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In Bayern verschwinden Examensarbeiten „aus nicht aufklärbaren Gründen" (petition der woche)

Testpannen gab es diesen Sommer in Bayern nicht nur bei Coronatests. Fast zwei Monate ist die Abgabe seines Staatsexamens her, als Lehramtsstudent Florian Schwing die Nachricht des Bayerischen Ministeriums für Unterricht und Kultus erreicht: Eine seiner sechs Prüfungen sei verlorengegangen - er könne diese eine Prüfung wiederholen oder durchfallen.

Die Fahrradtour, auf der er gerade ist, bricht er ab. Sein Examen ist in der Uni angekommen, das weiß er durch Nachforschungen bei der Post. Ärgerlich, zumal er die ersten fünf Prüfungen bestanden hat. Durchfallen ist keine Option, weil das den Notenschnitt nach unten ziehen würde. „Jeder weiß, dass man für eine Verbeamtung gute Noten braucht", erzählt Schwing am Telefon.

Also beginnt er für den Nachholtermin im Oktober zu lernen, bei dem ein komplett neuer Stoff abgefragt wird. Viel Zeit zur Vorbereitung hat er nicht, denn trotz fehlendem Staatsexamen steckt er bereits mitten in seinem Referendariat. Wenn er die Prüfung nicht bestehen sollte, muss er das Referendariat abbrechen.

Florian Schwing will aufklären, was passiert ist. Dabei entdeckt er, dass er nicht der Einzige war, dessen Examen verloren ging. 16 Studierende bayerischer Unis teilten sein Schicksal. Bei 5.400 Prüflingen pro Jahrgang zwar nicht viel, aber Lehramts-Staatsexamen verschwinden öfter in Bayern: Zuletzt 2018 in Passau, als die Examen von acht Studierenden nicht mehr auffindbar waren - wobei die Dunkelziffer noch höher liegen könnte, denn nicht alle Studierenden wollen sich gegen ihren künftigen Arbeitgeber stellen. Die Prüflinge, deren Examen in den Vorjahren verlorengegangen waren, konnten nicht mal ihr Referendariat antreten. Aus Angst, im kommenden Jahr nicht genug Lehrpersonal zu haben, wurden in Schwings Jahrgang auch die Studierenden zum Referendariat zugelassen, deren Noten noch fehlten.

Um sich und seinen Kommiliton*innen Gehör zu verschaffen, startete Schwing die Petition „Examensverluste stoppen!" Darin fordert er eine „Umkehrung der ‚Beweislast'". Denn die Studierenden fühlen sich benachteiligt: „Warum kann die Klausur nicht mit einer Durchschnittsnote aus den anderen fünf Staats­exa­mens­prü­fungen bewertet werden?", fragt Schwing. Er plädiert dafür, den Prozess zu digitalisieren, indem per Scan eine Sicherheitskopie angefertigt wird. Doch auch die Aufklärung des eigenen Falls ist ihm wichtig. Wie genau sein Examen verlorenging, will das Ministerium „aus Datenschutzgründen" nicht sagen.

Auf Anfrage erfährt die taz, dass 9 Arbeiten auf dem Postweg verlorengingen und 7 Arbeiten „aus nicht mehr aufklärbaren Gründen" nicht erfasst wurden. Digitale Sicherheitskopien seien aktuell nicht geplant, aber stattdessen sei „die Einführung einer zusätzlichen Kontrollstufe in die Wege geleitet".

Der angehende bayerische Lehrer hält nicht viel von der Antwort des Ministeriums. In seinen Augen wolle man die Schuld auf die Post abwälzen. Auch von der geplanten Extrakontrollstufe ist er nicht überzeugt: „Möchte man ein komplexes System noch komplexer machen, oder möchte man grundlegend Dinge vereinfachen?" Schwing bleibt bei seinem Plan: Nach Ablauf der Frist will er mit seiner Petition an den Landtag herantreten und für Transparenz bei den bayerischen Lehramtsprüfungen kämpfen. Leonard Schulz

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