Michael Neubauer

Freier Korrespondent, St. Germain-en-Laye

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Die Sache von Mama

Evangelischer Pressedienst epd | 16.06.2014  Die Regierung Hollande will junge Männer in die Babypause locken.


Diese Zahlen gefallen sogar dem Staatspräsidenten nicht: Unter den 540.000 Personen in Frankreich, die jährlich Elternzeit in Anspruch nehmen, sind lediglich 18.000 Väter. François Hollande fordert deswegen, Väter und Mütter müssten sich die Elternzeit besser aufteilen. Nun soll eine Reform die Männer aufwecken.

Die Neuregelung des Elternurlaubs ab Juli ist für die Regierung einer der wichtigsten Punkte bei ihrem großen Gesetzesvorhaben zur Gleichstellung von Mann und Frau. Frauenrechtsministerin Najat Vallaud-Belkacem hat folgendes Ziel ausgegeben: Bis 2017 sollen 100.000 Väter für ihr Kind eine Berufspause einlegen. Die ungerechte Aufteilung der elterlichen Verantwortung müsse aufhören, sagt die Ministerin. Denn dadurch würden die Frauen im Arbeitsleben stark benachteiligt.

Die Regierung in Paris schaut neidisch nach Deutschland. Denn dort entscheidet sich jeder vierte Vater, für sein Kind eine gewisse Zeit aus dem Arbeitsleben auszusteigen. Über 27 Prozent der Väter machen eine Babypause - in Frankreich sind es weniger als vier Prozent. Freilich kehren in Deutschland die Väter schnell in den Job zurück: 77 Prozent der Väter beziehen das Elterngeld nur für zwei Monate.

„Es gibt strukturelle und kulturelle Gründe, warum französische Väter ungern in Elternzeit gehen“, sagt Marie-Thérèse Letablier, Soziologin an der Universität Paris I. So gebe es in Frankreich kein Elterngeld wie in Deutschland oder in nordischen Ländern, das sich am bisherigen Einkommen orientiert und das als Ausgleich für den Gehaltsverlust gezahlt wird.
Die in Frankreich gezahlte Leistung heißt „Zulage zur freien Wahl der Erwerbstätigkeit“. Diese bekommt derjenige Elternteil, der seinen Job vorübergehend ganz einstellt oder nur noch Teilzeit arbeitet. Dieser Beitrag kann bei weniger als drei Kindern höchstens 576 Euro betragen. „Diese Leistung ist gering und nicht attraktiv“, sagt Letablier. Da die Männer meistens mehr verdienen als die Frauen, ist klar: Die Elternzeit ist meist eine Mutterzeit.
Anders in Deutschland. Das Elterngeld scheint für Väter ein Lockmittel zu sein, sich um Kind und Kegel zu kümmern.

Geregelt ist es so: Es wird bis zu 14 Monate an Mütter und Väter gezahlt, die nach der Geburt ihres Kindes zu Hause bleiben. Es orientiert sich am bisherigen Einkommen und beträgt im Monat mindestens 300 Euro und höchstens 1.800 Euro. Nutzt nur einer der Partner die Elternzeit, wird die Leistung für höchstens zwölf Monate gezahlt.
Frankreichs Regierung sieht das deutsche Modell zwar als Vorbild für die Reform an. Aber da die Staatskassen leer sind, bekommt die bisherige Pauschale nur einen neuen Namen - erhöht wird sie nicht. Ab Juli gelten nun folgende Regeln: Bei zwei Kindern bleibt zwar die Dauer der Elternzeit bei drei Jahren - aber neuerdings unter der Bedingung, dass der andere Elternteil sich sechs Monate lang beteiligt. Tut er das nicht, wird die Zeit auf zweieinhalb Jahre verkürzt. Bei einem Kind wird die Elternzeit von sechs auf zwölf Monate verlängert, wenn der andere Elternteil die Hälfte übernimmt.

Letablier sieht die Reform kritisch: „Man ändert nichts am Kern des Problems, also am fehlenden finanziellen Ausgleich für das verloren gegangene Gehalt.“ Immerhin will man den Eltern noch eine kleine Hilfestellung geben: Um leichter den Wiedereinstieg ins Arbeitsleben zu schaffen, rutscht nach einer beruflichen Auszeit der Eltern das Kind auf den Einschreibelisten für einen Krippenplatz nach oben.