Michael Neubauer

Freier Korrespondent, St. Germain-en-Laye

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Reportage

Paris nach Paris

Zeit Online | 07.04.2016

 

Kontrollen in Bahnhöfen, Museen und Theatern. Die Terroranschläge von Paris haben den Alltag in der Stadt verändert. Touristen sollten sich darauf einstellen.

 

Beruhigend wirkt das angeleuchtete Plakat im Pariser Bahnhof Gare de Lyon nicht gerade. Es zeigt Tipps, wie man sich im Falle eines Terroranschlags verhalten soll. Gezeichnet wie ein Comic in Gelb, Hellblau und Rot. Die Figuren auf dem Plakat flüchten, verstecken sich, warnen Passanten. Sie schließen sich ein oder verbarrikadieren sich mit Möbeln, schalten das Licht aus und den Klingelton ihres Smartphones. Sie legen sich auf den Boden oder gehen hinter Säulen und Pfeilern vor Schüssen in Deckung. Das Plakat kommt von der französischen Regierung, es soll die Bevölkerung sensibilisieren.

Paris nach dem Terrorjahr 2015. Wer als Tourist in diesen Tagen durch die Stadt flaniert, der wird sich wundern. Einerseits über die scheinbare Normalität in einer Stadt, in der noch mindestens bis Ende Mai der Ausnahmezustand gilt. Paris genießt die ersten Frühlingstage, die Terrassen sind voller Gäste, und die Bars, welche die Terroristen am 13. November ins Visier nahmen, sind renoviert und gut besucht. Andererseits spürt jeder die Folgen des Terrors. Die Sicherheitsmaßnahmen kosten die Einheimischen und Touristen Zeit und Nerven.

Der Alltag hat sich verändert, besonders an Verkehrsknotenpunkten. Als die Monitore im Gare de Lyon anzeigen, auf welchem Gleis der TGV nach Marseille fährt, bewegt sich eine Horde von Reisenden dorthin. Doch schon am Beginn des Bahnsteigs warten vier Mitarbeiter des Bahnunternehmens SNCF. "Ihr Ticket bitte!" Nur wer eines hat, darf überhaupt auf den Bahnsteig, Umarmungen und Küsschen an der TGV-Tür sind nicht mehr möglich. Die neuen Bahnsteigkontrollen betreffen derzeit vor allem Züge nach Lyon und Marseille. Wegen der Anschläge in Brüssel sollen die Bahnsteig-Checks in den kommenden Tagen sogar verschärft werden: Dann wird die Police Nationale stichprobenartig Koffer und Taschen öffnen. Wer also in Frankreich einen TGV gen Süden nimmt, sollte lieber 20 Minuten eher am Gleis sein. Guillaume Pepy, Chef der SNCF, hat außerdem angekündigt, dass in einigen französischen Zügen in Zukunft sogenannte train marshals mitfahren werden, zivile, bewaffnete Zugbegleiter, wie es sie im Luftverkehr schon lange gibt. Nachrichten wie diese sollen beruhigen, sie tun es aber nicht.

Auch im Gare du Nord läuft einiges anders ab. Nach dem von mutigen Reisenden verhinderten Terroranschlag auf den Thalys von Amsterdam nach Paris im August 2015 müssen Fahrgäste Geduld mitbringen. Wer mit dem Thalys von Paris nach Deutschland fährt und Gepäck dabei hat, muss flughafenähnliche Sicherheitsschleusen passieren. Geduldig stellen sich die Reisenden in eine lange Schlange. Schnell noch auf den Thalys aufspringen, das geht nicht mehr. Die Dame vom Thalys-Personal empfiehlt, wegen der Sicherheitsvorkehrungen mindestens 30 Minuten vorher am Bahnhof zu sein. "Bitte denken Sie an die Adress-Anhänger", sagt sie. Die sind in Frankreichs Zügen längst Pflicht für jedes Gepäckstück.

Denn Gepäck braucht in Frankreich unbedingt einen Besitzer. Ist das nicht der Fall, kann das sehr viel Zeit kosten – die Pariser erleben das ständig in der Metro und dem RER, der die City mit den Vororten verbindet. Selbst Touristen lernen beim Metrofahren in diesen Tagen mit ziemlicher Sicherheit diese beiden Vokabeln kennen: colis suspect. Es ist die Bezeichnung für herrenlose und damit verdächtige Gepäckstücke, Taschen oder Pakete.

In Paris ist unbeaufsichtigtes Gepäck keine Lapalie, die Folgen für Tausende von Metro-Nutzern sind enorm. Denn dann wird die Metrostation geräumt, Spezialisten müssen den Gegenstand prüfen und eventuell unschädlich machen – das dauert. Kommt aus dem Metro-Lautsprecher der Begriff colis suspect, kann man sicher sein, dass auf der betroffenen Linie erst mal nichts mehr geht.

Allerdings: Die Pariser ertragen diese Verzögerungen mit erstaunlicher Geduld, selten hört man sie meckern oder klagen. Die Alternative wären Taschenkontrollen an den Metroeingängen, aber die gibt es nicht. Der Aufwand wäre enorm. Die Nervosität fährt also immer wieder mit – mal mehr, mal weniger. Als einmal an der Station Pigalle zwei Jungs anfangen, auf Arabisch zu singen, steigen an der nächsten Station verunsicherte Leute aus, die ganz offensichtlich vorhatten, weiter zu fahren. 

Was auch zum Alltag gehört, egal ob im Theater, Museum, Konzertsaal, in Kirchen oder bei den Sehenswürdigkeiten: Tasche auf. Und nicht nur da. Beim Eingang zum beliebten Café des schwedischen Kulturinstituts im Marais-Viertel: Tasche auf. Bei internationalen Institutionen wie der Sprachschule Alliance française fragt der Wachmann: "Warum sind Sie hier?" Tasche auf. Selbst bei der Comédie-Française kommt man gar nicht mehr zum Ticketschalter, ohne einem Sicherheitsmenschen das Innere seiner Tasche zu zeigen. In vielen Museen gibt es auch Schleusen wie am Flughafen. Am Eingang vom Musée d'Orsay bittet der Wachmann auch noch darum, seinen Mantel zu öffnen. Bei den Anschlägen am 13. November sprengten sich einige Attentäter mit Sprengstoffgürteln in die Luft.

Auch beim Shopping muss man das erdulden. Seitdem die Sicherheitsbehörden bekannt gaben, dass die Attentäter vom November auch im Büro-, Einkaufs- und Hochhausviertel La Défense westlich von Paris einen Anschlag verüben wollten, wird verstärkt vor den großen Einkaufzentren kontrolliert. Inmitten von Paris geht in diesen Tagen die Renovierung des größten Einkaufszentrums im Bauch der Stadt zu Ende: Das Forum des Halles mit seinem neuen gigantischen Metall-Glas-Dach ist ein Shopping-Palast auf vier Etagen, gleichzeitig ist es der wichtigste Verkehrsknoten der Stadt mit fünf Metro- und drei RER-Stationen. An jedem Zugang stehen Wachleute und kontrollieren Personen und Taschen, zusätzlich filmen 400 Überwachungskameras.

Die Gefahr eines Anschlags ist größer denn je, sagt der Innenminister. Der Anti-Terror-Plan Vigipirate, der nach den Anschlägen verschärft wurde und der diese vielen Kontrollen nach sich zieht, ist dazu da, mögliche Attentäter abzuschrecken. Zum anderen geht es um die gefühlte Sicherheit, ohne die eine Metropole wie Paris zum erliegen kommen würde. So gehören denn die schwer bewaffneten Soldaten und Polizisten längst zum Stadtbild. Bei den beliebten Sehenswürdigkeiten wie Notre-Dame, Eiffelturm oder Sacré-Cœur sind sie ständig präsent. In kleinen Gruppen patrouillieren sie mit schusssicheren Westen und Maschinengewehren im Anschlag.

Für deutsche Touristen ist das ein eher ungewöhnliches Bild – obliegt in Deutschland doch die innere Sicherheit allein der Polizei. In Paris dagegen patrouillieren täglich 4.000 bis 7.000 Soldaten im Rahmen der Opération Sentinelle. Landesweit sind mehr als 10.000 Soldaten im Einsatz, täglich kostet das den Staat über eine Million Euro.

Manche Aktionen der Sicherheitsbehörden wirken hilflos. Etwa die am Fotografie-Museum Maison Européenne de la Photographie: Früher war der Eintritt hier am Mittwochabend kostenlos, was viele Besucher anzog. Nun muss man zahlen wie sonst auch, um die lange Warteschlange auf dem Gehsteig zu verhindern. In Zeiten des Terrors wird versucht, Menschenansammlungen zu vermeiden.

So verändert der Plan Vigipirate den Alltag auch im Kleinen. Blieb früher Touristen kurz vor ihrer Abreise noch Zeit für einen Museumsbesuch, konnten sie ihr Gepäck mitnehmen und an der Garderobe abgeben. Das war einmal. Im Louvre zum Beispiel sind nur noch Taschen bis zu einer Größe von 55 x 35 x 20 Zentimetern erlaubt. Man sollte das Gepäck also besser im Hotel stehen lassen, auch nach dem Auschecken.

Viele Touristen wollen inzwischen zur Place de la République. Gehörte der große Platz in der Nähe des Canal Saint-Martin früher nicht zu den Top-Sehenswürdigkeiten, ist es heute vielen Besuchern ein Bedürfnis, hier den Opfern der Attentate zu gedenken. Vielleicht kehren sie danach noch auf einen Milchkaffee im nahe gelegenen Fluctuat nec mergitur ein, das kürzlich wiedereröffnete. Das Café ist nach dem Wahlspruch der Stadt Paris benannt, dessen Wappen ein Schiff zeigt: "Sie schwankt, aber sie geht nicht unter". Dieser lateinische Satz wurde zum Slogan der Pariser nach den Anschlägen. Er steht für ihre Widerstandskraft und macht deutlich, dass sie sich trotz aller Sicherheitsmaßnahmen nicht aus der Ruhe bringen lassen.