Nora Voit

Freie Journalistin, München

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Artikel

Ich bin wieder auf ein Nokia 3200 umgestiegen und es war die beste Entscheidung

Über den Selbstversuch eines ZEIT-Hospitanten, eine Woche ohne Smartphone zurecht zu kommen, kann ich nur müde lächeln. Ich habe vor mehreren Monaten ein uraltes Nokia wieder in Betrieb genommen, das als Reserve-Handy stets treue Dienste leistet.

Der Smartphone-Gott scheint nämlich einfach nicht auf meiner Seite zu stehen. Und nein, dieses Relikt aus der Steinzeit hat nicht mal Snake; das wahrscheinlich einzige Gadget, für das sich Nokia völlig zurecht glorifizieren lässt (es sei denn, du bist Dealer; dann hast du ein paar Gründe mehr). Dafür kann man die Hülle individuell gestalten und sogar Fotos machen-die, unabhängig vom Motiv, irgendwie an Super Mario erinnern.

Kommunikation

Das Wörterbuch T9 kennt weder YOLO noch Alpha-Kevin und es weiß auch nach zehn Jahren Beziehung immer noch nicht, wie ich heiße: Erst beim dritten Durchklicken erscheint mein Name auf dem winzigen Display, dann aber gleich in GROSSBUCHSTBABEN.

Noch sperriger als das SMS-Tippen ist das Verhalten meiner Mitmenschen, die einfach nicht verstehen wollen, dass eine Facebook-Nachricht oder ein WhatsApp-Standort bei meinem mobilen Ich nicht ankommt. Wenn du dich auf einem Akademie-Sommerfest in einer fremden Stadt mit deinem neuen vielleicht-bald-Freund verabredet hast, dieser dir aber konstant Nachrichten via iMessage schickt, die sich irgendwo im Nirgendwo verlaufen, kannst du nur hoffen, ihn zufällig zu treffen-oder du machst dich auf die Suche nach einem neuen.

Ähnlich kompliziert verlief es auf dem diesjährigen POPFEST in Wien. Jeder weiß: Von dem Gedanken, jemanden anzurufen, um einen Treffpunkt auszumachen, kannst du dich verabschieden. Also griff ich wieder einmal auf den guten alten Short Message Service zurück. Was zurückkam, war dieses traurige Indiz für den bedenklichen Wandel der schriftlichen Kommunikation: „Netz überlastet" - „Bei der Ente" - „Da am Foodstand" - „ Beim Wasser" - „Jetzt Seebühne" - „Wo bist???"

Danke. Speicher voll. Zirka 20 archivierte SMS hält das Nokia nämlich für genug. Dafür verstecken sich unter ihnen wahre Schätze aus vergangenen Jahren, die einen an fragwürdige Affären und depressive Phasen erinnern.

Hardware

Es gibt zwei Dinge, die an diesem Handy im wahrsten Sinne des Wortes unschlagbar sind: Die Akkulaufzeit von einer Woche (!) und die absolute Un-zer-stör-bar-keit.

YouTube-Videos beweisen: Handys der ersten Generation lassen sich im Wasser versenken, aus dem dritten Stock werfen, anzünden oder mit dem Hammer bearbeiten-ohne ihre wahre Bestimmung jemals zu vergessen (die sich, zugegeben, über die Jahre hinweg von der Telefonie bis hin zu Tinder auch ziemlich verändert hat). Ist der Akku tatsächlich einmal leer, kann man das gute Teil noch dreimal anschalten, um Notfall-Nummern zu sichern. Das nenn ich Fortschritt.

Selbstfindung

Nach Hause torkelnd über den Sinn der vergangenen Nacht nachzudenken oder Obdachlose zu beobachten, die behaupten, die Straßenbahn habe soeben die Schallmauer durchbrochen, kann mitunter bereichernd sein. Erst, wenn du Smartphone-Besitzer, also so ziemlich alle Leute um dich herum, mit glasigen Augen in ihre Geräte starren siehst, merkst du nämlich-so abgedroschen das auch klingt-, dass sie ziemlich viel verpassen. Ja, es geht ein bisschen um Selbstfindung. Und ja, ich klinge wie eine kulturpessimistische Rentnerin. Es gibt mir aber ein echt gutes Gefühl, dass in letzter Zeit allerhand moralisierende Videos zu diesem Thema viral gehen.

Wenn ich lese, dass es mittlerweile Offline-Orte gibt, in denen sich Manager vom 24/7-Onlinesein erholen können und Faltbilder analysierend ihr herzklopfendes Ich wiederfinden, dann habe ich vermutlich alles richtig gemacht. Ich bin zwar unterwegs manchmal einsam und verlaufe mich ständig, kann aber in der U-Bahn meinen Traummann kennenlernen. Oder zumindest dem einen oder anderen bei dem Anblick meines Babys ein nostalgisches Lächeln auf die Lippen zaubern.

Zurück in die Zukunft

Meine Oma ist passionierte Smartphone-Userin und eine von der Sorte, die in Familiengruppen auf WhatsApp (sie sagt dazu „what's up") endlose Fotostreams von Urlauben am norddeutschen Deich schickt-gerne illustriert mit wahllos aneinandergereihten Emojis.

Vor Wochen steckte sie mir 200 Euro zu, mit der dringenden Bitte, mir wieder ein „gescheites" Handy zu besorgen. Das Geld liegt noch immer in der hintersten Ecke einer Schublade, damit ich nicht in Versuchung komme, es auszugeben. Nicht nur deshalb, weil ich den Gedanken, mir mein brandneues iPhone wieder im Suff klauen zu lassen, irgendwie anstrengend finde. Sorry, Oma.

Ich gebe es ja zu: Das Leben ohne Smartphone bedeutet Verzicht. Verzicht darauf, pünktlich zu kommen, Verzicht auf Selfies, Verzicht auf Dating-Apps und Verzicht auf unkomplizierte Kommunikation. Gleichzeitig höre ich aber bei dem Gedanken den aufgebrachten Smartphone-Asketen in mir schreien: kein Verzicht, sondern Befreiung! Davon bin ich zumindest solange überzeugt, bis ich eines Nachts auf dem Heimweg mein neues iPhone in den Händen halte und schmunzelnd meine Facebook-Timeline durchscrolle.

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