Michael Neubauer

Freier Korrespondent, St. Germain-en-Laye

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Reportage

Savoir-faire in der Normandie

Badische Zeitung | 22.08.2014    Über 100 Jahre alte Maschinen, familiäre Betriebe, Qualität statt Masse: In der Normandie zeigen traditionelle Handwerksbetriebe Touristen gerne ihr Können oder lassen sie ihre Spezialitäten probieren. Die Besucher genießen es,  eintauchen zu können in eine als vergangen geglaubte Zeit. Eine Reisereportage an vier Orte.

 

DIE NADELFABRIK

Die Damen schnattern durcheinander. Auf den Tischen liegen Teile eines Patchworks. Die Näherinnen gehören einem Quiltverein in Frankreich an mit 13000 Mitgliedern, die alte Quilts aus aller Welt reproduzieren. Sie haben ein Treffen veranstaltet an einem Ort, der ihr Herz höher schlagen lässt: in der einzigen Nadelfabrik Frankreichs.

Sie steht in 200-Seelen-Weiler Saint Sulpice sur Risle und ist eine kleine Pilgerstätte für Näh-Fans. Seit 180 Jahren werden in der Fabrik des Gründers Benjamin Bohin Nadeln fabriziert. Vor dem Ersten Weltkrieg arbeiteten hier noch 600 Arbeiter, heute sind es 41. Das Besondere: Hier wird noch mit den Maschinen von früher gearbeitet.

Die Alten, sie können es noch. Sie sind fast alle über 100 Jahre alt und schön anzuschauen. Eine Maschine erhitzt die Enden farbiger Plastikstäbe und versieht mit dem Plastik Stecknadeln mit bunten Köpfen. Eine andere sortiert sie nach Länge. Langsam fallen die feinen Nadeln aus Karbonstahl in die Schaufeln. Maschinen hämmern, polieren, sortieren. Es klackt, Räder drehen sich, Nadeln werden weitergehoben, sie rieseln über Kanäle in Schalen. „Die Maschinen sind einzigartig und wurden einst speziell von Benjamin Bohin geschaffen“, sagt Didier Vrac, Chef von Bohin.

Es ist eine phantastische Reise in die Welt der Nadel, aber auch der wirtschaftlichen Produktion aus dem vergangenen Jahrhundert. In einem Raum mit kleinen Vitrinen kann man in 27 Schritten die Nadelproduktion vom Rohmaterial bis zur fertigen Nadel nachvollziehen.  Gleichzeitig erleben die Besucher den Alltag der Produktion  – auf einem Rundgang nur wenige Schritte entfernt von den Arbeitern und Maschinen ohne irgendwelche Trennwände.

Die Mitarbeiter loben die alten Maschinen und die Mechanik. Sie hätten eine Seele, sagen sie. „Ich mag die Nadeln, das Metier, das Savoir-faire bei der Produktion“, sagt Lucie Almeida (60), deren Mutter einst schon in der Fabrik gearbeitet hat. „Ich rede mit den alten Maschinen, sage ihnen Liebesworte“, sagt sie scherzend. Hin und wieder gebe sie den Besucherinnen auch Tipps, mit welcher Nadel es sich am besten nähen lässt. Handarbeit schweißt nun mal zusammen.

 

ZWISCHEN BIRNEN UND ÄPFELN

Vater und Sohn stehen auf der Wiese zwischen Apfel- und Birnbäumen, in deren Schatten normannische Kühe weiden. Einige Bäume sind 300 Jahre alt.  „Nach 100 Jahren geben sie am meisten Früchte“, sagt der Sohn, Simon Pacory. „Unsere Arbeit ist immer auch eine Arbeit für die nächste Generation“, sagt Vater Frédéric und zeigt auf einen Apfelbaum: „Der ist 25 Jahre alt, also so alt wie Du.“

800 Birnbäume, 400 Apfelbäume auf 25 Hektar Streuobstwiesen. Keine Pestizide, keine Düngemittel. Die Pacorys betreiben hier in Mantilly eine traditionelle Cidrerie. Die Pacorys wissen, mit Äpfeln und Birnen umzugehen. Sie machen hier in der beschaulichen, ländlichen Gegend Domfrontais nicht nur Säfte, sondern auch Alkohol: den Apfelbranntwein Calvados, dem hier ein Drittel Birnen beigemischt wird. Cidre aus Äpfeln. Den Poiré Domfront, einen fruchtigen Schaumwein, aus Birnen. Und den Aperitif Pommeau de Normandie (eine Mischung aus Apfelsaft und Calvados).

In der Scheune stehen große braune Tanks für den Cidre und eine Obstpresse. Es riecht stark nach Apfelmost.  Cidre und Poiré herzustellen, ist nicht einfach. Man muss den Reifeprozess genau beobachten. Die gepressten Früchte müssen mehrere Stunden gären, um ein gutes Aroma zu erreichen. Vater und Sohn Pacory erzählen von dem komplizierten Prozess der viermonatigen Fermentierung. „Die Kohlensäure in industriellem Cidre entsteht mit künstlicher Kohlensäure, hier entsteht sie in der Flasche.“

Drüben im finsteren Keller stehen dunkle Holzfässer. Bis zu 30 Jahre alter Calvados ruht in diesen alten Eichenfässern, mindestens drei Jahre lang muss man ihn altern lassen, bis man ihn verkauft. Pacorys zeigen Besuchern die Cidrerie gerne. In einem gemütlichen Probierraum mit Holztisch servieren sie den vierprozentigen, gelblichen Poiré.   Dann ein Schluck vom Calvados.  Da will man gar nicht mehr aufstehen, sondern weiterschwatzen und probieren.

„Wir sind hier ein wenig wie ein gallisches Dorf – wie bei Asterix“, sagt Frédéric Pacory. Er meint die Handvoll Bauern, die noch traditionell Cidre herstellen. Sie werden immer weniger. Viele reißen die Bäume heraus, bauen Mais und Getreide an, um schnelles Geld zu machen. Schade.

 

DIE GLOCKENGIESSER

In der Werkstatt riecht es nach Ruß. Seilwinden hängen an dicken Holzbalken. Auf verstaubten Regalen drängen sich zahlreiche kleine Glocken. In der Mitte steht ein gemauerter großer Schmelzofen. Plötzlich schlägt im Hof laut eine Glocke – die Besucher schrecken zusammen.

„Voilà, darum geht es“, sagt der Touristenführer und grinst. Besucher  stehen in der Glockengießerei Cornille-Havard in Villedieu-les-Poêles, in der Touristen den Gießern zuschauen können. Hier werden Glocken hergestellt, die nicht nur in vielen Orten in der Normandie und der Bretagne die Stunde schlagen, sondern auch im Kongo oder in Vietnam. In Kirchen, auf Schiffen, in Schulen und Rathäusern. Die Gießerei ist berühmt in ganz Frankreich, ist sie doch eine von nur zweien im Land. Die acht neuen Glocken, die 2013 zur 850-Jahrfeier der Kathedrale Notre-Dame in Paris geliefert wurden, stammen von hier.

Bis zum 19. Jahrhundert waren die Glockengießer Wanderhandwerker. Doch mit der Entstehung der Eisenbahnlinien konnten die Glocken mit dem Zug nach Paris gebracht werden. In Villedieu-les-Poêles gründeten sie 1865 eine Werkstatt. In dem hübschen Städtchen haben sich im Mittelalter viele Handwerker niedergelassen – ihren wurden vom Malteserorden Sonderrechte  eingeräumt. Kupferschmiede, Polierer, Schreiner, Töpfer, Gießer – die Handwerker wurden auch „les sourdins“  (die Schwerhörigen) genannt, weil ihre laute Arbeit sie oft taub machte. Noch heute kann man in dieser Stadt des Kupfers auch eine alte Kupferwerkstatt und eine Manufaktur für Messingwaren besichtigen.

Der Führer erklärt den mühsamen, komplizierten Prozess der Glockengießerei.  Wie erst einmal der Mantel der Gießform gebaut wird aus einer feuerfesten Masse. Dass man dafür neben Ton auch  Pferdemist und Ziegenhaare benutzt. In einer Grube wird am Ende die Glockenform in Erde eingegraben, bevor das 1200 Grad heiße Kupfer-Zinn-Gemisch hineingegossen wird. Schließlich wird sie noch verziert und gestimmt. „Eine Glocke ist wie ein Musikinstrument, sie braucht eine Note, einen Ton.“ 100 Kirchenglocken und bis zu 300 andere Glocken im Jahr werden hier im Jahr hier hergestellt.

„Jede Glocke ist einzigartig“, sagt Firmeninhaber Paul Bergamo. Glocken erzählten eine Geschichte, seien ein stark symbolischer Gegenstand. „Große Glocken beweisen, dass man existiert.“  Sie seien  Marketing im besten Sinne für die Kirche.

 

DER AUSTERNZÜCHTER

Männer schlichten am Morgen kleine Säcke mit Barfleur-Muscheln auf eine Palette. Es ist der Fang der vergangenen Nacht, insgesamt mehr als zwei Tonnen haben sie in vier Stunden gefangen.  Schon am Nachmittag werden sie auf dem Großmarkt in Paris zu kaufen sein. In einem Verkaufsraum nebenan steht Sébastien Lejeune. Er ist Austerzüchter hier in Saint-Vaast-la-Hougue. Der Ort ist für seine Austern bekannt. Kenner lieben sie, weil sie leicht nussig schmecken und das Fleisch bissfest ist.++

Lejeune öffnet eine Auster. „Sie müssen mit dem Messer ihren Schließmuskel treffen, damit sie aufgeht“, sagt der 43-Jährige. Er ist mit Austern groß geworden. 28 Jahre lang arbeitet er schon er in dem Geschäft. Er züchtet Austern noch traditionell: Seine Schalentiere brauchen bis zur Reife vier Jahre. Viele seiner Kollegen sind dagegen auf intensive Zucht eingestiegen, deren Austern kommen  schon nach zwei Jahren in den Handel.  

Die Zeiten für die Austernzüchter sind schwierig geworden. Denn seit sechs Jahren haben sie mit einem Virus zu kämpfen, klagt Lejeune. „70 Prozent der Austern verenden daran.“ Die Kosten für die kleinen Austern, die er kauft und bis zur Marktreife kultiviert, haben sich vervierfacht. Eine Versicherung gibt es nicht – und wenn der Virus die Austern dahinrafft, hat er Schulden.

Lejeune setzt nun jetzt stärker auf Touristen. Er plant ein kleines Museum über die Austerzucht hier an der Küste. Es soll zeigen, wie seine Eltern die Austern arbeiteten, etwa die Austern noch mit der Hand nach Größe sortierten. Er zeigt, wie eine Babyauster aussieht, wie Austern sortiert werden nach Größe 0 (groß) bis 6 (klein). Auf dem Hof steht ein Traktor mit einem langen Wagen. Bei Ebbe fährt er damit die Touristen raus zu den Austernbänken. Sie bekommen erklärt, wo und wie die Schalentiere wachsen. Danach serviert er ihnen im eigenen Gastraum die frischen Muscheln und Austern – auf Wunsch mit Weißwein.

 

INFOBOX

Von Freiburg aus fährt man über Paris zwischen 650 und 870 Kilometer zu den beschriebenen Familienbetrieben. Sie lassen sich zum Beispiel als Zwischenstopp zum Mont Saint-Michel, bei einer Rundreise durch die Normandie oder auch auf dem Weg in die Bretagne einplanen.

Informationen über die Normandie unter

www.normandie-tourisme.fr/de

 

Nadelfabrik Bohin und Museum:

www.lamanufacturebohin.fr/

 

Kleine Cidrerien mit Probiermöglichkeit:

www.pacory.eu

www.leperemahieu.com

 

Glockengießerei in Villedieu-les-Poêles:

www.cornille-havard.fr. Führungen auch auf Deutsch möglich. Informationen über die mittelalterliche Handwerksstadt:

 www.ot-villedieu.fr

 

Austernzucht ETS Lejeune mit Besichtigung der Austernbänke:

http://huitresdesaintvaast.fr/

 


Die Reise wurde finanziert von Atout-France, Französische Zentrale für Tourismus.