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Barocke Herausforderung

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Albrecht Schmid spielt auf einem nach altem Vorbild angefertigten Cembalo die "Goldberg Variationen" von Johann Sebastian Bach.

Kutschen, Perücken und prunkvolle Bälle. Die Klänge, die der deutsch-schweizerische Dirigent und Cembalist Albrecht Schmid seinem Instrument entlockt, entführen die etwa 70 Zuhörer, die sich an Christi Himmelfahrt in die Kirche Sankt Michael begeben haben, in längst vergangene Zeiten. Schmids Finger fliegen nur so über die Tasten seines Cembalos, während er die 30-sätzigen "Goldberg-Variationen" von Johann Sebastian Bach spielt.

Die liebliche und getragene Melodie der einleitenden "Aria" hallt durch die kleine Wolfratshauser Kirche, während sich die Blicke der Zuhörer in dem Gemälde verlieren, welches den Cembalodeckel ziert. Schmids Instrument ist jedoch nicht nur äußerlich aufsehenerregend. Das Cembalo ist eine Kopie eines aus dem Paris des frühen 18. Jahrhunderts stammenden Instruments. Schmid spielt darauf in Originalstimmung. So bekommt das Publikum einen Eindruck davon, wie sich die Musik Bachs wohl zu seinen Lebzeiten angehört hat.

Viele barocke und traditionelle Tänze sind in die Melodien Bachs eingeflossen. Als Schmid die vierte Variation spielt, die stark von einem bretonischen Rundtanz beeinflusst wurde, wippen die ersten Besucher leicht mit. Das langsam schreitende Menuett steht in einem starken Gegensatz zur darauffolgenden Variation, bei deren berauschender Geschwindigkeit das virtuose Spiel des Musikers wunderbar zu beobachten ist. Die etüdenhaft sequenzierten Melodien wirbeln durch das Gewölbe der Kirche. Oft muss der Cembalist hierfür mit überkreuzten Händen spielen. Im Programmheft des Abends heißt es dazu sogar, es scheine, Bach habe testen wollen, "wie weit er den Spieler beim Überkreuzen der Hände auseinanderziehen könne".

Die Variationen sind - trotz der einheitliche Tonart - durchaus abwechslungsreich. Schmid wechselt zudem mehrmals zwischen den Registern seines Instruments, was die Kompositionen zusätzlich mit klanglicher Vielfalt bereichert.

Mit der 16. Variation, die von Bach im Stile einer barocken Ouvertüre ausgestaltet wurde, beginnt der zweite Teil des Abends. Die Melodie der Variation, die von schnellen Läufen ausgeschmückt ist, verleiht diesem Satz eine besondere Feierlichkeit. Im Gegensatz dazu berührt die 25. Komposition - ein Adagio in Moll - mit schlichter Melancholie. Die letzte Variation besteht aus einem Quodlibet - einem humorvollen, polyfonen Stück - in das kunstvoll zwei ostdeutsche Volksliedmelodien eingearbeitet wurden. Mit Fröhlichkeit und einem kleinen Schmunzeln findet dieses barocke Meisterwerk ein Ende.

Während des ungefähr eineinhalb Stunden langen Werks hat im Publikum andächtige Stille geherrscht. Die Begeisterung bricht sich erst nach dem letzten Satz in schier nicht enden wollendem Applaus Bahn.

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