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Mobilitätswandel: Bleiben Taxis auf der Strecke?

E-Scooter, Car- und Bike-Sharing, Flugtaxen: Wie wir uns fortbewegen, verändert sich. Städte planen einen nachhaltigen Mobilitätsmix. Welche Rolle werden Taxen künftig dabei spielen?

Von Melanie Katharina Marks für tagesschau.de

3,2 Milliarden Kilometer legen die Deutschen täglich zurück - auf dem Weg zur Arbeit, in den Urlaub, zu einem Date. Pro Person sind das im Schnitt rund 39 Kilometer, so der Mobilitätsbericht der Bundesregierung. In den vergangenen Jahren hat sich diese Zahl kaum verändert.

Die Mittel, mit denen wir unterwegs sind - also der sogenannte Mobilitätsmix - hingegen verändern sich. Das Stichwort, mit dem diese Entwicklung zusammengefasst werden kann, lautet "Mobility-as-a-Service". Das bedeutet, dass sich die Menschen von eigenen Verkehrsmitteln abwenden, hin zu vielschichtigen Angeboten, die je nach Bedarf genutzt werden können. Mobilität wird zum Service.

Neben Bussen, Bahnen und dem eigenen Auto setzen sich immer mehr Fortbewegungsmittel durch. In etlichen Städten boomen aktuell E-Scooter. Mancherorts können sie wie Fahrräder einfach geliehen werden. Andere Städte setzen auf Leihmodelle mit E-Bikes. Privatpersonen bieten Autofahrten per App je nach Bedarf an. Solche Fahrdienstleister sind etwa Uber oder Lyft. Sammeltaxis, ebenfalls per App vermittelt, sind auf dem Vormarsch. Busse und Bahnen bieten Shuttle-Services zu ihren Stationen. Und in der Zukunft sollen sogar Flugtaxis und autonome Autoflotten unterwegs sein.

In all diesen Szenarien suchen traditionelle Taxi-Fahrer nach ihrer zukünftigen Rolle und die Unternehmen nach zukunftsträchtigen Geschäftsmodellen.

Aktuell profitieren sie vom Mobilitätswandel

Dabei stehen sie in einem Spannungsfeld. Aktuell profitieren Taxis vom Mobilitätswandel. "Die Städte wachsen rasant, hier verzichten anteilig immer mehr Personen auf ein eigenes Fahrzeug und nutzen Bus, Bahn, Car-Sharing und eben auch Taxis", so Uwe Plank-Wiedenbeck, Professor für Verkehrssystemplanung an der Bauhaus-Universität in Weimar.

Die Nische zwischen normalem Autoverkehr und Bussen werde aktuell durch Taxis abgedeckt, so Wiedenbeck. Noch immer bäten sie in den Städten und Kommunen um Konzessionen.

Tatsächlich: Im Jahr 2017 haben Taxis die meisten Personen seit dem Jahr 2000 befördert. 2917 Millionen Personenkilometer legten sie insgesamt zurück. 431 Millionen Menschen wurden nach dem Geschäftsbericht 2017/18 des Taxi-Mietwagenverbands in diesem Jahr gefahren. In den Vorjahren lagen diese Zahlen bereits relativ stabil bei rund 425 Millionen Menschen.

Taxis können nicht mehr mithalten

Allerdings: Wer heute eine Konzession beantragt, könnte sie morgen potenziell wieder abgeben. Denn mittel- und langfristig sorge der Mobilitätswandel dafür, dass klassische Taxis massiv zurückgehen würden, so Plank-Wiedenbeck.

Das hat vor allem zwei Gründe. Einerseits "haben Taxis nicht gerade eine wirtschaftliche Art, Verkehr zu organisieren", so Plank-Wiedenbeck. Viele hätten hohe Standzeiten. Fahrdienstleister wie Uber, Moia oder Lyft hingegen, böten ihr Angebot nur dann an, wenn eine aktuelle Nachfrage bestehe und seien demnach deutlich wirtschaftlicher. "Sollten bestehende Regulierungen für Fahrdienstleister aufgehoben werden, dann können normale Taxis nicht mehr mithalten."

Andererseits ist das Personal für ein Taxiunternehmen ein hoher Kostenfaktor. Knapp über die Hälfte geben sie in Deutschland für die Fahrer aus, so eine Kostenaufstellung der Stadt Berlin. 26 Prozent gehen demnach in das Fahrzeug und rund ein Fünftel sind Fixkosten wie Versicherungen, Standplatz oder Verwaltung. Autonom fahrende Flotten ermöglichen somit deutliche Einsparungen. Für einzelne Taxifahrer oder kleinere Unternehmen sei es deutlich schwerer, diese anzubieten, so Plank-Wiedenbeck.

Langfristig müssen Taxis neue Rolle finden

Dass Taxis aussterben werden, glaubt Plank-Wiedenbeck dennoch nicht. "Bestimmte Taxi-Unternehmen werden immer ihre Services anbieten." Sie machten ja schon jetzt nicht nur das klassische Geschäft. "Sie übernehmen viele Sonderfahrten: Krankentransporte, Stammkunden, Firmenaufträge. Das wird bleiben, da bin ich sicher."

Auch im ländlichen Raum müsste die Versorgung der Menschen gewährleistet werden. Dort sei es für wirtschaftlich organisierte Fahrdienstleister nicht rentabel. "Da ist es besonders wichtig, dass ich ein Angebot habe, das zu bestimmten Preisen auf dem Markt agiert, aber auch eine Beförderungspflicht beinhaltet."

Philine Gaffron vom Institut für Verkehrsplanung an der TU Hamburg stimmt dem zu. Sie sieht die Gesellschaft in der Pflicht, auch in dünn besiedelten Regionen und für Sonderfahrten Mobilitätslösungen anzubieten. Angebote wie etwa Nachtfahrten als Anrufsammeltaxi oder Krankentransporte würden schon jetzt als Dienstleistung subventioniert. Das solle auch in Zukunft eine Möglichkeit bleiben. "Taxi-Apps und Co sind wichtig. Aber man muss in manchen Situationen auch einmal zum Telefonhörer greifen, zehn Minuten länger auf ein Taxi warten und dann eine Fahrt buchen können, die am Markt ansonsten deutlich teurer wäre."

Außerdem fügt sie an, dass Taxis flexibler auf dem Markt agieren müssten, um wettbewerbsfähig zu bleiben. "Sie müssen sich im zukünftigen Mobilitätsmix besser verankern und beispielsweise auch Pooling-Modelle anbieten." In Barcelona etwa gebe es schon Taxis mit einer Leuchtziffer auf dem Dach. So würden die Taxis zeigen, wie viele Plätze noch frei seien, so Gaffron. "Ähnliches gibt es jetzt ja in Deutschland auch per App, aber nur im Experimentierstatus und eben nicht mit traditionellen Taxis." Für solche Lösungen müsse man gegebenenfalls Gesetze verändern.

Mobilität der Zukunft muss reguliert werden

Ähnlich sieht das Gebhard Wulfhorst, Professor für Siedlungsstruktur und Verkehrsplanung an der TU München. "Warum sollten Taxis nicht konkurrenzfähig sein?", fragt er. "Sie bieten einen klaren Service an, nämlich Menschen von A nach B zu bringen." Dieser Service werde auch in Zukunft benötigt.

Allerdings sei es notwendig, einen neuen Gesetzesrahmen zu erarbeiten. "Aktuell regelt das Personenbeförderungsgesetzt drei Bereiche: Den klassichen Nahverkehr, den Taxiverkehr und den Mietwagenverkehr." Fahrdienstleister wie Uber sind darin nicht enthalten. Das, so Wulfhorst, müsse erweitert und neu gedacht werden, damit Taxigewerbe und Fahrdienstleister unter gleichen Bedingungen um Zulassungen konkurrieren können. "Da haben Taxis eine gute Chance. Einige sind lokal gut verankert und haben sich im Wettbewerb bewährt." Mit einer solchen gesetzlichen Veränderung werde sich die beste Qualität am Markt durchsetzen - im Sinne eines zukunftsfähigen Mobilitätsmixes.

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