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"Wir machen Battlerap mit Haltung" // Die Argonautiks im Interview (Teil 2)

Foto: Emma Weh

Viele Leute haben vermutlich gar nicht nicht auf dem Schirm, dass ihr seit über zehn Jahren Musik macht. Ich bin zum Beispiel auf diesen Facebook-Post von 2011 gestoßen, als du, Timm, noch Onset Rush hießt. Mortis One, Vokalmatador - das sind ja Leute, die man durchaus kennen kann, und mit denen ihr damals schon connected wart. Oder wie darf man das verstehen?

Vernetzt.

Timm: (lacht laut). Oh Gott. Ich habe damals eine JUICE gekauft, auf der CD war ein Track von Mortis. Ich habe den Song gehört und fand ihn ultra krass. Damals lag der Fokus noch so richtig auf Reimketten und diesem Zeug, das ist mir heute so egal. Daraufhin haben ein Kumpel und ich ihn bei Myspace angeschrieben und gesagt: "Jo, lass uns mal einen Track machen". Und er meinte direkt: "Jo, okay" (lacht). Mortis war damals schon für sein Untergrund-Zeug bekannt, das war super geil für uns. Wir haben ihn dann in der Maria getroffen (dem heutigen Yaam beim Ostbahnhof, Anm. d. Red.). Ich war damals sogar noch minderjährig, aber nur Mortis wurde nach einem Ausweis gefragt (lacht). Und der ist halt zehn Jahre älter als ich. Paul: Aber sieht immer noch jünger aus als wir (lacht). Timm: Er hatte dann Bock, mit diesem Wut-Mensch-Clan was zu starten. Dass Vokalmatador da dabei war, hat meinen Kopf gefickt. Wirklich. Einer von Der Sekte! Und mit dem mache ich vielleicht Musik?! Heftig. Dann gab es für das Projekt eine Facebook-Gruppe und ich habe mich dort mit meinen 16 Jahren aufgeführt wie das größte Opfer. Ich habe bei Tracks von erwachsenen Männern, teilweise Vätern, kommentiert, wie kacke ich das alles finde. Am Ende ist dann mit diesem Projekt auch nichts passiert. Es gibt zwar Lieder, aber die wurden nie releast. Paul: Ich glaube aber, dass die anderen Leute in der Gruppe dich als Rapper sogar gut fanden. Damals in der Maria hat Mortis dich bei Morlockk Dilemma als den nächsten Savas vorgestellt.

Stabile HipHop-Anekdote. Timm: (zu Paul) Ne, Dicker, das war Marc Leopoldseder (langjähriger HipHop-Journalist für u.a. JUICE, splash! Mag und All Good, heute A&R bei Believe, Anm. d. Red). Der hat mich auf Mortis' Releaseparty von "Der goldene Käfig", nachdem wir uns an der Bar besoffen haben, jedem als den nächsten Savas vorgestellt. Durch Marc sind wir damals auch in die JUICE gekommen. Das war wirklich ein großer Push. Paul: Das war die allererste Review zu unserem Zeug. Timm: Funfact dazu: Direkt neben unser ersten Review stand im damaligen Heft auch die erste Review zu Cro. Zwei Jahre später war der dann aber ganz weit weg.

Nochmal zurück zum neuen Album. Das ist laut euch ein reines Battlerap-Album. Das kann im ersten Moment wie eine Vereinfachung klingen. Aber wie schwer ist es, nicht eben nur ein weiteres, sondern ein gutes Battlerap-Album zu machen? Sich innerhalb dieses kleinen thematischen Rahmens noch einmal abzuheben und eine Monotonie zu vermeiden? Timm: Nicht so schwer, finde ich. Mir fällt Battlerap einfach immer am leichtesten. Allein was die Wortwahl angeht, die bei Battlerap schier unbegrenzt ist. Das ist bei Themensongs nicht unbedingt so. Paul: Weil es die mitunter auch schon so oft gab. Probier' mal 2020 das Thema Ex-Freundin noch gut zu verpacken. Das ist extrem schwierig, finde ich. Themen werden einfach oft sehr schnell kitschig. Timm: Battlerap ist halt auch zeitlos. Das ist ähnlich wie bei Boombap, da kann man nicht viel falsch machen. Vielleicht interessiert es nicht so viele Leute, aber keiner wird sagen: ‚Puh, das geht ja gar nicht klar.'

Es birgt aber eben auch die Gefahr, dass die Musik für manche Leute belanglos wird, oder? Timm: Auf jeden Fall. Aber genau deswegen ist es gut, dass wir innerhalb dieses Battlerap-Kontextes immer wieder Haltungen oder kleine Themen einbringen. Mit einer Zeile oder einer Hook.

Wie zum Beispiel mit der Line: "Regen fällt auf Brandenburg/ Sonnenschein auf München, Bruder, es war niemals andersrum". In den letzten zwei bis drei Jahren war Ostdeutschland eines der präsentesten Themen überhaupt. Wer wohnt da? Wie denken die Menschen da? Was lief dort eventuell schief? Wie habt ihr das mitbekommen und war das eventuell auch schon Teil eures Aufwachsens? Paul: Bei mir in Teltow habe ich davon gar nichts mitbekommen. Meine Eltern sind in der DDR aufgewachsen, die Eltern meiner Freunde auch. Deswegen war das für mich nie großartig ein Thema. Bei mir ging die Auseinandersetzung damit los, als ich meine Ausbildung angefangen habe. Da musste ich nach Spandau (tief im Westen in Berlins, Anm. d. Red.) in die Berufsschule. Da kamen dann schon öfters mal hässliche und dumme Sprüche, auch in Richtung unserer Eltern. Ich habe bis heute nicht verstanden, warum das da so thematisiert wurde. Ich hatte aber das Gefühl, dass viele der Leute da einfach nachquatschen, was deren Eltern erzählen. Timm: Bei mir ist es auch so, dass ich diese Haltung aus dem Elternhaus habe. Nicht die Haltung, dass Wessis schlecht sind, aber dass es ihnen besser geht. Und das ist ja auch einfach Fakt, allein wenn man an Gehälter denkt. Für den Job, den ich mache, würde ich in Westdeutschland ein Drittel bis die Hälfte mehr kriegen. Aber ich wurde abgesehen davon nie wirklich damit konfrontiert. Ich weiß aber, dass ich nie nach Westdeutschland ziehen werde. Ich werde hier aus der Ecke nicht weggehen. Ich halte nicht viel von dem Begriff "Heimat", aber ich bin hier halt aufgewachsen und fühle mich wohl. Wenn wir auf Tour sind, finde ich es so komisch, wenn die Leute höflich auf der Straße sind. Ungewohnt einfach (lacht).

Foto: Emma Weh

2014 hast du bei dieser Cypher über Teltow gerappt: "Trau dich in das verlorene Land". Kommt aus dieser Szenerie des Abgeschiedensein auch die bei euch sehr präsente Anti-Yuppie-Haltung? Auf dem Album heißt es ja auch: "Berlin ist voller Opfer wie der Mauerpark Sonntags". Timm: Ich glaube, das kommt sogar auch aus dem Elternhaus. Ich bin jetzt nicht in Armutsverhältnissen aufgewachsen, aber reich auf jeden Fall auch nicht. Da kriegt man das schon mit. In meinem Jahrgang auf der Schule, auf der wir waren, war ich einer von zwei oder drei Leuten aus Teltow. Der Rest kam überwiegend aus Einfamilienhäusern. Paul: Man sollte bei Teltow dazusagen, dass es eine Nachbarstadt von Kleinmachnow ist - die reichste Gemeinde Deutschlands. Wir sind dann mit Leuten auf eine Schule gegangen, die schon von Grund auf sagten: "Boah, die Teltower Assis, Alter".

Ihr hattet das Gefühl, pauschal abgestempelt worden zu sein? Timm: Auf jeden Fall. So ist es auch heute noch, da bin ich mir sicher. Paul: Wenn es dann Partys in irgendwelchen Bonzenhäusern in Kleinmachnow gab, war das auf jeden Fall ein wenig schwieriger, da reinzukommen. Da waren halt einfach viele Typen, die mit 18 den ersten 5er BMW von Papi bekommen haben. Timm: Und dann kamen halt die ekligen Maler aus Teltow. Ich war früher oft auf Partys in Zehlendorf. Da habe ich einfach aus Prinzip Sachen geklaut. Nicht weil ich die wollte, sondern einfach weil ich es geil fand, stinkreichen Bonzen etwas wegzunehmen. Paul: Das war allgemein so, dass wenn wir reingekommen sind, wir uns auch daneben benommen haben. Timm: Da gibt es legendäre Geschichte. Auch eine, in der ein Meerschweinchen verschwindet (lacht laut). Die ist nicht von uns, aber die gibt es.

Screenshot: Google Maps

Ihr habt den Ruf, den ihr hattet, also auch gerne und bewusst mit Leben gefüllt? Paul: Ja. Wenn ihr über uns urteilt, dann kriegt ihr auch die Leute. Dann sind wir auch so wie ihr euch das wünscht. Timm: Das war unzählige Male so, dass wir mit älteren Kumpels in deren Autos zu irgendwelchen Partys gefahren sind, und man sich dann erstmal vor das Haus gestellt hat. Dann kam drinnen irgendeiner auf die Idee, so richtig einen Harten zu machen. Und dann ist man erst recht reingegangen. Einfach aus Prinzip. Das war wirklich zwei Jahre lang mein Hobby (lacht). Manchmal war es auch cool, manchmal waren die Leute korrekt. Paul: Aber es sind mitunter auch richtig ekelhafte Sachen passiert. Wo die Eltern Anwälte waren und ihr Büro in dem Haus hinter einer Glastür hatten. Dann ist jemand an den Schlüssel gekommen, runtergerannt, an die Aktenschränke ran und dann wurden die Unterlagen geschreddert. Timm: Diese Party ist so legendär (lacht). Da kamst du mit einem blauen Auge an, das weiß ich noch genau.

Erzählt mal. Paul: Früher wurde man bei MSN in irgendwelche Gruppenchats mit 100 Leuten geworfen. Da haben sich einfach alle nur wild und hart beleidigt. Ich war dann auch mal bei so einer Situation involviert, da wurden sich sogar schon Lieder hin und her geschickt (schmunzelt). Dann habe ich irgendwann einen Anruf bekommen, dass sich 20 breite Jungs aus Tempelhof am S-Bahnhof Teltow mit mir treffen wollen. Die sahen dann auch nicht ganz ohne aus, hatten auch Baseball- und Totenschläger dabei. Einer hat, ohne Spaß, auch so Tricks mit dem Butterfly gemacht. Dann hieß es: "Entweder ihr beide macht jetzt hier einen Einzelkampf, oder wir prügeln uns alle und machen euch richtig kaputt." Dann habe ich mir, bevor alle meine Freunde auf die Fresse kriegen, die Nase breitschlagen lassen. Und dann war die Party. (Timm lacht sich tot).

"Ich könnte ein Buch über Teltow schreiben"

Timm

Dann bist du danach direkt dahin, oder wie? Paul: Ja, genau. Timm: Das war die Party von einem Mitschüler, ein Diplomaten-Kind. Der saß in der Schule neben mir, nachdem er neu dazugekommen ist. Er hat mich dann gefragt, was er machen könne, um die anderen Leute auch mal richtig kennenzulernen. Ich meinte: "Mach' doch so eine Willkommensrunde bei dir zuhause". Diese Willkommensrunde ist so ausgeartet (lacht). Da waren sicher 250 Leute am Ende. Auf allen Etagen lief der Track "25 Terror Gees" von Paul und einem anderen Typen (Die 25 ist der Areacode für Teltow, Anm. d. Red.). Irgendwann sind die Kabel durchgebrannt, weil wir so aufgedreht haben. Später bin ich raus und bin auf dem Auto der Nachbarn rumgesprungen. In dem Moment fährt eine Streife vorbei, die Beamten gucken mich an und fahren einfach weg (lacht). Die konnten das nicht mehr unter Kontrolle kriegen. Eine Woche später waren die Eltern da: 25.000 Euro Schaden. Die Mutter ist daraufhin durch die Schule gerannt um ausfindig zu machen, wer da am Start war.

Musstet ihr dann an die Kasse? Paul: Ne, zum Glück nicht. Timm: Bei der gleichen Frau hatte ich übrigens später Französisch-Nachhilfe (lacht).

Wusste die, dass du bei der Party dabei warst? Timm: Ja, aber die ist richtig cool. Die hat mir dann auch Brote für die Schule geschmiert. Das musst du dir mal geben. Sie hat ihrem Sohn jahrelang Brote für mich mitgegeben.

Teltow, heftig. Timm: (lacht laut) Wirklich. Ich könnte ein Buch darüber schreiben.

Aber nochmal zur Musik: Ihr macht das hier ja alles an euren Feierabenden, nach euren regulären Jobs. Habt ihr Ambitionen, irgendwann nur noch Musik zu machen, oder seid ihr vielleicht auch ganz froh darüber, eben nicht nur in dieser Rap-Welt zu stecken? Paul: Das frage ich mich fast jeden Tag nach dem Aufstehen. Timm: Und ich mich vor dem Einschlafen. Paul: Ich stelle es mir einerseits sehr geil vor, Vollzeit Musik zu machen. Aber ich glaube, dass wir andererseits auch voll die sicheren Typen sind. Ich will für meinen Teil abends einpennen und wissen, dass am Ende des Monats schon irgendwie Geld reinkommt und ich Miete zahlen kann. Ich habe keinen Bock auf Existenzängste. Timm: Ich hätte auch gar keinen Nerv mehr dazu. Ich will das einfach nicht. Paul: Vielleicht schafft man ja aber irgendwann den sicheren Absprung. Dass es auf der musikalischen Seite so gut läuft, dass man es einfach macht. Ich wünsche mir, dass das zeitnah passiert. Dass dieses eine Zeichen kommt. Timm: Ich wüsste nichtmal was ich wollte, wenn ich es mir aussuchen könnte. Wir bewegen uns ja noch in einem sehr überschaubaren Kreis, was die Reichweite angeht. Und manchmal wird es mir schon jetzt viel zu viel.

Interview: Louis Richter Fotos: Emma Weh

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