Lilian Pithan

Journalistin und Redakteurin, Berlin

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Artikel

Künstlerstimmen im Exil

Wie fühlt es sich an, wenn man gezwungen wird, sein Heimatland zu verlassen, um in der Fremde neu zu beginnen? In Berlin tauschen sich Künstler aus Kuba, Kolumbien und Syrien über ihre Exilerfahrungen aus.

Von Lilian Maria Pithan

Wenn Elvira Rodriguez Puerto die Bühne betritt, wird es totenstill im Saal. In der Dunkelheit fällt nur ein schmaler Lichtstrahl auf ihre kleine Gestalt. Elvira zappelt, rennt, krümmt sich, reißt das Publikum aus seiner Lethargie heraus auf die Bühne. „Der Mann, der Hund, die Frau, der Sohn." Lange Papierbahnen knistern und rauschen, beinahe wie das Meer, das die Insel Kuba umspült. „Die Welt ist ein schlecht artikuliertes Erbe." Elvira, die in Havanna geboren wurde, kam 2003 nach Deutschland, weil ihre sozialkritische Kunst der kubanischen Regierung ein Dorn im Auge war. Begonnen hatte sie als Schriftstellerin, doch schnell kamen Performances, Fotografie und Videoinstallationen hinzu. Das Exil in München bedeutete für Elvira erst einmal Freiheit: im Alltag und in der Kunst. Es bedeutete aber auch Einsamkeit.

Lernen, wie Deutsche zu denken

„Die ersten drei Monate in Deutschland fühlte ich mich unglaublich allein", erzählt Elvira. „Dann schenkte mir ein Freund eine Kamera. Damit fotografierte ich 130 wildfremde Menschen, die ich auf der Straße traf, um mit ihnen in Kontakt zu treten." Das Ankommen in einer fremden Kultur sei unglaublich schwer. „Allein schon die Sprachbarrieren!" Elvira lacht. Einmal musste sie im Deutschkurs folgenden Satz ergänzen: „Ich bleibe zuhause, _________ die Sonne scheint." Elvira entschied sich für „weil" und musste sich von ihrem Lehrer erklären lassen, warum „obwohl" die richtige Antwort sei. „In Kuba bleibt man aber gerade dann zuhause, wenn die Sonne scheint, weil es dann viel zu heiß ist", erklärt Elvira. „Ich musste also erst einmal lernen, wie eine Deutsche zu denken."

Elvira Rodriguez Puerto ist nicht die einzige, die sich in Deutschland verloren vorkam. Kulturveranstaltungen wie das OFFstimmen-Festival in Berlin und Leipzig, bei dem im Oktober 2014 auch Elvira auftrat, bemühen sich, den Austausch zwischen Exilkünstlern zu fördern. Der kolumbianische Journalist und Lyriker Erik Arellana Bautista gehört ebenfalls zu den OFFstimmen, die von der Friedrich-Ebert-Stiftung und dem PEN Zentrum Deutschland gefördert werden. PEN - das steht für „Poets, Essayists, Novelists". Das erste Zentrum wurde 1921 in England gegründet, mittlerweile ist PEN in über 100 Ländern aktiv und unterstützt Schriftsteller in Gefahr oder im Exil.

Verschwundenen Künstlern eine Stimme geben

Für Erik Arellana Bautista war Kolumbien kein sicherer Ort: In Erinnerung an seine Mutter, die von Paramilitärs verschleppt und getötet worden war, hatte er eine NGO gegründet, um gegen die staatliche Willkür anzukämpfen. Viele der „Verschwundenen" in Kolumbien seien Aktivisten und Künstler, über ihr Schicksal wüssten selbst die Angehörigen kaum etwas. In seinem Gedichtband Tránsitos de un hijo al Alba (Übergänge eines Sohnes im Morgengrauen, 2011) verleiht Bautista den „Verschwundenen" eine poetische Stimme. In seinem Heimatland wurde er deshalb drangsaliert und verfolgt, die Räume seiner NGO wurden verwüstet. Seit 2014 lebt Bautista nun als Stipendiat des Writers-in-Exile-Programms des PEN Zentrums in Deutschland.

Wie aber fängt man eine neue Existenz an, wenn man von einem blutigen Krieg aus der Heimat vertrieben wird? Der Dokumentarfilmer, Journalist und Dichter Amer Matar wurde in der nordsyrischen Stadt Rakka geboren, seit 2012 lebt er in Deutschland. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe Das weiße Meer, die vom Literarischen Colloquium Berlin (LCB) und der Allianz Kulturstiftung initiiert wurde, tauschte Matar sich im November 2014 mit anderen syrischen Exilkünstlern über seine Erfahrungen, Hoffnungen und Ängste aus. In Syrien hatte Matar die Bevölkerung dazu aufgerufen, Kriegsverbrechen mit ihren Handys zu filmen. Mit seinen Mitstreitern sammelte er die Videos, die anschließend bei syrischen Filmfestivals präsentiert wurden.

„Wer nicht politisch ist, macht keine Kunst"

Die Vorführungen der Filme waren nicht immer einfach - und meist abhängig von den Bombardements durch die Truppen des regierenden Diktators Baschar al-Assad. Lange konnte Amer Matar seine filmische Spurensuche allerdings nicht betreiben. 2012 musste er aus Damaskus fliehen, seither lebt er im Exil - und schreibt. „Wir Syrer sterben jeden Tag und die ganze Welt schaut nur zu", sagt Matar. „Das Schreiben ist für mich zu einer Wiederholung des Sterbens geworden. Zu einer Beerdigung, einer Bestattung." Wie lange er in Deutschland bleiben wird, weiß Matar nicht. Die Sehnsucht nach Rakka und Damaskus ist groß.

Elvira Rodriguez Puerto sieht Deutschland als Chance, neue künstlerische Ausdrucksmittel zu finden. Politisch will sie aber weiterhin sein: „Wer keine politischen Themen behandelt, der macht nicht wirklich Kunst", meint Elvira. Was will sie mit ihren Performances bewirken? „Den Papiervorhang aufziehen und dazwischen die Leute finden, die wir gern haben." Denn hinter fremden Kulturen, unbekannten Ländern und persönlichem Leid können Menschen allzu schnell verschwinden. Doch das dürfe nicht geschehen, meint Erik Arellana Bautista mit Nachdruck: „Wir sind nicht weg, wir sind nicht verschwunden. Wir sind nur im Exil."

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