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Niemand will die Klimaziele 2020: Wie wir den Klimawandel in Deutschland noch stoppen könnten

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Alternative Energien sind die Zukunft. Eine aktuelle Studie zeigt, dass die Klimaziele für 2020 eigentlich problemlos eingehalten werden könnten. Dennoch formiert sich von allen Seiten Widerstand dagegen.


1990 gab sich die damalige Bundesregierung das Ziel vor, bis 2020 40 Prozent weniger Treibhausgase auszustoßen. 32 Prozent sind geschafft, acht würden noch übrig bleiben. Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass dies sogar ziemlich einfach ginge und die Versorgung weiter gewährleistet wäre.


Davon ist Norman Gerhardt überzeugt. Der Experte für Energiewirtschaft und Systemanalyse des Fraunhoferinstitus hat gemeinsam mit seinen Kollegen in einer Studie untersucht, wie man die Klimaziele bis 2020 doch noch einhalten könnte. Die Ergebnisse:


1. 14 alte Braunkohlewerke abschalten

Der erste Schritt ist, über Deutschland verteilt 14 Braunkohle-Blöcke bis 2020 abzuschalten. Dies entspricht 6,1 Gigawatt Leistung und damit circa ein Sechstel der gesamten Kohlekraftwerks-Kapazität.


2. Restliche alte Meiler drosseln

Zweiter Schritt wäre, alle restlichen Kohlekraftwerke, die 20 Jahre oder älter seien, moderat gedrosselt werden. „Bei den Verhandlungen zur Jamaika-Koalitionen war man ganz nah dran. Die Grünen wollten acht Gigawatt abschalten, die Union vier", erklärt Gerhardt. Die Zahl sei also nicht unrealistisch.


3. Mehr Windkraft- und Photovoltaikanlagen

Gleichzeitig müsste ein Versprechen aus dem Koalitionsvertrag endlich eingelöst werden. In den Zeilen 3250 bis 3253 verspricht die große Koalition ziemlich eindeutig Windkraft- und Photovoltaikanlagen, die mindestens vier Gigawatt Strom produzieren und zehn Millionen Tonnen CO2 einsparen sollen. Der Grund: Das Potenzial von Wasserkraft ist zu 90 Prozent ausgeschöpft. Deshalb müsse man jetzt voll auf den Ausbau von Wind- und Solarenergie setzen, sagt Carsten Pfeiffer. Er ist Leiter für Strategie und Politik des Bundesverbands erneuerbarer Energien. Die Kosten für Anlagen gehen seit Jahren zurück. Noch nie war es so billig, Öko-Strom zu erzeugen.


Alte Kritikpunkte treffen nicht mehr zu

Wirtschaftlich lässt sich eine weitere Verzögerung der Energiewende nur noch schwer rechtfertigen. Die Kritik, dass die Produktion von Windrädern umweltschädlich sei, hat sich bereits als falsch herausgestellt. Die Energie, die benötigt wird, ein Windrad herzustellen, hat ein Windrad bei guten Windbedingungen innerhalb von drei Monaten hereingeholt, sagt eine Studie der Bundesregierung. Die Recyclingquote des Materials beträgt 80 bis 90 Prozent. Zum Vergleich: Ein Fernseher hat 75 Prozent.


Die neue Generation der Windräder wird außerdem optisch angenehmer sein, meint Norman Gerhardt. „Die Zeit der verspargelten Landschaften ist vorbei."

Deutschland zahlt aktuell, damit andere Länder unseren Strom verbrauchen

Mit der Abschaltung der Braunkohlekraftwerke wären dann auch die hohen Überkapazitäten Deutschlands Geschichte. Dies nahm zu Jahresbeginn bereits absurde Züge an, dass Frankreich Geld dafür bekam, in Deutschland produzierten Strom zu verbrauchen. Für Notfälle stehen außerdem umweltfreundlichere aber wenig rentablere Gaskraftwerke zur Verfügung, die beinahe still stehen und mehr Geld als Gas verbrennen.


Mit ihren Vorschlägen dürften die Forscher des Fraunhofer Instituts nicht alleine dastehen. Laut einer repräsentativen Umfrage des Bundesverbandes für Energie- und Wasserwirtschaft geht die Energiewende 64 Prozent der deutschen zu langsam. Gleichzeitig halten 93 Prozent die Energiewende für essenziell.


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Irgendwann war es Guntram Ziepel einfach zu viel. In seiner Heimatgemeinde Fulda wurde bereits lange über Hochspannungsleitungen diskutiert. Vor vier Jahren bekam der Ingenieur für Elektrotechnik dann erste konkrete Pläne des Übertragungsnetzbetreibers Tennet für in die Hände. „Ohne Hirn und Verstand" urteilte Ziepel und rief mit Mitstreitern eine Bürgerinitiative gegen die sogenannten Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungs-Leitungen, kurz HGÜs, ins Leben. Heute ist Ziepel Leiter des Bundesverbandes der Bürgerinitiativen gegen Suedlink.


Gegen was wird eigentlich gekämpft?

Was sind HGÜs? Die Leitungen sollen Strom über lange Distanzen besonders schnell und verlustarm übertragen. Dadurch kann das Netz flexibler gesteuert werden, um die von Natur aus schwankenden Strommengen alternativer Energien besser zu verteilen. Außerdem soll der stromreiche Norden dem stromarmen Süden und Westen so besser Energie übertragen. Alternativlos für die Energiewende, sagen Experten.


Nicht nur gegen Stromtrassen kämpfen Bürger seit Jahren. Auch gegen Windkraft und Photovoltaik hat sich eine starke Front gebildet. Der Bundesverband Vernunftkraft umfasst nach eigenen Angaben 630 Bürgerinitiativen nur in Deutschland. Das wären mindestens zwei in jedem Landkreis.


Er persönlich glaubt, dass man mit lokalen Stromspeicherzentren besser dran wäre (dem Gerhardt vehement widerspricht), würde sich aber auch auf eine Verstärkung der Verteilnetze für eine dezentrale Energieversorgung verständigen können. Bevor er aber nicht detailliert weiß, wie die Energiewende aussieht, will er sich keine riesigen Strommasten vor die Haustür setzen lassen.


Altmaiers Plan

Der Stromleitungsbau, der den Erfordernissen der Energiewende hinterherhinkt, soll schneller und unkomplizierter von statten gehen. Immer öfter müssen die stark subventionierten Windparks in Norddeutschland gedrosselt werden, weil die Kabel mit der Menge überfordert sind, schreibt die „Welt". Wirtschaftsminister Peter Altmaier hatte deshalb bereits im August bereits einen „Aktionsplan Stromnetz" vorgestellt.


Höchste Zeit, findet Norman Gerhardt. Reichen werde dies jedoch nicht. Man solle nicht darüber diskutieren, ob eine Modernisierung des Stromnetzes wichtig ist, sondern dass man es europaweit ausbaut. „Der Strombedarf wird sich in den nächsten Jahrzehnten verfünffachen", sagt der Experte. Darauf müsse man vorbereitet sein.


Auch Ziepel reicht der Aktionsplan nicht. Deswegen hat er dem Wirtschaftsminister einen Brief geschrieben, in dem er Altmaier um konkretere Vorschläge bittet. „Der Teufel steckt im Detail", sagt Ziepel. Dies sei ja auch nicht der erste Aktionsplan zu diesem Thema. Diese Frustration kennt Carsten Pfeiffer. „Die Politik setzt sich Ziele, wir machen Vorschläge und am Ende passiert nichts."


Was noch fehlt

Die Situation sei grotesk. Obwohl die Kanzlerin die Energiewende wolle, die Menschen die Energiewende wollen, blockiere vor allem der starke Wirtschaftsflügel der CDU den Ausbau alternativer Energien, erklärt Pfeiffer. Dies geht sogar so weit, dass deshalb die ganze Windkraft-Branche in Schwierigkeiten steckt.


Die Aufträge für Windkraft seien nämlich vor Jahren von der Bundesregierung gedeckelt worden - um fast die Hälfte. Diese Aufträge fehlen jetzt, Firmen mussten deswegen bereits Leute entlassen.


Kohle-Kommission vertagt die Zukunft weiter

Ende November hätte die die Kohlekommission einen Fahrplan vorlegen sollen, wie der Ausstieg aus der Kohleenergie funktionieren soll. Der Termin wurde auf Ende Januar 2019 nach hinten verschoben. Industrie, Gewerkschaften, Wissenschaft und Umweltgruppen können sich nicht einigen. Streitthema sind vor allem die etwa 20.000 Jobs, die an der Kohle hängen.


Außerdem zeigen sich die Teilnehmer verwundert über die schlechte Koordination und massive Unterfinanzierung der Politik. Die Bundesregierung hat bis 2021 1,5 Milliarden Euro für den Ausstieg zugesagt. Die Kohlereviere rechnen jedoch mit 60 Milliarden Euro, die sie für den Strukturwandel brauchen.


Es gibt keine eindeutige Zuständigkeit

Dass sich Bundesfinanzminister Olaf Scholz bei wichtigen strategischen Fragen Wirtschaftsminister Peter Altmaier widerspricht, zeigt einen weiteren Schwachpunkt. Das Fehlen einer eindeutigen Zuständigkeit verlangsamt die Energiewende enorm, kritisieren Energieverbände. Bundeswirtschaftsministerium, Bundesnetzagentur, Länder und die vier Netzbetreiber müssen sich permanent miteinander austauschen. Das kostet Zeit, obwohl Altmaier selbst die Energiewende zur „Chefsache" erklärt hat.


Vielleicht hat er deshalb Ziepels Brief noch nicht beantwortet. Die Klimaziele für 2020 sind übrigens gleichzeitig mit dem Aktionsplan um zehn Jahre nach hinten verschoben worden. Ziepel will sich aber schon nächste Woche noch einmal bei Altmaier melden.

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