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Wie E-Tretroller Städte verändern

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Der Bundesrat hat der Zulassung von E-Tretrollern zugestimmt. Für Anbieter beginnt jetzt der Kampf um die Straße. Könnten E-Tretroller bald die Städte überrollen?

Von Melanie Katharina Marks für tagesschau.de

Sie kamen wie über Nacht: Ein paar E-Tretroller der Firma Lime. Die Firma wollte in San Francisco testen, ob es einen Markt für die Fahrzeuge gibt. Doch was sie damit lostreten würde, hätte wohl niemand gedacht.

Innerhalb von wenigen Wochen stellten weitere Anbieter ihre Roller dazu. Schnell überfluteten sie Parks, Gehwege, Hauseingänge. Nur einen Monat später sah sich die Stadt dazu gezwungen, an Zulassungen und Parkgenehmigungen zu arbeiten. Rund drei Monate - und mehr als 2000 Beschwerden später - verbannte San Francisco die elektrischen Tretroller vorläufig von der Straße. Das war im Sommer 2018.

Dutzende Anbieter stehen in den Startlöchern

Jetzt, etwa ein Jahr später, sollen sie auch in Deutschland eingeführt werden. Dutzende Anbieter stehen schon bereit, ihre Leihflotten in den Städten zu verteilen. In Hamburg sind es etwa die MyTaxi-Tochter Hive, das österreichische Startup Tier, Modelle der Deutschen Bahn oder amerikanische Anbieter wie Uber, Lime, Bird oder Spin. Auch die Nahverkehrsunternehmen wollen E-Tretroller vermieten. Die Fahrzeuge könnten schon wenige Wochen nach der Zulassung in den Städten ankommen.

Das Ziel: nachhaltige Mobilität in Städten fördern. Wo öffentliche Verkehrsnetze nicht dicht genug sind, sollen die Tretroller die Lücke schließen und es attraktiver machen, das Auto stehen zu lassen.

Doch bei der hohen Konkurrenz gilt auch: Je schneller die Anbieter möglichst viele Räder in einer Stadt platzieren, desto höher ihre Wahrscheinlichkeit, sich gegen die anderen Anbieter durchzusetzen. Es gilt: Mindestens 200 Räder sollten in einer Stadt platziert werden, um einen Netzwerkeffekt zu erreichen - also an verschiedenen Orten wiedererkannt zu werden und verfügbar zu sein. Bedeutet das, dass Deutschland ab dem Sommer von E-Tretrollern überschwemmt werden könnte? Und: Welche Auswirkungen hätte das auf unser Leben in Städten?

Unsichere Städte?

Wohl am heftigsten diskutiert wurde in den vergangenen Wochen, ob der Straßenverkehr in den Städten durch E-Tretroller gefährlicher wird. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer wollte die Fahrzeuge bis zu einer Geschwindigkeit von 12 km/h auf Gehwegen zulassen. Das sorgte für heftigen Gegenwind, vor allem von Versicherungswirtschaft, Verbänden und Landesparlamenten.

Nun hat Scheuer zwar eingelenkt und die elektrischen Tretroller vom Gehweg verbannt. Aber die Debatte um die Sicherheit bleibt. In Tel Aviv etwa, wo die E-Tretroller bereits erlaubt sind, gab es in diesem Jahr bereits fünf Tote. Im vergangenen Jahr waren es 18. Ähnliche Szenarien werden aus Madrid berichtet. 300 Unfälle mit Personenschaden meldete die Polizei für 2018. In zwei Dritteln der Fälle sollen E-Tretroller-Fahrer die Schuldigen gewesen sein.

Kaum belastbare Daten

Belastbare Daten gibt es noch nicht zur Sicherheit der Fahrzeuge. Eine Studie des US-Gesundheitsministeriums hat für die Stadt Austin in Texas Unfalldaten mit den elektrischen Tretrollern ausgewertet. Demnach haben sich pro eine Million gefahrene Kilometer 135 Menschen verletzt. Zum Vergleich: Nach Angaben des ADAC verletzen sich auf der gleichen Strecke nur durchschnittlich 2,13 Radfahrer. Allerdings wurden die Daten der US-Studie nur über drei Monate gesammelt und auf ein Gebiet eingegrenzt. Wie repräsentativ sie sind, ist fraglich.

Kersten Heineke, Leiter des McKinsey Centers for Future Mobility, warnt vor unnötiger Aufregung: "Wir haben noch keine belastbare Untersuchung gesehen, die zeigt, dass E-Scooter Städte gefährlicher machen könnten." Pilotprojekte wie etwa in Bamberg hätten keine Hinweise darauf gegeben. Er empfehle, erst einmal ein bis zwei Sommer abzuwarten.

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags, Helmut Dedy, betont, dass es klare Regeln für die Verkehrssicherheit geben müsse. Dazu gehöre, dass die E-Tretroller auf dem Radweg fahren, aber auch: "Die Verordnung muss Schilder vorsehen, um den Verkehrsfluss mit E-Kleinstfahrzeugen auch im Einzelfall zu regeln."

Erleichterung oder Belastung für den Verkehr?

Auswirkungen könnten die elektrischen Tretroller auch auf die Verkehrsdichte haben. San Francisco hat das eindrücklich gezeigt, als plötzlich Hunderte Gefährte in den Straßen aufpoppten. Die neuen Fahrzeuge müssen irgendwo stehen und fahren. Der ADFC wirbt bereits für mehr Radwege. Die doppelte Fläche sei nötig, ansonsten werde es zu eng.

"Grundsätzlich ist der Flächenverbrauch der E-Tretroller positiv", sagt Heineke vom McKinsey Center for Future Mobility. "Sie benötigen weniger Platz als etwa ein Auto." Doch eine Studie der Unternehmensberatung zeigt auch: Die Verkehrsdichte nimmt durch sogenanntes E-Hailing - also Verkehrsmittel, die digital gebucht werden - zunächst zu. 12 Prozent der Fahrten sind demnach Fahrten, die ohne diesen Service nicht stattgefunden hätten.

E-Tretroller, so Heineke, seien vor allem für die erste und letzte Meile zur Bahn- oder Busstation attraktiv. Damit könnten sie den öffentlichen Nahverkehr attraktiver machen - und insgesamt Platz sparen. Auf den Radwegen hingegen könne sich der Verkehr tatsächlich verdichten. Sollten in der Anfangsphase Probleme aufkommen, müssten die Städte überlegen, ob und wie sie die Infrastruktur ausbauen.

Das täten sie bereits, so Dedy. Grundsätzlich müssten aber auch Bund und Länder in die Finanzierung von Verkehrswegen investieren. "Es braucht eine Investitionsoffensive, damit die Verkehrswende realisiert werden kann", so der Geschäftsführer des Deutschen Städtetags.

Elektroschrott trübt die Ökobilanz

Zuletzt wäre da noch die Frage, wie nachhaltig die elektrischen Tretroller tatsächlich sind? Kritiker warnen bereits vor Elektroschrott. Denn die Halbwertszeit eines Leih-Tretrollers ist derzeit noch gering. Sharing-Anbieter kaufen die Fahrzeuge meist von chinesischen Herstellern - und die hatten ursprünglich keinen Massenbetrieb vorgesehen, sondern für einzelne Nutzer produziert. Anstatt in einer Garage parken die Tretroller nun also im Regen. Und statt zwei Fahrten pro Tag müssen sie ein permanentes Hin und Her aushalten.

Deutsche Medien berichten aktuell, dass ein Leih-Tretroller etwa drei Monate überlebt. Das amerikanische Wirtschaftsmagazin Quartz hat allerdings Daten ausgewertet, die zeigen: Ein E-Tretroller in Louisville hielt im Schnitt nur 29 Tage - weniger als einen Monat.

Der Anbieter Hive gibt an, an einem neuen Modell zu arbeiten, das je nach Nutzung ungefähr ein Jahr überleben soll. Gleiches bestätigt auch der österreichische Anbieter Tier.

Heineke hält E-Tretroller dennoch für ökologisch. "Das ist eine Frage der Substitution. Grundsätzlich ist aber jeder Kilometer, den Sie mit einem E-Tretroller zurücklegen, emmissionsfrei." Und auch Dedy resümiert: "Neue Mobilitätsangebote wie elektrisch angetriebene Tretroller können in Städten auf Kurzstrecken eine gute Ergänzung sein."

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