1 Abo und 0 Abonnenten
Artikel

Freunde zum Leben

Der Mensch ist ein Rudeltier. Wer enge Beziehungen pflegt, profitiert deshalb nicht nur psychisch. Soziale Kontakte braucht es auch, um körperlich gesund zu bleiben. Sie senken das Stresslevel, stärken das Immunsystem und beugen so mancher Krankheit vor.

Winnetou und Old Shatterhand, Asterix und Obelix, Goethe und Schiller – sie alle eignen sich zum Vorbild. Denn enge Freundschaft, wie sie die Duos verbindet, tun uns in vielerlei Hinsicht gut. Egal ob intime Gespräche, gemeinsame Unternehmungen oder schweigsame Momente; ob mit Freunden, dem Partner oder der Familie: Soziale Kontakte machen uns nicht nur glücklicher, sie helfen auch, psychisch wie physisch gesund zu bleiben.

Denn gute Beziehungen sind essentiell für unser Wohlbefinden, das zeigen jüngste Befunde aus der Psychologie und Medizin. Menschen mit einem stabilen Sozialleben schlafen besser, sind weniger gestresst, können sich besser konzentrieren und geben bei Problemen nicht so schnell auf. Wer einen vertrauten Freund hat, ist außerdem weniger anfällig für psychische Erkrankungen. „Soziale Kontakte schützen hinsichtlich des Risikos für Depression, Angsterkrankungen, psychotische Zustände und Suizid“, so Peter Kirsch, Professor für klinische Psychologie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim.

„Bei engen Freunden können wir uns öffnen und so sein, wie wir sind“, begründet Prof. Elisabeth Oberzaucher, Verhaltensbiologin an den Universitäten Wien und Ulm, dieses Phänomen. „Sie verhindern, dass Probleme richtig dramatisch werden.“ Schließlich müssen wir uns nur dann in ungesundes Verhalten stürzen und mit fragwürdigen Gegenmitteln trösten, wenn wir niemanden haben, mit dem wir unsere Sorgen teilen. Einsame Menschen ernähren sich deshalb oft schlechter, bewegen sich weniger und rauchen häufiger, erklärt Peter Kirsch. „Und das hat Auswirkungen auf eine Reihe von somatischen Erkrankungen.“

Anders gesprochen: Von engen Vertrauten profitieren wir auch körperlich. Studien deuten darauf hin, dass stabile soziale Kontakte das Immunsystem stärken, das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken und die Genesung nach Krankheiten fördern. Menschen, die mindestens einen guten Freund haben, sind weitaus weniger oft von chronischen gesundheitlichen Problemen wie hohem Blutdruck, Demenz oder Asthma betroffen. Und überhaupt: „Soziale Kontakte sind protektiv für fast alle Erkrankungen“, glaubt Peter Kirsch. Freunde und Familie bereichern deshalb nicht nur das Leben, sie verlängern es auch.

Fast 150 Studien mit über 300.000 Teilnehmern haben Julianne Holt-Lunstad und Timothy Smith von der Brigham Young University analysiert, um herauszufinden, wie soziale Einbindung und Sterblichkeit zusammenhängen. Sie fanden heraus, dass Menschen mit einem guten Freundes- und Bekanntenkreis eine rund 50 Prozent höhere Überlebenswahrscheinlichkeit haben – verglichen mit Personen, die sozial nur mäßig aktiv sind. Laut den Ergebnissen der Wissenschaftler ist Einsamkeit damit genauso schädlich wie exzessiver Alkoholkonsum oder 15 Zigaretten am Tag, schädlicher wie der Komplettverzicht auf sportliche Betätigung und doppelt so schädlich wie Adipositas.

Diese gravierenden Folgen kommen nicht nur daher, dass es einsamen Menschen an Freunden und Verwandten mangelt, die sie von ungesundem Verhalten abbringen könnten. Die Wirkung greift tiefer. „Wir Menschen sind ja grundsätzlich soziale Wesen. Ein Zustand, in dem wir sozial isoliert sind, ist ein unnatürlicher Zustand“, so der Psychologe Peter Kirsch. Sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen, ist ein menschliches Grundbedürfnis – wie das nach Nahrung oder Wärme. So zeigen zahlreiche Forschungsarbeiten, dass die Suche nach zwischenmenschlicher Anerkennung, Wertschätzung und Zuneigung ein starker Antrieb ist. Die Erklärung dafür liegt in unserer Evolutionsgeschichte: „Wer sich als Sozialpartner in der Gemeinschaft etablierte, sicherte sich die Unterstützung anderer und damit sein Überleben“, so Oberzaucher. Im Laufe der Jahrtausende bildeten sich so neuronale und hormonelle Strukturen heraus, die auf ein Leben in der Gemeinschaft ausgerichtet sind.

Eine zentrale Rolle spielt dabei das körpereigene Hormon Oxytocin. „Als sogenanntes Bindungshormon wird es bei engen sozialen Interaktionen ausgeschüttet“, weiß Prof. Peter Kirsch. „Gleichzeitig wirkt es sich positiv auf die körperliche Stressreaktion aus.“ So verringert Oxytocin den Blutdruck und senkt den Kortisolspiegel. Grenzen wir uns dagegen aus und kehren wir unserer Sippe den Rücken, werden wir dafür mit den Folgen der Einsamkeit gestraft. „Das Gefühl, zu keiner Gruppe oder Gemeinschaft zu gehören, ist ein sehr starker Stressor, der im Gehirn fast wie physischer Schmerz verarbeitet wird“, erklärt Kirsch. „Und Stress hat einen entscheidenden Einfluss auf die psychische und körperliche Gesundheit.“

Bloß ist es seit der Steinzeit leider nicht einfacher geworden, als Teil eines festen Rudels durchs Leben zu marschieren. Die Zahl der Single-Haushalte und Scheidungen steigt, traditionell feste Familienstrukturen lösen sich auf. In der Folge wächst die Einsamkeit. Laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Harris Interactive fühlen sich über 40 Prozent der Deutschen alleine. Jeder Fünfte empfindet sein Leben sogar als sehr einsam.

Doch dagegen gibt es ein Mittel. Auf der Basis jahrelanger Forschung hat John Cacioppo, Neurowissenschaftler an der University of Chicago, ein Programm entwickelt, mit dem Betroffene Schritt für Schritt der Einsamkeit entkommen sollen. EASE lautet seine Empfehlung: Erweitern des Aktionsradius, Aktionsplan, Selektieren und Erwartung des Besten. Ganz langsam sollen Vereinsamte ihr Schneckenhaus verlassen und nach Begegnungen mit anderen suchen. Helfen kann dabei ein Aktionsplan. Cacioppo empfiehlt etwa, sich einem Verein anzuschließen, einem Chor beizutreten oder sich ein Ehrenamt zu suchen. Wichtig ist dabei, nicht Quantität sondern Qualität in den Beziehungen zu suchen, also zu selektieren. Und zu guter Letzt gilt es, den Mitmenschen mit Wärme zu begegnen und ihnen nur die besten Absichten zu unterstellen. Wie es gute Freunde tun.