Nina Himmer

Freie Journalistin , München / Heidelberg

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Schnitte auf der Seele - Magazin SCHULE

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Warum ihr ausgerechnet an diesem Tag alles zu viel wurde, weiß Angela* nicht mehr genau. Eigentlich war alles wie immer. Stress in der Schule, Streit mit der Mutter. Die beiden schreien sich an, das Mädchen flüchtet ins Badezimmer. Auf dem Rand der Wanne liegt der Rasierer ihrer Mutter. Angela greift danach und zieht die Klinge langsam über ihren linken Unterarm. Wieder. Und wieder. Es ist ein schönes Gefühl, es bringt Erleichterung. An diesem Tag verletzt sie sich zum ersten Mal selbst. Sie ist zwölf Jahre alt.

Mädchen wie Angela verstecken ihre Narben. Sie tragen lange Shirts, egal wie sommerlich die Temperaturen sind. Sie ziehen sich für den Sportunterricht auf dem Klo um und verdecken ihre Unterarme mit Stulpen oder reihenweise Armbändern. Viele horten zu Hause alles, was scharf ist: Messer, Scheren, Rasierklingen, Teppichcutter, Glasscherben, Skalpelle.

Ritzen ist ein Ventil, mit dem man innerlichen Druck mildern kann

Selbstverletzendes Verhalten (SVV), umgangssprachlich „Ritzen" genannt, ist ein merkwürdiges Phänomen: Während die meisten Menschen Schmerzen oder körperliche Schäden instinktiv vermeiden, schneiden, schlagen oder verbrennen sich andere selbst. Meist sind es Jugendliche, in aller Regel Mädchen. „Das liegt möglicherweise daran, dass Mädchen in ihrer Jugend mehr emotionale Probleme haben. Außerdem neigen sie zu autoaggressivem Verhalten, während Jungen dazu tendieren, ihre Emotionen gegen ihre Umwelt zu richten", sagt Michael Kaess, Geschäftsführender Oberarzt an der Heidelberger Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Studien zeigen, dass sich rund ein Viertel der Jugendlichen mindestens einmal im Leben selbst verletzt - wenn auch nicht alle regelmäßig. „Man kann eindeutig von einem Jugendphänomen sprechen", so der Arzt, die meisten fangen zwischen zehn und 14 Jahren damit an.

Aber warum? „Ritzen ist ein Ventil, mit dem man innerlichen Druck mildern kann", sagt Angela, die heute 21 Jahre alt ist, ihr Abitur macht und vor zweieinhalb Jahren mit dem Ritzen aufgehört hat. Bis dahin war es ein langer Weg: Ein Suizidversuch, ein Klinikaufenthalt und mehrere ambulante Therapien liegen hinter ihr. Sie hat ein Buch über ihre Krankheit geschrieben, sich mit ihrer Mutter ausgesöhnt und will im Herbst anfangen zu studieren. „Heute geht es mir gut", sagt sie.

Von diesem Gefühl ist Emily noch weit entfernt. Die 14-Jährige besucht die achte Klasse einer Gesamtschule und verletzt sich ein- bis zweimal am Tag. Meist mit Glasscherben oder Rasierklingen, manchmal auch mit einem Glätteisen oder einem Feuerzeug. Angefangen hat sie an dem Tag, an dem bei ihrem Opa Krebs diagnostiziert wurde. Drei Jahre ist das her. Warum sie es noch immer tut? „Nach dem Ritzen ist mein Selbsthass nicht mehr ganz so groß", sagt sie. Woher dieser Hass kommt? Schweigen. Über das Verhältnis zu ihren Eltern will sie nicht reden. „Da ist halt viel Gewalt." Dass die 14-Jährige in einer betreuten Jugend-WG lebt, mehrere Suizidversuche und Klinikaufenthalte hinter sich hat, spricht eine eigene Sprache.

Wer allerdings glaubt, dass alle Ritzer aus sozial problematischen Familien stammen, irrt. Auch sind Missbrauch oder traumatische Erfahrungen längst nicht immer die Ursache für selbstverletzendes Verhalten. Mitunter sind auch emotionale Kälte, überzogene Erwartungen oder mangelnde Sensibilität und Aufmerksamkeit des Umfelds mit ursächlich. Manche werden in der Schule gemobbt, viele haben Suizidgedanken.

„Das Leiden ist sehr individuell. Einige Kinder entwickeln sich trotz schweren Missbrauchs zu gesunden Erwachsenen, andere zerbrechen an einer emotionaler Distanz, die ein anderes Kind vielleicht gut verkraften würde", sagt Kaess. Wichtig sei nur, dass alle ein Recht darauf hätten, ernst genommen zu werden. „Subjektiv ist ihre Situation gleich schlimm, auch wenn es von außen nicht so aussieht", sagt der Arzt. Viele seiner Patientinnen hätten sogar zusätzliche Schuldgefühle, weil sie ihre Situation als nicht schlimm genug einschätzen, um ihr Verhalten zu rechtfertigen.

„Dann bin ich seelenruhig" heißt das Buch, das Angela über ihre Zeit als Ritzerin geschrieben hat. Es ist im Arena-Verlag erschienen, kostet 9,99 Euro und hilft zu verstehen.

Lara ist eines von diesen Mädchen. In ihrem Zuhause musste sie zwar nicht mit körperlicher Gewalt umgehen, aber mit hohen Erwartungen. Gute Noten, gute Leistungen, ein vorgezeichneter Karriereweg. Mit 15 Jahren hält sie dem Druck nicht mehr stand. Erst kratzt sie sich. Dann verbrennt sie sich. Schließlich schneidet sie sich. Gute Noten bringt sie trotzdem weiterhin nach Hause, ihr Abitur hat sie mit einem Einser-Schnitt gemacht. Erst nach dem Abschluss kann sie sich dazu durchringen, Hilfe zu suchen. Eine Freundin unterstützt sie dabei, zu einer Beratungsstelle und später in eine Klinik zu gehen. Die Eltern verstehen ihre Entscheidung nicht, finden, dass die Tochter ihre Situation dramatisiere und wiegeln ab. Offen über ihr Problem reden kann sie mit ihnen bis heute nicht, ein gemeinsames Gespräch mit den Therapeuten ist gescheitert.

Eltern sind oft erst mal hilflos und überfordert. Viele reden das Problem klein oder reagieren sogar wütend und vorwurfsvoll. Das ist durchaus verständlich - denn sich selbst Schuld einzugestehen heißt immer auch, Schmerz und Selbstvorwürfe aushalten zu müssen.

Das ist keine pubertäre Phase. Die Betroffenen brauchen Hilfe und Mitgefühl Michael Kaess, Oberarzt

Obwohl sich die Leidensgeschichten der drei Mädchen ähneln, tut es ihr sozialer Hintergrund nicht. Parallelen gibt es dafür in einem anderen Punkt: Alle haben weitere psychische Probleme. „SVV tritt meist zusammen mit anderen Krankheiten auf - allen voran Depressionen, Essstörungen oder der sogenannten Borderline-Störung", bestätigt Kaess, der Eltern eindringlich davor warnt, das Verhalten als Modeerscheinung oder pubertäre Phase abzutun. „SVV ist immer ein Zeichen emotionaler Belastung und sollte unbedingt ärztlich abgeklärt werden. Die Betroffenen brauchen Hilfe und Mitgefühl."

Genau daran aber mangelt es oft: Mehr noch als bei vielen anderen psychischen Erkrankungen werden ritzende Teenager häufig stigmatisiert, sowohl von Gleichaltrigen als auch von Erwachsenen. Selbst bei Lehrern und Ärzten ist die Hilflosigkeit mitunter so groß, dass sie völlig falsch reagieren. Angela zum Beispiel wurde selbst in der Notaufnahme schon angefeindet. „Der Arzt wollte einen Schnitt nicht nähen, weil sich das bei jemandem wie mir ohnehin nicht lohne", sagt sie. Bis heute erinnert sie eine wulstige Narbe am Oberschenkel an den Zwischenfall. Und Lara ist sich im Nachhinein sicher, dass viele ihrer Lehrer etwas geahnt haben - die langen Ärmel, die Gewichtsschwankungen, die Ohnmachtsanfälle: „Gefragt hat aber nie einer."

Ein weitverbreiteter Irrglaube ist außerdem, dass es den Betroffenen nur um Aufmerksamkeit gehe. „Totaler Blödsinn", sagt Lara, die ihre Selbstverletzung jahrelang geheim hielt - so, wie es die meisten Ritzer tun. Nur weil sie wegen ihrer Bulimie in der Schule mehrfach umkippte, kam doch alles raus. Die Eltern reagierten schockiert und mit strenger Kontrolle. Weil sie die Arme der Tochter ständig überprüften, schnitt die sich stattdessen in die Beine. Heute ist Lara 23 Jahre alt und greift noch immer alle drei bis vier Wochen zur Rasierklinge. Ihre Umwelt konfrontiert sie damit nicht, spricht nur mit ihrer Therapeutin.

„Selbstverletzendes Verhalten" von Dr. Michael Kaess klärt alle Fragen zu Ursachen, Diagnostik und Therapie. Guter Lesestoff für Eltern. Erschienen im Beltz-Verlag, 29,95 Euro.

Was aber gibt der Schmerz den Mädchen? Es sind im Wesentlichen drei Situationen, in denen sie zur Klinge greifen. Zum einen überbordende negative Emotionen wie Wut, Angst oder Verzweiflung. „Wenn der seelische Schmerz zu groß wird, ersetzt man ihn durch körperlichen Schmerz. Der ist leichter zu ertragen", sagt Lara. Ein weiterer Auslöser sind sogenannte „dissoziative Zustände" - also Momente, in denen man neben sich steht, sich nicht mehr spürt oder leer fühlt. In denen man „wie in einer Seifenblase" lebt. Bei Depressionen kommt dieses Gefühl häufig vor. „In so einer Situation lässt einen der Schmerz wenigstens irgendetwas spüren. Wenn das Blut fließt, merkt man, dass man noch am Leben ist", erklärt es Angela.

Besonders fatal ist der dritte Grund: Selbsthass. In diesem Fall sind die Schnitte oft besonders tief und werden anschließend nicht versorgt. Allen Situationen gemein ist, dass das Ritzen Erleichterung bringt - kurzfristig. Denn danach kommen Angst, Scham, Sorge ob der Reaktionen der Umwelt und der Narben. Enttäuschung, dass man es wieder nicht geschafft hat zu widerstehen. „Obwohl man ja genau weiß, dass das eigentlich total bescheuert und destruktiv ist, was man da macht", sagt Lara.

„Es ist ein echter Teufelskreis", bestätigt Kinder- und Jugendpsychiater Kaess. Allerdings einer, der sich durchbrechen lässt: „Ritzen ist relativ gut behandelbar. Wer sich freiwillig und ernsthaft für eine Therapie entscheidet, hat eine echte Chance, damit aufzuhören", sagt der Arzt.

* Alle Namen der Betroffenen von der Redaktion geändert

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