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Hauptstadt am Gipfel

Noch zwei Versuche, zwei Minuten Zeit. Juliane Wurm pendelt wieder am ersten Griff, holt Schwung, läuft drei schnelle Schritte auf giftgrünen, spitzen Zacken, die aus der Wand in Richtung Publikum ragen. Im Flug fasst sie nach den schwarzen Slopern. Glatte, unförmige Kugeln, die außer Reichweite scheinen. Diesmal kriegt Juliane Wurm die Griffe zu fassen, sie kann sich halten, obwohl der Schwung an ihrem Körper reißt. Die Zuschauer johlen. Noch drei Züge muss sie bewältigen auf dem Weg zum Ziel: Boulder-Weltmeisterin 2014.

„Eine Heim-WM ist ein großer Druck, den Sportlerinnen und Sportler erst einmal aushalten müssen. Aber ich weiß, dass alle richtig gut drauf sind.“ Eher vorsichtig hatte sich Bundestrainer Udo Neumann vorab zu den Erfolgsaussichten seines Teams geäußert. Unter dem Glasdach des Olympiastadions, dort, wo sonst Konzertbesucher im Rücken der Ränge zu ihren Plätzen geschleust werden, müssen die deutschen Athleten diesem Druck standhalten. Viereinhalb Meter hohe Wände, von Routenschraubern mit grünen, schwarzen, orangen, roten Griffen und Tritten bestückt. Dicke, graue Matten, um Stürze abzufedern. Auf der Gegenseite zwei Tribünen, davor Platz, um zu stehen und zu staunen.

Mühevoll hat der Deutsche Alpenverein (DAV) die erste eigenständige Boulder-WM inszeniert, mit der sich München als Bergsport-Hauptstadt etabliert. Von der Decke baumeln Flaggen der antretenden Nationen, daneben biegt sich das Münchner Kindl auf schwarz-gelbem Stoff. Beschwert sind die Fahnen mit Boulder-Griffen. Hinter der Musikkapelle Poing marschieren die Sportler bei der Eröffnungszeremonie vor ihr Publikum. Die Schilder, die ihre Herkunft verkünden, tragen Kinder in Dirndl und Lederhosen.

Vor den Halbfinals am Samstag ist die Inszenierung weniger heimelig. Zu Elektro-Beats stürzen die Athleten aus den Toren zwischen den Wänden. Sie kennen die Routen, die sogenannten Boulder, nicht. In der „Isolation Zone“ mussten sie auf ihren Auftritt warten. Sind sie auf der Matte, geht alles ganz schnell. Orientierung, Griff in den Beutel mit Magnesia, Händeklatschen, Staubwolken, ab an die Wand. Vier Boulder müssen bewältigt, in möglichst wenigen Versuchen von den grün markierten Startgriffen und -tritten bis zum Topgriff durchstiegen werden. Hat der Kletterer den letzten Griff erreicht und mit beiden Händen drei Sekunden lang gehalten, folgt die Pose des Tages: An einem Arm hängen, die andere Hand vom Griff lösen, zur Faust ballen und noch im Fallen Richtung Publikum recken. So sehen Boulder-Sieger aus.

„Gamba Tsukuru“, „Allez, allez Melissa“, „Come on, Shauna“, rufen die Moderatoren unermüdlich in ihr Mikrofon, während behelmte Zeltdach-Touristen über den Rand des Olympiastadions ziehen und erstaunt auf das Spektakel zu ihren Füßen blicken. 20 Männer, 20 Frauen kämpfen um je sechs Finalplätze, dabei auch fünf Deutsche. Für Juliane Wurm und Jan Hojer, die deutschen Favoriten, läuft es gut. Beide ziehen mit dem besten Halbfinal-Ergebnis ins Finale ein. Monika Retschy, das Münchner Kindl, tut sich schwerer, da helfen weder die Plakate der Fans noch die Anfeuerung durch die Moderatoren. Den letzten Boulder klettert sie sicher im ersten Versuch, doch kaum hat sie wieder Matte unter den Füßen, schüttelt sie enttäuscht den Kopf. Es hat nicht gereicht. Zu viele Versuche, zu wenige Tops, ein ärgerlicher siebter Platz. „Es war sehr knapp und die Boulder waren schwer, daher habe ich mir nichts vorzuwerfen“, urteilt sie später über ihr Ergebnis. Auch Mathias Conrad muss sich als Siebter verabschieden, Thomas „Shorty“ Tauporn landet auf Rang zwölf.

Am Abend stehen die Zuschauer dicht gedrängt, kalt wird niemandem beim Finale. Beleuchtet in atmosphärischem Grün und Orange, wirken die Boulder-Wände wie moderne Skulpturen. Dahinter blinkt ein Riesenrad. Die deutschen Starter ernten natürlich den größten Applaus, das lauteste kollektive Aufstöhnen, doch auch die Konkurrenten werden nach oben gejohlt. Was die Zuschauer eint, ist die Begeisterung für athletische Bewegungen, kreative Züge, für den Biss und die Willenskraft. Vielleicht verbindet sie auch ein wenig Sadismus. Favoriten wie der Russe Dmitry Sharafutdinov und die Japanerin Akiyo Noguchi mühen sich mäßig erfolgreich an den Bouldern ab, verbiegen ihre Oberkörper, klammern sich mit verkrampften Fingern an winzigste Griffe und holen das Letzte aus ihren zitternden Oberarmen. Mitleidig-fasziniertes Seufzen im Publikum.

Juliane Wurm und Jan Hojer schlagen sich gut. Am letzten Boulder haben beide die Chance auf den Titel. Sie haben es selbst in der Hand, nach ihnen kommt keiner mehr. Wurm darf höchstens sechs Versuche brauchen, um den Topgriff zu erreichen, Hojer vier. Gleichzeitig betreten sie die Bühne und stellen sich der Wand. Beide scheitern zunächst. Einmal, dreimal, beim fünften Versuch kriegt Juliane Wurm die entscheidenden Griffe zu fassen. Zug um Zug arbeitet sie sich nach oben. Wurm legt die Finger um den Topgriff, hält ihn für drei Sekunden, langt sich dann mit einer Hand an die Stirn, springt auf die Matte und schüttelt ebenso strahlend wie ungläubig den Kopf. Eine Weltmeisterin mit Tränen in den Augen. Alle Blicke richten sich auf Hojer. In den letzten Sekunden beginnt er seinen letzten Versuch. Er fasst um den Griff, tastet sich behutsam weiter, beginnt sich zu strecken, verliert den Halt – und stürzt. Er wird Dritter. Die tschechische Kletterlegende mit dem Lockenkopf, Adam Ondra, gewinnt, Gefeiert werden alle. Juliane Wurm, weil sie Weltmeisterin ist, die Finalisten, weil sie ihr Publikum begeisterten. Und ein bisschen feierten sich die Münchner auch selbst: als Bergsport-Hauptstadtbewohner mit Herz.