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Der Wiederentdeckte

Der deutsche Designer Lutz Huelle war seiner Zeit lange zu sehr voraus und fast nur Insidern bekannt. Jetzt sind seine Visionen Mainstream – und er ist gefragt wie nie zuvor


Ein schmaler, von Pflanzen gerahmter Weg führt in ein Gebäude, das an ein Gewächshaus erinnert. Durch die Glasfront sieht man überfüllte Kleiderstangen, Stoffrollen auf Tischen und riesige Pappkartons. Lutz Huelles Studio befindet sich im Pariser Marais, in der Rue du Temple. Der deutsche Designer ist bester Laune, wirkt aber etwas zerstreut. Kein Wunder: Sein gleichnamiges Modelabel ist gefragt wie nie, plötzlich hagelt es exklusivste Einladungen und Auszeichnungen: Vor Kurzem wurde er anlässlich der Pariser Modewoche zu einem Dinner von Präsident Emmanuel Macron in den Élysée-Palast geladen, die San Franciscos Academy of Art University verlieh ihm einen Ehrendoktor. „Du kannst mich also Doktor Lutz nennen“, sagt er und lacht.

 

Der frischgekürte „Doktor“ Lutz ist derzeit schwer beschäftigt. Im Studio sind neben seinem Partner David Ballu, der zuvor 15 Jahre für das französische Modehaus Rochas arbeitete, fünf Angestellte für sein eigenes Label beschäftigt, er unterrichtet zudem am Central Saint Martins in London und berät zwei italienische Modemarken: Seit 2000 arbeitet er mit Max Mara und seit letztem Jahr unterstützt er die deutsche Kreativdirektorin Nina-Maria Nitsche, die 23 Jahre bei Margiela arbeitete, mit der Herrenmarke Brioni.

 

Huelle ist schon lange im Geschäft, galt aber ebensolange vor allem als Insider-Tip. Das änderte sich schlagartig, als der renommierte Modekritiker Tim Blanks 2016 Huelles Studio besuchte und dafür sorgte, dass dessen Kollektionen fortan mit Rezensionen auf der einflussreichen Webseite Style.com vertreten waren. Plötzlich erfuhr der Designer eine ganz neue Beachtung. Interviews in den Avantgarde-Modebibeln Pop Magazine und Purple folgten, auf einmal zierten seine Entwürfe etliche Modestrecken internationaler Magazine. Er wurde fast behandelt wie eine Neuentdeckung, ist aber schon ewig Teil der Branche: 1995 arbeitete er drei Jahre lang bei dem belgischen Modedesigner Martin Margiela, 2000 gründete er gemeinsam mit Partner Ballu sein eigenes Label Lutz Huelle.

 

Als Huelle im nordrhein-west- fälischen Remscheid aufwuchs, hatte er nicht Mode im Sinn, sondern die Popkultur. „Musik und Popstars waren aufregend, weil sie einem zeigten, dass es eine Welt gab, in der man niemandem entsprechen muss und sich selbst erfinden kann.“ Seine besten Jugend-Freunde aus Remscheid, die Künstlerin Alexandra Bircken und der Fotograf Wolfgang Tillmans, haben ihn beim Ausbrechen aus den Erwartungen der konservativen Kleinstadt begleitet. „Remscheid ist eine kleine Stadt, die nicht viel Individualität zulässt. Ich hatte wahnsinnig Glück, weil ich mit Alex und Wolfgang extrem enge Freunde hatte, die genauso waren wie ich. Zu dritt gegen den Rest der Welt ist einfacher, als alleine, das hat uns gerettet.“

 

Nach zwei Jahren in Hamburg, in denen Huelle im Nachtleben untertauchte, entschied er sich 1990, gemeinsam mit Bircken nach London zu ziehen, wo er kurze Zeit Später sein Studium am Central Saint Martins begann. „Plötzlich sitze ich da in London, in der aufregendsten Stadt der Welt und bin umgeben von Menschen, die das, was ich mache, gut finden. Das war ein solcher Befreiungsschlag. Es ändert alles, wenn man das Gefühl hat, man wird verstanden.“ Fünf Jahre später zog er nach Paris, um für Margiela zu arbeiten. „1990 war ich viel näher an Margiela, als an Montana. Ich fand Montana toll, aber ich habe nie verstanden, wer das trägt. Bei Margiela wußte ich genau, welche Frau das war, das war immer real.“

 

Unter Modekennern hatte Huelle schon früh einen Kultstatus erreicht, aber über diesen Zirkel hinaus war er weitgehend unbekannt und galt als off the radar. Es gab immer eine Handvoll von Läden, die seine Kollektionen einkauften und damit die Existenz des Labels sicherten, dennoch blieb er verhältnismäßig unsichtbar. Als Huelle Anfang 2000 startete, standen etablierte Modehäuser im Mittelpunkt, denen junge Designer wie Nicolas Ghesquière bei Balenciaga oder Marc Jacobs bei Louis Vuitton neues Leben einhauchten. Die Presse funktionierte noch auf dem traditionellen Weg – die Modechefinnen der begehrten Magazine entschieden, wer es hineinschaffte und wer nicht dazu gehörte. Aber Huelle war seiner Zeit zu weit voraus, sein Stil war für deren Geschmack zu realistisch, die Erwartungen andere: Die Präsentationen auf dem Laufsteg waren zu der Zeit durch höchste Dramatik gekennzeichnet. Schauen galten als Event mit eigenem Narrativ und eigener Kollektion, eine die provozieren und Aufmerksamkeit erregen sollte. In den Läden fand man sie so nicht wieder, stattdessen wurden den Kunden kommerzielle Varianten angeboten, die auch in der Realität funktionierten.

 

Das war gestern. Der Wandel ist überall greifbar und Lutz Huelle entspricht dem Zeitgeist mehr denn je. Denn seit 2015 passt sich das, was man auf den internationalen Laufstegen sieht, immer mehr der Realität an. Auf einmal sichtete man überall Streetwear-Elemente, Shayne Olivers Hood By Air oder Virgil Ablohs Off-White beherrschten das Sujet par excellence und machten Kapuzenpullover zum Luxusobjekt. Neben Skaterlabels wie Pigalle, Palace und dem wiederentdeckten Stüssy füllten sich Luxusboutiquen von Dover Street Market und Antonioli über Online-Retailer wie Ssense mit Merchandise – T-Shirts und Hoodies mit grafischen Prints, zum Beispiel vom begehrten Kunst- und Modemagazin 032c. Alteingesessene Häuser wie Louis Vuitton und Burberry arbeiteten an Kollaborationen mit Streetwear Brands Supreme und Gosha Rubchinskiy. Das Modekollektiv Vetements machte Arbeitskleidung wie DHL-T-Shirts und Jacken mit „Polizei“-Aufschrift zum Must-Have. Und mit der Berufung Demna Gvasalias zum Kreativdirektoren von Balenciaga setzte sich die Idee von dem Kleidungsstück aus dem Alltag auf dem Laufsteg fort.

 

Auch die Auswahl der Models für Kampagnen und Schauen änderte sich, und man achtete fortan mehr auf Diversität und humanere Körper. Plötzlich standen Models verschiedenster Hautfarben und Körperformen im Rampenlicht – und damit die Realität.

 

All das, was plötzlich als Umbruch gefeiert wurde, stand bei Huelle schon immer im Zentrum. „Das, was man heute hybrids nennt, die Mischung von Sportswear und High Fashion ohne Regeln, das habe ich schon 2000 gemacht. Man brauchte ja nur um sich herum zu gucken, wie die Leute lebten.“ Der Designer hat immer tragbare Mode entworfen und sie ganz selbstverständlich an realen Menschen gezeigt: „Eine perfekte Person hat mich nie interessiert, mich interessiert die Realität. Ich finde die Leute um mich herum inspirierend, was sie anziehen, wie sie sich bewegen.“ Durch die sozialen Medien ist er zudem nicht mehr abhängig von der Zustimmung der Presse und steht in direktem Austausch mit seinen Kunden. Auf einmal macht seine Mode auch für den Mainstream Sinn.

 

Dabei hat sich an ihr über die Jahre hinweg gar nicht viel verändert – seine Inspiration findet er, damals wie heute, in der Basis der Garderobe, den Kleidungsstücken, die jeder kennt, die jeder gerne trägt und die unfreiwillig Assoziationen hervorrufen. Er stellt sie in Frage, befreit sie und lässt eine andere Betrachtung zu. Es sind Klassiker wie die Bomberjacke, der Trenchcoat, die Jeansjacke, das Herrenhemd, der Bleistiftrock oder die Strickjacke. Mit akribischer Genauigkeit verändert er Details, um die Codes, die den traditionellen Kleidungsstücken anhaften, in ihrer Bedeutung zu verschieben. Er versetzt Reißverschlüsse, akzentuiert Schulterpartien, manipuliert das Volumen, fügt Einsätze hinzu, die die Form der Kleidungsstücke komplett verrücken, mischt feine Materialien wie Spitze und Brokat mit derbem Denim. „Es ist die Idee von Couture in einem realen Zusammenhang. Ich möchte etwas Prätentiöses und Elegantes kreieren, das man auch im Supermarkt anziehen möchte.“ Das Resultat ist elegant und feminin, Teile, die man sowohl tagsüber, als auch abends tragen kann und die eine gewisse Attitude verleihen.

 

„Es ist eigenartig, wenn man nach 18 Jahren wieder als junger Designer empfunden wird, aber ich sehe das als Kompliment, ich war einfach viel zu früh. Ich kenne ja meine Geschichte, jeder hat sein Schicksal.“ Nach etlichen Jahren des Unverständnisses zahlen sich ein richtiges Gespür und das Insistieren auf den eigenen Ideen endlich für ihn aus. Huelle, der Mann mit der langen Vergangenheit, gilt heute als erfolgreicher Wegweiser in die Zukunft.

 

 

 



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