Michael Neubauer

Freier Korrespondent, St. Germain-en-Laye

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Glosse

Die Last der Liebe

Badische Zeitung | 05.09.2013  In Paris bereiten Liebesschlösser an Brücken Sorgen.

Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis Paris Probleme mit der Liebe bekommen würde. Paare aus aller Welt kommen in die Stadt der Liebe, um dieselbe zu feiern. Man herzt, schmust, macht vielleicht einen Antrag. Und will sich verewigen. 

Und hier liegt das Problem. Besser: Es hängt. Wie in anderen Städten hängen seit Jahren Verliebte kleine Liebesschlösser an die Brücken – als Symbol für ihre ewige Liebe. Beliebt dafür ist die Pont des Arts, eine Fußgängerbrücke mit Eisengittern auf der Höhe von Louvre und Institut de France. Die Liebenden bringen ein Vorhängeschloss mit oder kaufen es bei den Händlern bei der Brücke. Schreiben ihre Initialen darauf oder lassen sie sogar eingravieren. Dann schließen sie es an die Gitter der Brücke – und werfen den Schlüssel in die Seine. Très romantique.

Doch die Liebe wiegt schwer. Nach diesem Touristensommer wohl mehrere Tonnen, vermutet die Stadtverwaltung. Weil kaum mehr Platz ist an den Brückengittern, bringen viele ihre Stahlschlösser schon an denen anderer Verliebter an. „Das wird langsam verrückt!“, sagt der Bürgermeister des VI. Arrondissements. Schon senken sich Teile des Geländers der Pont des Arts leicht, Brückengitter biegen sich. Schon malt der Bürgermeister schlimme Folgen dieser Schlösser-Zeremonie aus: Die Gitter könnten herausbrechen und herabfallen auf die Boote mit Touristen. Der Politiker warnt vor Schwerverletzten oder gar Toten.

Er will am liebsten die 155 Meter lange Brücke in regelmäßigen Abständen von den Ewigkeits-Schlössern befreien lassen. Das wäre dann auch ein Anlass für die Verliebten, wieder nach Paris zu kommen und ein neues Schloss zu fixieren. Doch im Pariser Rathaus fürchtet man einen Schaden für das Image der Stadt der Liebe. Man plane nicht, das beliebte Ritual zu verbieten, wie es in manch anderen europäischen Städten der Fall ist. Man finde die Liebesschlösselei vielmehr sympathisch, heißt es. Nie werde man alle Schlösser auf einmal entfernen, sondern nur an statisch kritischen Punkten kleinere Flächen von der Liebeslast befreien.

Vielleicht hofft man im Rathaus auf die Rückkehr des großen, kräftigen Unbekannten. Vor zwei Jahren waren über Nacht plötzlich alle Schlösser verschwunden. Bis heute streiten Stadt und Polizei vehement ab, dafür verantwortlich gewesen zu sein. Man wisse nicht, wer es war. Man wisse nur, dass inzwischen immer wieder Diebe ganze Gitter mit den Schlössern herausbrechen und mitnehmen, um aus dem Metall Geld zu machen.

Was auch niemand weiß: Ob die Verliebten, deren Schlösser geknackt und entfernt wurden, inzwischen getrennt sind.