Nutzern wiederum hielt sich ein Großteil der Nutzer - jedenfalls in jenen Kommentarbereichen der untersuchten Videos - sehr zurück: Mehr als die Hälfte der Accounts (56 Prozent) hat nur einen einzigen Kommentar verfasst. Gleichzeitig waren die zehn Prozent der Nutzer, die die meisten Kommentare geschrieben haben, für mehr als die Hälfte aller erfassten Kommentare verantwortlich.

Vom aktivsten Nutzer allein stammen fast 800 Kommentare - er hat sie alle unter nur zwei Videos hinterlassen. So etwas ist im politischen Teil von YouTube nicht ungewöhnlich: Nur knapp ein Drittel der Kommentierenden hat sich unter mehr als einem Video an der Diskussion beteiligt.

Und die große Mehrheit dieser Nutzer bewegt sich auch nicht außerhalb der eigenen Community. Insgesamt war nur ein Viertel der Kommentierenden auf mehr als einem Kanal aktiv. Und selbst wenn Nutzer auch auf anderen Kanälen unterwegs sind, so fast ausschließlich auf solchen mit einer ähnlichen politischen Ausrichtung. Gerade mal sechs Prozent der insgesamt mehr als 70.000 Kommentierenden postete unter Videos von Kanälen unterschiedlicher politischer Sphären. Das bedeutet aber nicht, dass sich die anderen 94 Prozent nur in ihrer eigenen Community aufhalten. So ist es durchaus möglich, dass sie Videos außerhalb ihrer Bubble schauen - jedoch ohne zu kommentieren.

Das Ergebnis dieser Analyse deckt sich deckt sich mit verschiedenen Forschungsarbeiten zu Filterblasen und Echokammern. In einer 2018 veröffentlichten Studie zeigen Jonas Kaiser und Adrian Rauchfleisch, wie sich auf YouTube eine rechtsextreme Blase gebildet hat. Nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland.

Parteien spielen fast keine Rolle auf YouTube

Zudem muss man sich auf YouTube vom Gedanken verabschieden, dass Politiker und Parteien gesellschaftliche Debatten anstoßen: Von ihnen finden sich unter den meistabonnierten politischen Kanälen nahezu keine Angebote. Nur der SPD-Europaabgeordnete Tiemo Wölken (knapp 45.000) und die AfD-Bundestagsabgeordnete Corinna Miazga (38.000) können als Einzelperson recht hohe Abozahlen vorweisen.

Politische Akteure erreichen mit ihren Videos auf YouTube in aller Regel nur wenige Menschen, was auch eine Analyse der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Europawahlkampf 2019 bestätigt. Die deutschen Parteien hätten es demnach nicht geschafft, auf YouTube "mit ihren Inhalten sichtbar zu sein" - und wenn, dann überhaupt nur mit viel Geld für Werbung. Nur die AfD gehört mit ihrem Hauptkanal "AfD Kompakt TV" zu den meistabonnierten politischen Kanälen auf der Videoplattform. Die Partei stößt dabei auf fruchtbaren Boden. Viele der meistabonnierten Politikkanäle auf YouTube vertreten ähnliche Positionen.

Mehr als zwei Millionen Mal wurden die im Juli und August veröffentlichten Videos von "AfD Kompakt TV" geklickt. Die Videos der anderen im Bundestag vertretenen Parteien kamen zusammen nicht mal auf 50.000 Klicks. Die SPD veröffentlichte in diesem Zeitraum kein einziges Video. An einer Diskussion sind auch nicht alle Parteien interessiert: CSU, FDP und Grüne haben die Kommentarfunktion unter ihren Videos deaktiviert.

Angesichts der Kommentarkultur auf YouTube überrascht dieser Schritt nicht. Ein Sprecher der FDP teilte auf Anfrage mit, dass unter den Videos der Partei kaum Dialog zu den Themen stattgefunden habe. Vielmehr seien die Kommentare für Kampagnen politischer Gegner genutzt worden, beklagt der Sprecher.

Aus den reinen Zahlen nicht ablesen lässt sich nämlich die Qualität der Beiträge. Hetze und Beschimpfungen sind gerade unter politischen Videos der Normalfall. So zu beobachten bei dem Nutzer, der in den zwei Monaten die meisten Kommentare hinterlassen hat. Er war vor allem damit beschäftigt, andere Nutzer zu beleidigen.

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