Michael Neubauer

Freier Korrespondent, St. Germain-en-Laye

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Reportage

Der Meisterfälscher

Badische Zeitung | 04.04.2015    Er zieht den weißen Fenstervorhang zu. Das helle Licht von draußen blendet sein krankes linkes Auge hinter der großen Brille. Auf dem rechten ist er bereits blind. Fälscherarbeit ist Augenarbeit. Jahrzehntelang blickte dieses Auge durch Lupen, Kamerasucher, Mikroskope. „Ich habe es ruiniert“, sagt Adolfo Kaminsky und setzt sich an den großen Tisch im Wohnzimmer. Seine Tochter Sarah telefoniert in der Küche. Seine Frau Leila bringt eine Tasse Tee. „Kann ich noch ein Stück Zucker haben?“, bittet er sie. Leila bringt die Zuckerdose und lächelt ihn an.
Kaminskys langer schlohweißer Bart hebt sich leuchtend gegen seinen schwarzen Pulli ab, unter dem er ein weißes Hemd trägt. Am Gürtel seiner schwarzen Jeans trägt er ein Handy. Er zeigt unter den Tisch, auf seine schwarzen Hausschuhe. Der rechte hat ein ausgefranstes Loch. „Den hab ich aufgeschnitten wegen der Schmerzen im Fuß.“ Sie verleiden ihm das Spazierengehen. Der Weg zum Eiffelturm wenige Minuten von seinem Pariser Appartement entfernt ist zu beschwerlich.
Aber über das Alter und seine Krankheiten will der 89-Jährige nicht lange reden. Lieber über seine Fotos. Sie hängen an den Wohnzimmerwänden. Schwarzweiße Paris-Motive. Gerade hat er mit Hilfe seiner Tochter eine Ausstellung gestaltet. „Kommen Sie!“ Kaminsky steht auf und geht mit kleinen hastigen Schritten vor. „Ich habe viele Fotos, die ich sehr mag und die noch niemand gesehen hat.
Am Ende des dunklen Flures öffnet er eine Tür. Ein zugestellter Duschraum, gerade mal vier Quadratmeter groß: sein Fotolabor. Das Fenster verdunkelt mit schwarzem Papier. Flaschen mit Chemikalien auf der Spiegelablage, Schachteln voller Negative. Im Duschbecken liegen Plastikwannen zum Entwickeln. Er schaltet die kleine Leuchtwand ein, an der er seine Negative anschaut. Er greift in eine Ilford-Schachtel, das Schutzpapier raschelt. Er zieht Negative heraus. In seiner Wohnung hat er Tausende davon, er hat sie nie gezählt. Und hatte bisher nie Zeit, Abzüge zu machen. Das holt er jetzt nach.

Der Mann, der als einer der größten Fälscher des 20. Jahrhunderts gilt, der fast dreißig Jahre lang im Untergrund arbeitete, der für Juden und politisch Verfolgte in der ganzen Welt Dokumente fälschte: Er verwendet seine letzte Sehkraft auf die Entwicklung und Archivierung seiner Fotos aus früheren Zeiten.

Freude an der Chemie

Adolfo Kaminsky wurde Fälscher aus Notwendigkeit. „Ich hatte keine Wahl“, sagt er. Seine Eltern waren Russen, osteuropäische Juden. Sie begegnen sich 1916 in Paris und wandern ein Jahr später wegen der Folgen des Ersten Weltkriegs nach Argentinien aus. Dort kommt Kaminsky 1925 zur Welt. Die ganze Familie erhält die argentinische Staatsangehörigkeit. Als er fünf Jahre alt ist, beschließen die Eltern, nach Frankreich zurückzukehren. In der Normandie macht der junge Kaminsky eine Färberlehre. Der Umgang mit Chemikalien begeistert ihn: Heimlich experimentiert er mit kleinen Farbmustern und den Stoffresten, die in der Schneiderwerkstatt seines Vaters herumliegen. Mit 14 Jahren faszinieren ihn die angeblich unlöschbaren Tinten. Der geniale Autodidakt schafft es, sie alle zum Verschwinden zu bringen. In der Zeit des Zweiten Weltkriegs stellt er für die Leute im Ort Seifen, Schuhcreme und Kerzen her.

Als die Nationalsozialisten 1940 Frankreich besetzen, wird der Alltag für die Juden immer schwieriger. Dann erlebt Kaminsky einen schlimmen Verlust: Seine Mutter stirbt bei einer Zugfahrt von Paris zurück in die Normandie. Die Polizei behauptet, sie habe während der Fahrt die Zugtür geöffnet, weil sie dachte, es wäre die Tür zur Toilette. Adolfo und sein Vater sind sich sicher, dass die Nationalsozialisten sie umgebracht haben.

Fotografie als Tarnung

Kaminsky steht wieder in seinem Wohnzimmer. Er zeigt auf seine Fotos aus den Nachkriegsjahren. Auf einem ist ein kleines Mädchen in einer engen Pariser Strasse zu sehen. „Heute stehen da moderne Betonhäuser, die Gasse sieht ganz anders aus“, sagt er. Daneben ein Foto von einem Buchhändler inmitten seiner Bücher, umgeben von vier Katzen. Und die Opéra Garnier.

Das Fotografieren bedeutet ihm viel. „Eigentlich wollte ich Künstler werden, Maler“, sagt er. Aber sein Vater ließ ihn nicht, er sollte einen anständigen Beruf lernen. Später war das Fotografieren für ihn ein Ersatz für das Malen.

Kaminsky zeigt auf die kastenförmige Lorillon-Kamera neben dem roten Sofa. „Das war der Apparat, mit dem ich die Reproduktionen für die Pässe gemacht habe.“ Dann holt er eine alte Rolleiflex. „Sie machte sehr gute Fotos.“ Wenn er sich für diese alte Technik begeistert und über Fotografie spricht, dann wirkt der alte Mann ganz jung.

Doch was für ihn heute ein Hobby ist, war Teil seines Fälscherlebens: Kaminsky brachte sich die Fotografie selbst bei, um Pässe und Papiere fälschen zu können. Gleichzeitig hatte sie eine Schutzfunktion: Der Job als Fotograf war eine Tarnung für den Mann, der für seine Untergrundarbeit ständig Chemikalien und Papier benötigte.

Das Schuldgefühl des Überlebenden

Über seine Vergangenheit als Fälscher hat er lange Zeit gar nicht gesprochen und tut es auch heute eher ungern. „Ich schwieg zeitlebens lieber, reden liegt mir nicht so.“ Kaminsky setzt sich wieder. Trinkt einen Schluck Tee.

1943, der Tod der Mutter liegt noch nicht lange zurück, da wird der Rest seiner Familie in das französische Internierungslager Drancy überführt. Er sieht, wie Tausende Juden von dort in die Vernichtungslager abtransportiert werden. Auch kleine Kinder und Greise. Angeblich, weil sie in Deutschland in Lagern arbeiten sollen. „Wir wussten, dass das nicht wahr ist“, sagt Kaminsky. Er, seine Schwester, sein Bruder und sein Vater entgehen der Deportation: Das argentinische Konsulat interveniert und sorgt dafür, dass sie freikommen.

Kaminsky hat Tränen in den Augen. Für ihn war es damals schwer, zu akzeptieren, dass gerade er davonkam. „Es gibt eine Schuld des Überlebenden, die kaum zu ertragen ist. Dieses Schuldgefühl ist der Grund für mein Leben, so wie es geworden ist.“

Nach der Befreiung aus dem Lager Drancy verhilft ihm die Résistance mit gefälschten Papieren zu einer neuen, sicheren Identität: Von nun an heißt er Julien Adolphe Keller und ist Franzose. Der Widerstand wird auf den Tintenexperten mit Chemiekenntnissen aufmerksam und fragt ihn, ob er die Résistance unterstützen will. Kaminsky sagt ja. Es gibt ihm das Gefühl, seine Mutter rächen zu können. Sein Fälscherleben beginnt. Er ist gerade einmal 18 Jahre alt.

Tagsüber arbeitet er in Paris als Fotograf, nachts fälscht er in einem versteckten Labor. Er bearbeitet Fotos, macht Geburtsurkunden nach, fälscht Führerscheine und Pässe. Er reproduziert mittels Fotogravur und Lichtdruck Stempel, Briefköpfe und Wasserzeichen. Seine Ausrüstung ist improvisiert: Materialien vom Flohmarkt, Bindfaden, selbst nachgebaute komplizierte Apparate.

Ein Leben im ununterbrochenen Widerstand

„Nehmen Sie von den Pralinen“, sagt Kaminsky und nascht selbst. Dann holt einen kleinen Karton. Alles gefälschte Werke von früher: ein roter vorläufiger Fremdenpass mit dem Hakenkreuz. Steuermarken, Lebensmittelkarten. Ein französischer Ausweis aus der Zeit Anfang der vierziger Jahre, als die Vichy-Regierung mit dem Deutschen Reich kollaborierte. Er zeigt auf das Ausstelldatum: „Hier, die Ziffer 9 habe ich zu dick überschrieben. Den musste ich noch einmal machen.“ Stolz verschließt er die kleine Schachtel wieder. Nichts war vor Kaminsky fälschungssicher. Nicht einmal die Schweizer Pässe.

Bis zum Kriegsende unterstützt Kaminsky die Résistance. Doch auch in den Jahrzehnten danach, als er es sich in Frankreich eigentlich gemütlich hätte einrichten können, hören die Anfragen von Widerstandsorganisationen nicht auf. Er fälscht weiter – zunächst Papiere für Tausende Holocaust-Überlebende, die nach Palästina einwandern wollen. Später für die Widerstandskämpfer in Spanien, die sich gegen die Franco-Diktatur wehren, für Revolutionäre in Lateinamerika, für die Freiheitskämpfer in Südafrika, die sich nach 1960 aus dem Untergrund heraus gegen die Apartheid zur Wehr setzen, die Griechen, die Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre Widerstand gegen die Militärdiktatur leisten. Der Antikolonialist Kaminsky stellt seine filigrane Tüftelarbeit der algerischen Unabhängigkeitsbewegung gegen die Kolonialmacht Frankreich zur Verfügung. Weil er sich für Frankreich schämt. Zeitweise arbeitet er für Kämpfer und Gehorsamsverweigerer aus 15 Ländern gleichzeitig. Weil er von einer gerechteren Welt träumt.

1968 leistet er einen Fälscher-Beitrag zur Mai-Revolte. Er verhilft Daniel Cohn-Bendit zu einem falschen Pass, damit der aus Frankreich ausgewiesene Anführer der Studentenproteste in Paris eine Rede halten und die Polizei verblüffen kann. Kaminsky bezeichnet diese Fälschung später als die medienwirksamste, aber auch unnötigste seines Lebens.

Feste Prinzipien

In seiner Fälscherzeit verstößt er nie gegen seine zwei Prinzipien: Er hat immer nur Kontakt zu einem einzigen Verbindungsmann. Und er nimmt nie Geld an für seine Fälschertätigkeit, obwohl ihn die Schulden oft erdrücken. „Geld nehmen bedeutet: Man wird abhängig. Wenn ich mich hätte bezahlen lassen, hätte man Forderungen stellen können“, sagt Kaminsky. 1962 verbrennt er sogar einmal eine große Menge Falschgeld. Er hatte massenweise Hundert-Franc-Scheine hergestellt, um die französische Wirtschaft während des Algerienkrieges zu destabilisieren. Doch dann kommt es zum Waffenstillstand – die Aktion ist nicht mehr nötig. Er habe sich erleichtert gefühlt, das viele Geld brennen zu sehen, sagt er.

Kaminskys Tochter Sarah telefoniert nicht mehr und setzt sich an den Tisch. Sie legt liebevoll ihre Hand auf die seine. Lange wusste sie nichts von diesem Leben ihres Vaters. Weil er oft lügen oder schweigen musste. Viele seiner Lebensgefährtinnen und Freunde wissen in all den Jahren nichts von seinem Doppelleben. Die Ehe mit seiner ersten Frau, mit der er Anfang der fünfziger Jahre zwei Kinder bekommt, scheitert. Viele seiner Partnerinnen haben kein Verständnis dafür, dass er nachts um vier Uhr das Haus verlässt und drei Tage lang nicht mehr auftaucht. Dass er ständig arbeitet, aber immer zu wenig Geld hat.

Einmal bekommt Adolfo Kaminsky den Auftrag, in drei Tagen 900 Dokumente herzustellen, damit 300 jüdische Kinder gerettet werden können. Es ist ein Wettlauf gegen den Tod. Kaminsky arbeitet mit einigen Helfern Tag und Nacht: „Wach bleiben. So lange wie möglich. Gegen den Schlaf kämpfen. Die Rechnung ist einfach. In einer Stunde kriege ich dreißig Blankopapiere fertig. Wenn ich eine Stunde schlafe, werden dreißig Personen sterben...“. In seiner Schicksalsfabrik schneiden sie die Dokumente zu, kolorieren und tippen sie. Mit einem kleinen selbstgebastelten zylindrischen Apparat, in den er Staub und Bleistiftminen füllt, lässt er Papiere schmutzig und gebraucht aussehen. Mehr als alles andere fürchtet er Fehler, winzige Details, die ihm entgehen könnten. Am Ende der Aktion bricht er erschöpft zusammen. Die Kinder aber werden gerettet.

Kaminsky bleibt jahrzehntelang ein Gefangener seiner einsamen Geheimnisse. Er sagt noch heute, dass er das tun musste. „Wenn ich mit meinen Nächsten über meine Arbeit gesprochen hätte, hätte ich sie in Gefahr gebracht.“ Natürlich hat er darunter gelitten. Unter den schlaflosen Nächten. Unter dem Geldmangel, der Nervosität aufzufliegen. Doch wenn er an jene Unbekannten in Not dachte, deren Leben in seiner Hand lag, war jegliches Selbstmitleid sofort verflogen.

Was bedeutet jemandem, der sein Leben stets außerhalb des Gesetzes führt, der Begriff der Ehrlichkeit? „Ehrlich zu sein ist sehr wichtig“, sagt Kaminsky ernst. „Ich betrachte mich als jemand, der im Grunde immer ehrlich gewesen ist.“ Ehrlichkeit spielte für ihn sogar eine große Rolle, sagt er: Denn die Verfolgten mussten auf seine Ehrlichkeit vertrauen können. Nur so konnten sie gerettet werden.

Kaminsky sagt eine Weile nichts. Dann: „Ja, man kann lügen und gleichzeitig ehrlich sein.“ Das gelte nicht, wenn es um das eigene Interesse gehe. „Aber wenn man lügt, um Menschenleben zu retten, verletzt das nicht die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit.“ Da ist er mit sich ganz im Reinen.

Das Doppelleben habe ihn nicht verändert, sagt er. Aber die Vergangenheit lasse ihn nie los. Das zeigt ihm sein Körper seit einiger Zeit auch mit einer seltenen Form der Schuppenflechte. Der ständige Druck, das Ruhig-bleiben- und Sich-anders-geben-Müssen, obwohl er Todesängste durchlitt: „Meine gesundheitlichen Probleme habe ich wegen meines schwierigen Lebens.“

Das Bonusleben

1971 steigt Adolfo Kaminsky aus. Einige Vorfälle, die auf undichte Stellen im Netzwerk hinweisen, beunruhigen ihn. Er fühlt sich verbrannt. Er muss sich verstecken. Er ist 46, seit dem Alter von 18 Jahren ist er Fälscher. Dass er niemals aufflog, ist ein kleines Wunder. Er reist nach Algerien und beginnt dort sein „Bonusleben“, wie er es nennt.

Zehn Jahre bleibt er dort, arbeitet in Algier als Dozent für Fotografie. Er lernt eine viel jüngere Algerierin kennen, eine Jurastudentin: Leila. Mit ihr will er neu anfangen. Sie gründen eine Familie, bekommen drei Kinder. Sarah, 1979 geboren, halb Jüdin, halb Muslima, ist die Jüngste. Als sie geboren wird, ist er bereits 54 Jahre alt. 1982 kehrt die Familie zurück nach Frankreich – aus Angst vor der politischen Entwicklung in Algerien.

Ein Held im Glück

Seine Tochter Sarah wollte nicht, dass seine Erinnerungen einmal mit seinem Tod verschwinden und verfasste seine Biographie. „Der Anstoß für das Buch war die Geburt meines Sohnes“, sagt Sarah Kaminsky. Ihr wurde klar: Er soll einmal wissen, was sein Großvater geleistet hat. Dass er aus humanitären Gründen Illegales tat. „Ich musste das Buch schreiben.“

Er sei sehr stolz auf seine Tochter und darauf, wie sie es geschrieben habe, sagt Adolfo Kaminsky und blickt sie an. „Ich hätte das niemals so hinbekommen. Das wäre eine viel zu schwere Kost geworden.“

Ab und zu, wenn er besser laufen kann, geht er mit seiner Tochter in Schulen und erzählt seine Geschichte. Einmal hat eine Chemieklasse nach seinem Schulbesuch Seife produziert und ihm ein Stück geschickt. Ein anderes Mal gab ihm eine Frau, für die er einen Schweizer Pass und Führerschein fälschte, diese Papiere zurück und bedankte sich. Solche Ereignisse rühren ihn sehr.

Für viele ist Adolfo Kaminsky ein Held. „Ich bin kein Held, ich bin eine Null“ – „Je ne suis pas un héros, mais zéro“, sagt er und lacht freudig, weil es sich reimt. „Ich hatte einfach das Glück, etwas machen zu können und Leute zu retten. Das macht mich zufrieden.“

 

Ein Fälscherleben

Sarah Kaminskys Buch über ihren Vater

 

Lange Zeit wussten die Kinder von Adolfo Kaminsky nichts über seine Fälschervergangenheit. Sie dachten, ihr Vater sei ein Streetworker, der jugendlichen Straftätern bei der Wiedereingliederung hilft und ihnen das Fotografieren beibringt. Aber dann gab es immer wieder kleine Irritationen. Etwa wenn Freunde zu Besuch kamen und sie Gesprächsfetzen aufschnappten.

1992 wird Kaminskys Familie in Frankreich eingebürgert. Als seine Tochter Sarah Jahre später die dazugehörigen Dokumente findet, staunt sie über einen Brief. Darin bedankt sich der französische Staat bei ihrem Vater für seine Arbeit im Spionagedienst der französischen Armee 1945: Damals hatte er französische Agenten mit gefälschten deutschen Personalausweisen versorgt, damit sie kurz vor Kriegsende unbekannte Konzentrationslager in Deutschland aufspüren konnten. „Aber immer wieder hat er es bei unseren Nachfragen geschafft, mit Humor von dem Thema abzulenken“, erinnert sich Sarah.

Zwar hatte Adolfo Kaminsky selbst vor, sein abenteuerliches Leben aufzuschreiben. Es gab sogar schon einen Vertrag mit einem Verlag, ein Journalist sollte ihm helfen. Doch es gelang ihm nicht. Zu schmerzhaft war es für ihn, in die schwierige Vergangenheit einzutauchen. Seine Tochter Sarah jedoch schafft es mit Ausdauer und Hartnäckigkeit, ihren Vater zum Reden zu bringen. Am Anfang wehrt er sich noch gegen das Mikrofon, das sie aufstellt. „Kommst du von der Polizei?“, fragt er sie streng. Zwei Jahre lang forscht sie immer wieder nach. Manchmal sitzen beide in Tränen aufgelöst im Wohnzimmer, ergriffen von den damaligen Ereignissen. Sarah trifft auch einstige Weggefährten ihres Vaters. Denn Notizen hatte sich ihr Vater nie gemacht. Sie hätten den Fälscher, seine Familie und die Widerstandsnetzwerke nur in Gefahr gebracht. 2009 schließlich erscheint die Biografie in Frankreich und wird zum literarischen Erfolg – später auch in vielen anderen Ländern.

Sarah Kaminsky, Jahrgang 1979, ist Drehbuchautorin und Schauspielerin. Sie lebt in Paris. Die Erinnerungen ihres Vaters, wie ein Tonbandprotokoll in Ich-Form geschrieben, lesen sich wie ein spannender Roman. Sie zeigen, wie der Widerstandsgeist ihres Vaters in jungen Jahren erwachte. Sie machen deutlich, dass er genauso in Gefahr war wie die Menschen, denen er helfen wollte. Wohl auch deshalb interessieren sich sogar viele Jugendliche für das Buch, was Sarah Kaminsky nicht erwartet hätte: „Das freut mich besonders.“

 

Sarah Kaminsky: Adolfo Kaminsky. Ein Fälscherleben. Aus dem Französischen von Barbara Heber-Schärer. Verlag Antje Kunstmann, 2011.