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Feature

Der Ball ist eckig

Mit federnden Knien und starken Nerven: Flinke Finger Bruck
steigen in die erste Tipp-Kick-Bundesliga auf

Puchheim – „Geiles Teil“, schreit der Gegner und reckt die Faust. 0:2 liegt Rainer Schönlau hinten, dabei geht es um viel. Sein Blick durch die Brille ist unbeeindruckt und konzentriert. Mit schnellen, geübten Bewegungen stellt er seinen Spieler, er drückt auf dessen Kopf und befördert den eckigen Ball ins Netz. 1:2, mit einem Konter gelingt Schönlau der Anschlusstreffer. Mit seinem Team, den Flinken Fingern Bruck, tritt er gegen den SV Kelheimwinzer an. Daheim, es geht um den Aufstieg in die erste Bundesliga. Gewinnen die Tipp-Kicker aus Fürstenfeldbruck, sind sie fast durch, fünf Siege in fünf Partien haben sie bisher erreicht.

Das Spielprinzip ist einfach: Der Ball ist eckig, und ein Spiel dauert zehn Minuten. Auf einem kleinen Spielfeld messen sich die Tipp-Kicker mit je einem Feldspieler und einem Torhüter. Der Ball hat zwei Farben. Zeigt die weiße Seite nach oben, darf der Spieler, der Weiß gewählt hat, schießen, sonst der andere. Bei einem Mannschaftsspiel treten je vier Spieler einzeln gegeneinander an, jeder gegen jeden. Das Team, das aus den 16 Partien die meisten Punkte erzielt, gewinnt.

„Ach Schönlau!“, stöhnt Rainer Schönlau über dem Spielfeld. „Meine Fresse, das gibt’s doch nicht“, schreit sein Gegenspieler. Es geht emotional zu in dem kleinen Nebenraum des FC Puchheim, in dem die Flinken Finger Training und Spiele abhalten. In der Ecke stapeln sich alte Fußballpokale am Boden. Auch ein paar Volleyballtrophäen liegen in den Kisten. Der Zeitmesser piepst. 2:4, Rainer Schönlau hat verloren.

Einmal pro Woche trainieren die Flinken Finger, dazu kommen acht Spiele pro Saison. „Wir sind eine reine Hobbybewegung, da kann man kaum Geld akquirieren. Um die Kosten gering zu halten, gibt es keine Rückspiele.“ Seit bald 40 Jahren ist Schönlau in der Tipp-Kick-Liga aktiv. Er kam bei einem Kindergeburtstag auf den Geschmack. Heute habe es Tipp-Kick bei Kindern schwer, die Konkurrenz heißt Playstation. Dort sind Spiele „natürlich spektakulärer, vom Showeffekt her“. Dabei sei Tipp-Kick schnell und variantenreich, schwärmt Schönlau: „Man kann Ecken direkt verwandeln. Man kann sogenannte Bretter machen, Konter, angedrehte Bälle.“

Etwa 50 Vereine sind im Deutschen Tipp-Kick-Verband gemeldet und spielen aktiv im Liga- oder Pokalbetrieb. Die Flinken Finger sind der erfolgreichste der sechs bayerischen Vereine. Vor zwei Jahren spielte die Mannschaft von Matthias Dietl, Bernd Dohr, Thomas Ruchti und Rainer Schönlau bereits in der ersten Liga, allerdings nur für eine Saison.

Doch die Rückkehr naht. Schönlaus Kollege Dietl klatscht sich mit seiner Mannschaft ab, dann geht er an den Tisch. „Platten fertig. Zeit läuft“, sagt der Zeitnehmer. Droht ein Schuss auf sein Tor, hält Dietl seinen Torhüter ganz ruhig und federt in den Knien. Der Gegenspieler vom SV Kelheimwinzer zieht ab, Dietl pariert den Ball, schnell bringt er seinen Feldspieler in Position. Dann ein Schuss aus der Distanz, Tor. „Ja, der war schön“, lobt sich Dietl. 4:3 gewinnt er die Partie, den letzten Schuss des Gegners wehrt er in den Schlusssekunden ab. Am Ende gewinnen die Flinken Finger mit 20:12 Punkten, neun Siegen und zwei Unentschieden. „Die erste Bundesliga ist schon herausragend“, erklärt Schönlau, „aber schaffen wir den Aufstieg, nehmen wir die Chance natürlich wahr.“

Dies sollte souveräner gelingen als angenommen: Nach dem Sieg gegen Kelheimwinzer haben die Flinken Finger noch zwei Auswärtspartien in Kaiserslautern gewonnen, seitdem steht ihr Aufstieg fest. Ihre letzte Partie im Juni gegen Karlsruhe wird ein reines Schaulaufen.

Obwohl: Auch gegen Kelheimwinzer sind nur Spieler der zweiten Mannschaft zum Zuschauen gekommen. „Wir spielen praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit“, sagt Schönlau. „Wie kannst du so einen Schmarrn machen?“, oder: „Das ist ja Blödsinn“ – solche Reaktionen bekämen Tipp-Kicker zu hören. „Wobei es ja auch sinnvollere Dinge gibt, als eine Kugel über 20 Meter zu stoßen oder über eine Latte zu hüpfen“, findet Schönlau, „da kann man auch jemandem auf den Kopf drücken, um den Ball ins Tor zu schießen.“ Tipp-Kick habe leider keine Lobby. „Du kannst in dem Sport kein Geld verdienen und bekommst keine Ehrfurcht, wenn du professionell spielst.“ Dabei sei Tipp-Kick keine simple Beschäftigung. Ein gutes Auge und große Geschicklichkeit brauche es, sagt Schönlau, auch mentale Fähigkeiten seien wichtig. „In einem Spiel, bei dem Kleinigkeiten den Unterschied machen, darfst du nicht nervös, zittrig oder hektisch sein.“

Ihre Begeisterung für den großen Bruder Fußball haben sich die Brucker bewahrt. Wenn der FC Bayern mittwochs in der Champions League antrat, sahen sie zu, dafür sagten sie ihr Training ab. „Aber Fußball spielt halt jeder“, sagt Dietl schmunzelnd: „Unser Spiel ist natürlich schwieriger und interessanter. Und wir sind besser.“