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"Wut" aus dem Migrantenmilieu

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© Foto: WDR

Der Spielfilm erzählt die Tätergeschichte eines jungen Türken. Weil die Intendanten darin Gewalt verherrlicht sehen, hat die ARD den Film auf eine spätere Sendezeit verlegt - und verkauft das brillante Werk von Züli Aladag unter Wert.

Felix, ein Teenager aus liberalem, gut situiertem Elternhaus, wird von seinem türkischstämmigen Mitschüler Can abgezockt. Als er eines Tages barfuß, ohne die teuren Turnschuhe, nach Hause kommt, schaltet sich der Vater, ein angehender Literaturprofessor, gegen den Willen des Sohnes ein. Am Ende wird Can von seiner Familie verstoßen. Er dreht durch, und der Konflikt mündet in eine gewalttätige Katastrophe.


Das Drehbuch von Wut (Max Eipp) widerspricht allen Gepflogenheiten der Political Correctness: der Türke als Täter. Es ist der mit Abstand beste Fernsehfilm der Saison. Seit Wochen hatte die ARD die Ausstrahlung für diesen Mittwoch, 20.15 Uhr, angesetzt. Doch wer um diese Zeit das Erste einschaltet, sieht das Paradies in den Bergen - eine deutsch-österreichische Schmonzette aus dem Jahr 2004. Die Verlegung von Wut auf Freitagnacht hatten die Intendanten in der vergangenen Woche beschlossen.

Pleitgen: "Ich hätte uns ein bisschen mehr Courage zugetraut"


Einem ARD-Sprecher zufolge gaben allein Jugendschutzgründe den Ausschlag für die kurzfristige Programmänderung. Bereits Ende August hätten die Jugendschutzbeauftragten des Senderverbunds Wut erst ab 16 Jahre freigegeben, was eine Ausstrahlung vor 22 Uhr verbiete. Da der WDR, der den Film produziert hatte, nicht reagiert habe, sei der Vorgang zur Chefsache geworden.

WDR-Intendant Fritz Pleitgen schäumte ob der Entscheidung: "Ich bin nicht wütend, ich bin enttäuscht. Ich hätte uns ein bisschen mehr Courage zugetraut." BR-Intendant und ARD-Vorsitzender Thomas Gruber konterte: "Die Einhaltung des Jugendschutzes ist kein Mangel an Courage."


Tatsächlich lässt sich darüber streiten, ob der Film für Zwölfjährige geeignet ist. Fakt ist aber, dass die ARD mit der Umprogrammierung diesem bewusst provozierenden Film den Resonanzboden entzieht - und sich erneut nach Kräften blamiert. Während die Anstalt unbeirrt Degeto-Süßstoffe produziert und sich im Fall von Jan Ullrichs Spezialverträgen kritikresistent zeigt, wird einer der raren Beiträge, die den öffentlich-rechtlichen Auftrag im fiktionalen Bereich einlösen, in die Nacht verbannt. Eine zusätzliche Pointe: Auch die begleitende Gesprächsrunde mit Sandra Maischberger (Tatort Schulweg - Hilflos gegen Jugendgewalt?) wird verlegt - auf 23.30 Uhr.

Leute könnten schlimmste Vorurteile bestätigt sehen


Wirklich schade ist es um das durchweg hervorragend besetzte und vom türkischstämmigen Regisseur Züli Aladag brillant inszenierte Werk. Der bereits mit dem Kinofilm "Knallhart" hervorgetretene Hauptdarsteller Oktay Özdemir verleiht dem Geschehen eine atemberaubende Authentizität, die mit "street credibility" noch zu schwach umschrieben wäre; Robert Höller als Felix sowie August Zirner und Corinna Harfouch als dessen Eltern bieten nuancierte Charakterstudien.


Mit schonungslosem Realismus, aber sehr wohl vielschichtig führen sie ein Drama vor, das sich so tatsächlich ereignen könnte. Zwar zeigt der Film einen Jugendlichen mit Migrationshintergrund als Täter - mitnichten verfolgt er dabei aber eine reaktionäre politische Stoßrichtung; die Perspektive und der Hintergrund Cans kommen genauso zur Geltung wie das brüchige Fundament von Felix' wohlanständiger Familie.


Für den noch 19-jährigen Özdemir, selbst Einwandererkind der dritten Generation und in Berlin-Neukölln und Kreuzberg aufgewachsen, handelt der Film von "falschem Kennenlernen": "Wären sie sich anders gegenübergetreten, hätten der Professor und Can die besten Freunde werden können." Er hat sich die Mitwirkung an dem Stoff gut überlegt - auch wegen der Gefahr, dass Leute in der Figur des Can schlimmste Vorurteile bestätigt sehen könnten.


Letztlich aber überwog für ihn die Herausforderung des komplexen Stoffs - zu Recht. Lediglich bei dem in Schocker-Manier inszenierten Finale, das an Kap der Angst denken lässt, schossen die Macher ein wenig übers Ziel hinaus.

In der Debatte über den Film war von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit die Rede gewesen. "Türkischer Teufel" titelte der Spiegel und echauffierte sich: Der Protagonist sage öfter "Schwuchtel" als Schimanski in seinen schlimmsten Tatort-Zeiten das Wort "Scheiße". Ach je.

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