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„Selbst schuld, kein Mitleid“

Der öffentliche Umgang mit dem Bergtod bewegt sich zwischen Verurteilung, Verklärung und Vereinnahmung – auf Kosten der Angehörigen. Dabei könnte es so einfach sein.

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Schlagzeilen wie diese ergießen sich im täglichen Schwall an Negativnachrichten über uns – und kitzeln die Aufmerksamkeit des bergaffinen Hörer-Leser-Schauers besonders. Hat sich das Bergsteigen in der öffentlichen Wahrnehmung doch noch immer nicht ganz aus dem Klammergriff des Heldenepos befreit. Gipfelsieg oder Tod lautet die wiederkehrende Dramaturgie der Berichte. Ihr Fokus liegt dabei klar auf den Verunfallten. Schuld wird gesucht, gefunden und verhandelt. Entsprechend gefüttert, kreisen auch die Kommentare der sozialen Netzwerker um den Sinn und Unsinn des Tuns, die Verantwortung der sogenannten Opfer und die moralische Tragweite des alpinen Treibens.

Nun sind eben jene „Diskussionen“ selbst in die Diskussion geraten. In einem vielbeachteten Beitrag diagnostizierte der Bergsport-Blogger Gabriel Egger einen „Absturz der Empathie“. Er schreibt: „Die Selbstverständlichkeit und die Rohheit, mit der über Menschen in der vermeintlich gesetzlosen digitalen Welt gerichtet wird, hat Ausmaße angenommen, die nicht mehr zu akzeptieren sind.“ Betrachtet man journalistische Beiträge über tödliche Bergunfälle und den in ihrem Fahrwasser quellenden Meinungsbrei der Kommentar-Schreiber genauer, wird jedoch klar: Fehlendes Mitgefühl ist nicht der einzige problematische Befund. Drei Reaktionen dominieren den gesellschaftlichen Umgang: Verurteilung, Verklärung und Vereinnahmung. Sie alle sind wenig hilfreich für diejenigen, deren Empfinden den Maßstab bilden muss: die Angehörigen der Verstorbenen. 

Verurteilung: „Selbst schuld, kein Mitleid“ 

„Die öffentliche Diskussion erlebe ich als anmaßend und überheblich“, sagt Heiner Brunner, Regionalleiter der Bergwacht Hochland. Seit fast zwei Jahrzehnten betreut er mit dem Kriseninterventionsdienst der Bergwacht nach tödlichen Unfällen die Hinterbliebenen. „Sie ist häufig auf Schlagzeilen und Schuldfragen reduziert.“ Und auch Holger Rupprecht, Portalmanager unseres Bergmagazins, beobachtet eine Entwicklung mit Sorge: „Auf Facebook ernten unsere Posts zu Unfällen in den Bergen immer wieder Kommentare, in denen Verletzte oder Verstorbene herabgesetzt werden. ‚Kein Mitleid‘ oder ‚selbst schuld‘ sind da noch die harmlosen Formulierungen. Manchmal wird auch in reißerischem Ton dazu aufgefordert, die Hinterbliebenen dieser ‚Deppen‘ zur Zahlung der Bergungskosten zu zwingen. Das lässt einen schon schlucken.“ Der Tenor dieser schnellgeschossenen Schuldzuweisungen und Urteilssprüche: Menschen, die sich freiwillig einem „Extremsport“ aussetzen, nehmen den Tod mutwillig in Kauf und haben deshalb keine Nachsicht verdient.

Dabei vergessen die Schreiber eines: „Erst nach rund einem halben Jahr haben Staatsanwaltschaft und Alpinpolizei genug Kenntnisse zusammengetragen, um die Ursachen eines Unfalls einschätzen zu können“, weiß Brunner. Deren Analyse sei im Nachgang zwar wichtig, um aus dem Unfallgeschehen lernen zu können, doch diese Aufgabe sei Spezialisten vorbehalten. „Denn dafür braucht es Zeit, Wissen und Kompetenz“ – Voraussetzungen, die Medien und ihre Leserschaft nicht immer erfüllen. Entsprechend stellt Harald Riedel, gerichtlicher Sachverständiger für Berg- und Lawinenunfälle, in der Bergführerzeitschrift bergundsteigen fest: „Wenn ich mir nach Abgabe des Gutachtens manchmal die Presseberichte oder die Aussagen in sozialen Medien anschaue, habe ich nicht selten den Eindruck, dass es sich um einen völlig anderen Unfall handelt.“

Hinzu kommt: „Jeder, der selbst in den Bergen unterwegs ist, wird schon Momente gehabt haben, in denen ihm klar wurde: Da hab ich jetzt gerade sauber Massel gehabt“, sagt Heiner Brunner vom KID Berg. „Und in noch mehr Situationen war uns wahrscheinlich nicht einmal bewusst, dass wir ordentlich Glück hatten.“ Es sei vermessen, zu glauben, Unfälle könnten uns selbst nicht passieren. In dem Reflex, uns selbst vor dem Schicksal das Verstorbenen sicher wähnen zu wollen, deklarieren wir den Unfall als vermeidbar, leugnen wir die Zufälligkeit und entwerten wir den Verunfallten.

Auf Kosten der Angehörigen: „Kommentare mit dem Tenor ‚Wie konnte er nur so ein Risiko eingehen und leichtsinnig sein?‘ zwingen die Hinterbliebenen, eine verteidigende Haltung einzunehmen“, sagt Uschi Pechlaner von der Nicolaidis YoungWings Stiftung. Immer wieder begleitet die Sozialpädagogin Menschen, die ihren Partner durch einen Bergunfall verloren haben. „Es entsteht das Gefühl, sie müssten den Toten stellvertretend schützen. Das ist kraftraubend und schwer auszuhalten in einer Situation, in der man ohnehin keinen Boden mehr unter den Füßen spürt.“

Verklärung: „Jetzt haben ihn die Berge für immer bei sich“

Die Psychiater Thomas Holmes und Richard Rahe entwickelten eine Skala mit 43 Ereignissen, um das Ausmaß von Stress in belastenden Lebenssituationen messen zu können. Platz 1: Tod des Lebenspartners. Platz 5: Tod eines Familienangehörigen. Verhandeln wir die Umstände eines Bergtodes öffentlich, muss uns also bewusst sein, dass den Angehörigen das Schlimmste widerfahren ist, was uns in der heilen ersten Welt überhaupt treffen kann. „Eine so massive Verlusterfahrung stellt vieles in Frage und zerstört erst einmal jede Zukunftsvision“, weiß Uschi Pechlaner. „Sie wirkt in alle Lebensbereiche hinein und ist eine existenzbedrohende Erfahrung, die eine lange Auseinandersetzung mit sich bringt.“

Angesichts dieser Tragweite sind auch die verklärenden Kommentare unangemessen, die in der öffentlichen Diskussion immer wieder reflexhaft ausgepackt werden. „Jetzt haben ihn die Berge für immer bei sich“, „Lieber ein kurzes, intensives Leben, als ein langes voller Routinen“, „Er ist bei der Tätigkeit gestorben, die ihn am glücklichsten gemacht hat“ – solche Phrasen sollen uns selbst entlasten und kaschieren, dass uns der Tod die Worte raubt. „Oft sind diese Bemerkungen überzeichnet und überinterpretiert“, beobachtet Heiner Brunner. „Fremde Menschen spielen dadurch mit Gefühlen der Angehörigen.“

Natürlich sei für manche Betroffene der Gedanke tröstlich, dass der Verunglückte zum Zeitpunkt des Todes seiner Leidenschaft nachgegangen ist. Genauso aber könne der Berg auch als Gegner wahrgenommen werden und mit Wut beladen sein. Ein zusätzlicher Verlust, denn: „Oft waren die Berge auch für die Angehörigen ein Kraftraum, der mit dem Unfall erstmal in Frage gestellt sein kann“, sagt die Trauerbegleiterin Uschi Pechlaner. Weil jeder Schicksalsschlag individuell unterschiedlich erlebt wird, verbieten sich pauschale Aussagen und Fern-Interpretationen. Alleinige Deutungshoheit sollten die nächsten Angehörigen besitzen.

Vereinnahmung: „Oh mein Gott, wie schlimm! Ich bin total erschüttert.“

Kollektive Betroffenheit ist die dritte Reaktion auf alpine Todesnachrichten: „Wir können es nicht begreifen. Warum sterben immer die Besten so jung?“, „RIP. Ich fühle mit den Angehörigen, die jetzt ohne ihn leben müssen.“, „Ich kann es nicht fassen: Wie konnte das nur passieren?“ Gefühlsausbrüche unbeteiligter Fremder wie diese können egozentrisch und übergriffig wirken. Mit dem Bezug auf die eigenen Emotionen rückt sich mancher Schreiber selbst in den Mittelpunkt, er beschlagnahmt den öffentlichen Raum und vereinnahmt den Verstorbenen für die Darstellung eigener Befindlichkeiten.

„Für Angehörige ist es tröstlich, Anteilnahme zu spüren“, weiß Uschi Pechlaner. „Aber die lebt vor allem von einer persönlichen Beziehung.“ Sei die Berührung der anderen beliebig, könnten die Bekundungen auch verletzend sein. Denn für Betroffene sei es sehr wichtig, Einfluss auf eine Situation zu behalten, in denen ihnen das bisherige Leben völlig entgleitet. „Der Tod eines Nahestehenden wird als Verlust der Selbststeuerung erlebt. Trauernde empfinden Hilflosigkeit und Ohnmacht. Da kann es retraumatisierend sein, wenn man einer unkontrollierbaren Berichterstattung und Diskussion ausgesetzt ist und der Verstorbene in den öffentlichen Raum getragen wird.“

Was daraus folgt: „…“

In seinem Beitrag appelliert Blogger Gabriel Egger: „Versuchen wir es mit Mitgefühl, auch wenn, oder gerade weil wir den Menschen nicht kennen. Schlagen wir uns auf die Seite der Angehörigen, richten wir sie mit einfachen Gliedsätzen wieder auf.“ Aus Sicht der Trauerbegleiterin kann öffentliche Anteilnahme vor allem unter zwei Bedingungen hilfreich sein: Wenn sie den Verstorbenen wertschätzt. Oder, wenn der Scheiber Hilfreiches sagen kann, weil er ähnliche Erfahrung machen musste.

In allen anderen Fällen gilt: „Empathie kann auch mal Schweigen bedeuten“, so Uschi Pechlaner. Warum also nicht einfach mal nichts sagen, wenn man nichts zu sagen hat? Wenn man den Angehörigen nichts Tröstliches mitgeben kann, weil ihre Lage untröstlich ist? Wenn es zu früh ist für Ursachenforschung, wenn es noch nichts aus dem Unfall zu lernen gibt, weil noch keine haltbaren Fakten vorliegen? Wenn wir verstanden haben, dass wir uns keine Meinung erlauben, kein Urteil fällen, keine Aufmerksamkeit beanspruchen können? Dann sollten wir beherzigen, was Heiner Brunner sagt: „Größtmögliche Zurückhaltung wäre wünschenswert.“