Melanie Schröder

Freie Journalistin und Autorin, Berlin

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Artikel

Wie der Feminismus Männern das Leben retten kann

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Im Allgemeinen werden Männer als das privilegierte Geschlecht angesehen, werden ihnen doch Eigenschaften wie Mut, Durchsetzungsvermögen und Stärke bescheinigt. Doch ohne diese These in Abrede zu stellen: Viele dieser Vorurteile über Männlichkeit stellen sich bei genauerer Betrachtung als ziemlich einschränkend heraus. Der britische Autor Jack Urwin hat sich in seinem Buch „Boys don't cry" diesen Stereotypen angenommen und berichtet, wie sie Männern Schaden zufügen.

Härte als Wesenszug

Urwin beschreibt in seinem Werk, wie schon kleinen Jungen von Kindesbeinen an beigebracht wird, was es ausmacht, ein Mann zu sein. Der schnell dahin gesagte Satz „Jungen weinen nicht", den Eltern im Eifer des Gefechts gerne mal fallen lassen, bleibt nicht ohne Folgen. Jungen lernen, alle Formen des emotionalen Ausdrucks zugunsten ihrer Männlichkeit zu vermeiden und weinen als Erwachsene auch dann nicht, wenn es für sie emotional entlastend sein könnte. Denn wer Härte als männlichen Wesenszug verinnerlicht hat, tut sich natürlich schwer damit, Ängste und Schwächen offen zuzugeben, sich gegenüber Freunden und Familie zu öffnen oder ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Der Autor führt die gesundheitlichen Probleme vieler Männer auf Vorurteile über maskulines Verhalten zurück, die belastend sind. Männer leben riskanter und achten weniger auf ihre Gesundheit. Und bringen sich so unter Umständen um Lebensjahre: Sie werden derzeit im Schnitt etwa 78 Jahre alt, während Frauen ein Lebensalter von 83 Jahren erreichen. Auch die ungewöhnlich hohe Selbstmordrate unter Männern basiert laut Urwin auf ihrer emotionalen Verschlossenheit: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Männer das Leben nehmen, ist mehr als dreimal so hoch wie die von Frauen.

Von Generation zu Generation

Auslöser für Urwins Buch über die Bürde der Männlichkeit war der frühe Tod seines Vaters. Dieser erlag einem Herzanfall. Nach seinem Tod stellte man fest, dass er bereits zuvor einen Herzinfarkt gehabt hatte. Offenbar war ihm dieses Problem auch bekannt gewesen: In seiner Jackentasche fand man ein entsprechendes rezeptfreies Medikament. Doch das war für Urwins Vater kein Grund, seiner Familie von seinen Herzproblemen zu erzählen oder sich rechtzeitig in ärztliche Behandlung zu begeben. So ist der Tod seines Vaters für Urwin Ergebnis der Macht der Vorurteile über Männlichkeit, die ihn letztendlich das Leben gekostet haben.

Diese krankmachenden Vorstellungen über Männlichkeit werden von Generation zu Generation weitergegeben. Urwin umschreibt sie als „vererbtes Leiden": Männer werden von Männern aufgezogen, die ihre Gefühle nicht ausdrücken können und so die „toxische Männlichkeit" an ihre Söhne weitergeben.

Männliche Genderstereotype

Der Feminismus kann helfen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen: Steht er doch für die Gleichberechtigung der Geschlechter und gegen die Genderstereotype, die Frauen - und eben auch Männer - einschränken und belasten. Deshalb können viele Probleme, die durch geschlechtsspezifische Vorurteile entstehen, mit dem Kampf für Gleichberechtigung bekämpft werden. Männer sollten sich also aus purem Eigennutz dazu berufen fühlen, für Gleichberechtigung einzutreten. Und sich als Feministen zu bezeichnen.

Jack Urwin: Boys don't cry. Nautilus Flugschrift, Hamburg 2017. 232 Seiten, 16,90 Euro
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