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Fluchtpunkt Berlin: Wie Carles Puigdemont im Exil lebt

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Seit mehr als einem Monat lebt der Exil-Separatist nun in Berlin. Was macht Puigdemont eigentlich den ganzen Tag in der Hauptstadt?

Spaniens Staatsfeind Nummer eins gibt Selfies in einem staubigen Hinterhof am Ostkreuz. Carles Puigdemont. Für die Regierung in Madrid ist er der Anführer einer staatsgefährdenden Rebellion, Landesverräter, Justizflüchtling. Hier dagegen, zwischen Bierbänken und Unabhängigkeitsflaggen, ist und bleibt Puigdemont Präsident. Der eine, der einzige.


Der Anlass für das Treffen im improvisierten Freiluftkino hinter dem Club „Zukunft am Ostkreuz": Der FC Barcelona spielt an diesem Sonntag gegen Real Madrid, der Berliner Barça-Fanclub hat zur Liveübertragung geladen. El Clásico. Die ewige Fehde. Die spalterischen Katalanen gegen den einstigen Franco-Club. Manche sagen: Das ist kein Fußball, das ist Krieg.


An die 70 Fans sind ans Ostkreuz gekommen. Auch Separatistenführer Puigdemont ist der Einladung gefolgt - und hat knapp zehn Abgeordnete seiner katalanischen Unabhängigkeitsbewegung mitgebracht. Sie sind auf Arbeitsbesuch beim Exil-Anführer. Man kennt Puigdemont mit geföhnter Beatles-Frisur, Anzug, gelber Schleife am Revers, Symbol der Solidarität für seine inhaftierten Minister. An diesem Fußballsonntag ist die Beatles-Frisur etwas zerzaust, er trägt Jeans, bekommt einen Schal des Barça-Fanclubs in die Hand gedrückt. Schulterklopfen, Smalltalk, Selfies, Selfies, Selfies. Jeder will ein Foto mit ihm. Puigdemont lächelt stoisch.


Seit 37 Tagen lebt Puigdemont im Berliner Exil. Nach einer Pressekonferenz und wenigen Interviews, vor allem für die katalanische Presse, tauchte er ab. Wieso hat sich Puigdemont derart zurückgezogen? Ist Berlin jetzt ein Schauplatz der spanischen Verfassungskrise? Und was macht ein Exil-Separatist eigentlich den lieben langen Berliner Tag?


Zurzeit pflegt der Präsident die kleinen Auftritte, steht seinem aufmüpfigen Volk bei. Etwa beim Fußball gegen den Erzrivalen Madrid. Es ist kurz vor Anpfiff. Puigdemont wirkt locker, redet mit seinen Verehrern, lobt Berlin, die Freiräume, die Offenheit. Aber ein Bad in der Menge nimmt er nicht. Eher nimmt die Menge ein Bad an seiner Seite. Auf die Bitte um ein Interview reagiert er freundlich mit: „Nein, zurzeit leider nicht." Seine Lage ist schon verzwickt genug.


Berlin ist eine unerwartete Station auf einer beachtlichen Odyssee. Nachdem Puigdemont Katalonien zur eigenständigen Republik gemacht hatte, erklärte Madrid die Unabhängigkeit für illegal, stellte Katalonien unter Zwangsverwaltung. Neun Minister wurden in Untersuchungshaft genommen. Puigdemont floh nach Brüssel. Am 25. März dann wurde er auf der Durchreise in Schleswig-Holstein festgesetzt. Europäischer Haftbefehl aus Madrid. Elf Tage Untersuchungshaft in der JVA Neumünster.


In Spanien drohen ihm bis zu 25 Jahre Haft. Der erste Vorwurf, der des Hochverrates, wurde bereits abgeräumt. Nun prüft die Generalstaatsanwaltschaft die Auslieferung wegen Veruntreuung. Puigdemont soll, so der Vorwurf, das von Spanien für illegal erklärte Unabhängigkeitsreferendum aus Steuergeldern finanziert haben. Bis das geklärt ist, kam Puigdemont gegen Kaution frei. Er stieg noch am selben Tag in ein Auto, ließ sich nach Berlin fahren.


Warum Berlin? Die Antwort klingt fast banal: Es ist praktisch. Seine deutschen Anwälte sitzen am Kurfürstendamm. Unterstützter und Politiker können schnell einfliegen, seine Frau und die zwei Töchter haben ihn mehrfach besucht.


Unabhängigkeitskampf im Kreuzberger Hinterhof

In einem linken Kieztreff am Kottbusser Tor gab Puigdemont seine erste und einzige Pressekonferenz in Berlin. Im „Aquarium", kaum mehr als ein stickiger Raum, tief im Unterleib eines dieser Wohnmonster am Kotti. An jener Straßenkreuzung, an der jeden Tag die kleine Kreuzberger Revolution geprobt wird, gegen den Kapitalismus, gegen das Patriarchat, gegen die da oben.


Jetzt sitzt Puigdemont da, mit Anzug und verschüchtertem Lächeln, hinter einem Berg von Fernsehmikros. Er fordert Madrid dazu auf, den Willen des Volkes anzuerkennen. Dann noch Bilder für die Kameras. Zwischen den Wohnblocks lässt sich Puigdemont von Anhängern feiern. Mit Katalonienfahnen, Hymne, Inbrunst. Verständnislose Blicke von den Balkonen der Anwohner. Der katalanische Unabhängigkeitskampf ist in ihrem Hinterhof gestrandet.


Hier in Berlin hat er viele Anhänger. Es gibt Menschen wie Marie Kapretz, die Leiterin der Vertretung der Regierung Kataloniens in Berlin war. Mit der Zwangsverwaltung von Madrid aus wurden diese Vertretungen weltweit geschlossen, Kapretz erst beurlaubt, dann entlassen. Wie so viele Katalanen hat das unerbittliche Vorgehen Madrids auch Kapretz in ihrem Wunsch nach der Unabhängigkeit Kataloniens bestärkt. „Solange Madrid nicht zum Dialog bereit ist, geht es nicht anders", sagt Kapretz. Sie war an der Pressekonferenz am Kotti beteiligt. Zur Ortswahl sagt sie: „Wir mussten dort hin, wo Politik neu gedacht wird." Eine Revolution wird schließlich nicht in einer Hotellobby ausgerufen.


Ein leiser, unaufgeregter Mann in einem Fleecepulli

Zurück zu El Clásico. Nach dem Anpfiff lassen die Berliner Katalanen von ihrem Präsidenten ab, konzentrieren sich auf das Wesentliche: Fußball. Es geht schnell zur Sache. Neunte Spielminute: Barça stürmt nach vorne, Suarez nimmt eine Flanke volley. Keine Chance für den Real-Torhüter. Das Camp Nou, größtes Fußballstadion Europas, randvoll, rastet aus. Am Ostkreuz springen sie auf, taumeln vor Freude. Carles Puigdemont bleibt sitzen, grinst, blickt auf sein Handy.


Ausgleich. Schnell kommt Real dem Führungstreffer nahe. Rangeleien, Gelbe Karten, dann die Rote für Barça. El Clásico hält, was er verspricht: Drama pur.


Der Mann zu seiner Linken - gelbe Schleife, grau melierte Haare, Berliner Pils in der Hand - wogt auf und ab mit jeder Chance. Puigdemont hebt das Spiel kein einziges Mal von der Bierbank. An diesem Sonntag, als in Friedrichshain die Emotionen von der Leinwand schwappen, wirkt Puigdemont nicht wie die schillernde, charismatische Figur, die man sich unter dem Stichwort Separatistenführer ausmalt. Man sieht einen leisen, unaufgeregten Mann in einem Fleecepulli.


Puigdemonts Anwälte, so hört man, haben ihm nach ersten Medienauftritten geraten: kein Kontakt zu deutschen Medien, stillhalten. Ob Puigdemont nach Spanien ausgeliefert wird, traut sich kaum jemand einzuschätzen. Aber die Entscheidung könnte bald fallen. Insider sprechen von kommender Woche. Die Generalstaatsanwaltschaft will das weder bestätigen noch dementieren.


Und alles, was er bis dahin sagt, könne gegen ihn verwendet werden. So zumindest scheinen seine Anwälte zu denken. Doch in der zweiten Spielhälfte, während Barça beinahe in Führung geht und unzählige Flüche über den Schiedsrichter in die Nacht gerufen werden, unterhält sich Puigdemont lieber mit dem Journalisten, dem er vorher ein Interview ausgeschlagen hat. Freundlich, aber zurückhaltend.


Wer also wissen will, wie Puigdemonts Leben im Berliner Exil aussieht, muss sich selbst auf die Suche machen. Ein Blick auf seinen Twitter-Account zeigt, wie Puigdemont gesehen werden will. Als 130. Präsident Kataloniens, so steht unter dem Profilfoto. Und wenn ein Präsident nicht regieren kann, dann bleibt ihm das Repräsentieren. Puigdemont hat sich in Berlin mehrfach mit katalanischen Vereinen getroffen, war beim Feiertag des Schutzpatrons Sant Jordi auf einem Kulturtreffen, er sprach auf einer Veranstaltung der Bürgerbewegung für die Unabhängigkeit Kataloniens ANC. Ständig bekommt er Anfragen von Unis, Instituten, Exil-Katalanen. Einen wöchentlichen Pflichttermin hat er: Dienstag, Meldung auf der Polizei-Wache.


Besprechung am hintersten Tisch im Restaurant

Die meiste Zeit, so hört man, lenkt er die Geschicke seiner Parlamentsfraktion, versucht die Sache der Unabhängigkeitsbewegung voranzubringen - über Videokonferenzen und Telefonate aus seinem Hotelzimmer. Das befindet sich im gutbürgerlichen Wilmersdorf, eine Straße vom Kurfürstendamm entfernt. Das Hotel wirkt nicht gerade präsidial. Drei Sterne, ein Fitnessraum, eine Lobby im Ikea-Stil. Die Zimmerpreise: 70 bis rund 100 Euro die Nacht.


Wenn er das Hotel verlässt, dann nie allein. Immer an seiner Seite: ein Mann mit weißen Haaren. Der katalanische Unternehmer Josep Maria Matamala. Er war dabei, als Puigdemont in Schleswig-Holstein festgesetzt wurde, als er nach der Entlassung vor die Presse trat, beim Fußballschauen sitzt er auf der Bierbank hinter ihm. Es heißt, Matamala könne einer der Finanziers des Unabhängigkeitsreferendums sein.


An einem sonnigen Nachmittag laufen die beiden durch Wilmersdorf, hinter ihnen ein Security-Mann, auf der anderen Straßenseite, mit etwas mehr Abstand, ein zweiter. Sie blicken sich hastig um. Drei Mann und ein paar Berliner Helfer, das ist Puigdemonts Entourage im Exil.


Mit dunklem Anzug und dunkler Sonnenbrille fällt er hier im Westen nicht weiter auf. Er schlendert zielsicher auf ein Restaurant am Ludwigkirchplatz zu. Auf der Tageskarte: Königsberger Klopse und Kartoffelpüree für 9,50 Euro. Oder Schnitzel mit Beelitzer Spargel, Sauce hollandaise und neuen Kartoffeln für 21 Euro. Knapp zwei Stunden sitzen Puigdemont und Matamala am hintersten Tisch im Restaurant. Es gibt viel zu besprechen.


Denn in Berlin wird katalanische Exilpolitik gemacht. Wie am 5. Mai, da wurde ein Konferenzraum in einem anderen Hotel in der City West zum Geschäftssitz der katalanischen Separatistenbewegung. 28 Mitglieder seiner Parlamentsfraktion vom Bündnis „Junts per Catalunya" waren eingeflogen, um einen Kandidaten für die Wahl zum neuen Präsidenten Kataloniens aufzustellen. Drei Mal haben die Separatisten bereits Kandidaten vorgeschlagen: entweder Puigdemont oder jemanden, der in Untersuchungshaft saß. Sie konnten nicht zur Wahl antreten.


Kommt heute Plan D? Fernsehkameras, Journalisten aus Madrid, Barcelona, Berlin, Paris. Seit einer Stunde sind sie vor dem Hotel in Stellung, als endlich ein Taxi vorfährt. Es ist ein Ablenkungsmanöver. Während die Kameramänner draufhalten, biegt ein Stück weiter Puigdemonts Wagen in die Einfahrt ein. Hier geht es um Katalonien, nicht um Puigdemont. So die Botschaft. Nach knapp vier Stunden hinter verschlossenen Türen tritt der Fraktionssprecher vor die Presse. Sie haben Puigdemont erneut zur Kandidatur vorgeschlagen. Das Madrid seine Wahl zulässt, ist so gut wie aussichtslos.


Die Fahrt ist noch nicht zu Ende

Es ist ein Patt, alles steht still. Und „El Clásico?" Geht 2:2 aus. Puigdemont eilt in Richtung Ausgang, wird nochmal mit Smartphones umringt, löst sich schließlich und verschwindet auf der Hinterbank seines Autos. Es ist der selbe silberne Renault Espace mit dem belgischen Kennzeichen, mit dem er an der dänischen Grenze festgenommen wurde. Die Fahrt ist noch nicht zu Ende.


Nachtrag: Wenige Tage später wird Puigdemont vor das Volk treten. Auf YouTube. Er verzichtet auf die Kandidatur als Präsident, überlässt sie einem gewissen Quim Torra. Fraktionskollege, unbelastet, glühender Separatist. Vielleicht erinnern Sie sich? Der Mann, der am Ostkreuz neben Puigdemont vor Aufregung auf und ab sprang, der Mann mit gelber Schleife und Berliner Pils. Das ist Quim Torra. Er nimmt den Auftrag via Twitter an, nennt Puigdemont aber weiter den „legitimen Präsidenten". Bei der ersten Abstimmung im katalanischen Parlament am Sonnabend fehlen ihm zwei Stimmen. Er ist noch nicht Präsident. Spielstand zwischen Barcelona und Madrid? Wer weiß das schon?


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