Lena Frommeyer

Redakteurin & Dozentin für Online-Journalismus

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Gentrifizierung: Arm – und direkt an Elbe und Bille

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Am Billhafen in Rothenburgsort © Jakob Börner

Die Menschen im Hamburger Stadtteil Rothenburgsort haben kaum Geld. Doch ihr Viertel liegt am Wasser und ist zentrumsnah. Das macht es attraktiv, trotz Brachen und Beton


Es sind nur drei Ecken, aber sie führen in eine andere Welt. Eine, die bunt ist und geheimnisvoll. Keine Hundert Meter Fußweg von der kargen S-Bahnstadion Rothenburgsort entfernt liegt die Billstraße. Lagerhallen afrikanischer und asiatischer Tradingfirmen reihen sich aneinander. Ihre Tore weit geöffnet. Im Inneren stapeln sich Kratzbäume über Autositzen und Spielzeug. Kinderfahrräder, Antiquitäten und Klamotten bis an die Decke. Gebrauchte Kühlschränke lagern übereinander gestapelt in einem Innenhof. Es riecht nach Plastik. Männer mit Goldkettchen telefonieren.


Aufbruch Ost, so hat der Hamburger Senat genannt, was in Rothenburgsort passieren soll. Der Stadtteil, nur zwei S-Bahnstationen vom Hauptbahnhof entfernt, wird aufgehübscht, angeschlossen an die nahe Hafencity. Bürgermeister Olaf Scholz spricht von einer Wohnbauoffensive. Das einstige Hafenarbeiterviertel, in dem heute etwa 8.900 Menschen leben, bekommt eine Typveränderung verpasst.


Noch aber rollen die Bagger nicht, noch fristet Rothenburgsort sein ganz eigenes Dasein. Es hält Dornröschenschlaf. Manche sagen auch, es liege im Koma. Alles eine Frage des Blickwinkels.


Im Industriegebiet rund um die Billstraße erscheint Rothenburgsort noch als surrealer Billigmarkt. Zehn Minuten Fußweg Richtung Süden und das Bild wandelt sich. Vorbei an Rotklinker-Häuserblocks, Blumengeschäft, Reinigung, Getränkefachhandel. Dann liegt der Markplatz vor einem, 2012 neu gestaltet eingeweiht und doch eine Betonwüste. Eine Filiale des Discounters Mäc Geiz, ein Drogeriemarkt, ein O2 Shop, viel mehr Einkaufsmöglichkeiten gibt es hier nicht. Einer der wenigen beständigen Orte: das Speiselokal Chaplin.


Ercan Celebi steht seit 25 Jahren am Tresen hinter dem großen Glasfenster und zapft Bier. Seit 40 Jahren lebt er in Rothenburgsort. In seinem Lokal treffen Alteingesessene auf Zugezogene. Ein gutes Barometer für die Stimmung im Stadtteil an der Norderelbe.

Bisher habe der Ruf eines "Messerstecher-Viertels" viele davon abgehalten, hierherzuziehen. Das habe nie der Wirklichkeit entsprochen, sagt Ercan Celebi. Im Gegenteil: Es gehe eher beschaulich zu. Zum schlechten Image trägt bei, dass viele Produktionsstätten hier verlassen sind. Die Bundesmonopolverwaltung für Branntwein am Billwerder Neuer Deich etwa. Aber auch Komplexe nahe den Elbbrücken. In ihren Fenstern klaffen Löcher und hinter dem Graffiti erkennt man kaum noch die Rotklinkerfassaden.


"Viele freuen sich auf mehr Leben im Stadtteil", sagt Ercan Celebi. Gleichzeitig hätten sie aber auch Angst. Davor, machtlos zusehen zu müssen, wie der Senat seine Pläne umsetze. Zwar gibt es bereits einige Initiativen, die dem entgegenwirken wollen, etwa Hamburgs Wilder Osten und Elbdeich Rothenburgsort. Aber: "Die alte Bevölkerung befürchtet, dass die Mieten steigen und sie rausgedrängt wird."


Die ersten Vorboten dieser Entwicklung sind schon seit einer Weile in Rothenburgsort zu finden: Kreative, die Industriebrachen für sich entdeckt haben, viel Platz für wenig Miete. Etwa den Brandshof, der in den 1920ern errichtet wurde. Heute leben und arbeiten hier Künstler, die um den Erhalt der denkmalgeschützten und sanierungsbedürftigen Gebäude kämpfen. Auf dem Gelände gibt es mehrere Ateliers, eine Schauspielschule, eine Wollfabrik, eine Oldtimer-Tankstelle und den Club Kraniche, in dem die Elektroszene feiert.


Ein anderes Beispiel: Das Plattenlabel Clouds Hill am Billwerder Neuer Deich. Gegründet hat es Johann Scheerer, 32 Jahre alt, spezialisiert auf Vinyl. Seit zehn Jahren nimmt er hier, im Dachgeschoss eines alten Lagergebäudes, mit Bands Alben auf. Er stellt ihnen nicht nur ein Studio, sondern auch eine angeschlossene Künstlerwohnung. Ein Angebot, das schon Musiker wie Peter Doherty, Bela B und Albert Hammond junior nach Rothenburgsort geführt hat.


Heimeliges Herzstück des Studios ist die offene Küche. Hier brüht sich das Team morgens Kaffee auf und schaut dabei auf Frachter, die durch die Norderelbe gleiten. Und es blickt auf die Entenwerder Halbinsel. Ein großer Park, in dem im Sommer DJs auflegen, etwa beim ov-silence Summer Opening oder beim Grünanlage Festival. 


"Die perfekte Mischung zwischen drinnen und draußen", sagt Johann Scheerer. Als er nach Räumlichkeiten für sein Label suchte, entdeckte er durch Zufall das Gebäude, abgeschieden und doch mitten in der Stadt. Euphorisiert zog er auch privat nach Rothenburgsort, mit Frau und Kindern. 


Bald kam jedoch der Frust. "Wer hier lebt, muss sich mit einer extrem schlechten Infrastruktur arrangieren", sagt Scheerer. Für seine Kinder fand er keine gute Schule. Auch die Veränderungen im Zentrum ärgerten ihn. "Bevor der Marktplatz modernisiert wurde, gab es da eine tolle kleine Kneipe, einen Bäcker, ein Antiquitätengeschäft. Dann standen die Geschäfte eineinhalb Jahre leer. Es wuchs Moos an den Wänden und die Scheiben beschlugen." Schließlich sei der "erstaunlich ideenlose Marktplatz" hochgezogen worden. Die neuen Geschäfte findet Scheerer uninteressant. Das Angebot richte sich nur an Geringverdiener. 


Tatsächlich ist die Kaufkraft im Stadtteil niedrig. Darüber klagen auch die Händler, die zweimal die Woche ihre Stände aufbauen. In Rothenburgsort wohnen viele Familien in Sozialwohnungen, denen nicht viel Geld zum Einkaufen bleibt. Solange die Infrastruktur schlecht sei, siedelten sich kaum Menschen an, die größere finanzielle Möglichkeiten hätten, sagt Johann Scheerer. Er ist mit seiner Familie wieder näher ans Zentrum gezogen.


Derartige Fluchten will der Senat zukünftig unnötig machen. Konkret angekündigt hat er den Bau von 20.000 neuen Wohnungen. Der frühere Huckepackbahnhof? "Die Speicherstadt des 21. Jahrhunderts." Produzierendes Gewerbe, Einzelhandel und Gastronomie sollen angesiedelt werden. Wirtschaftssenator Frank Horch sieht "Chancen für strategisches Wachstum in der inneren Stadt".


Besonders rasant würde der Prozess, wenn Hamburg die Olympischen Spiele 2024 bekäme. Der Kleine Grasbrook, auf dem Unterkünfte und Stadion entstehen sollen, ist von der Entenwerder Halbinsel nur etwa einen Kilometer entfernt.


Johann Scheerer begrüßt es, wenn sich Rothenburgsort verändert. Der Stadtteil müsse gerade für junge Familien attraktiver werden. Aber bitte nicht im Eilverfahren: "Das schlimmste, was passieren kann, ist eine Aufmöbelung ohne Nachhaltigkeit." Er hofft, dass die wenigen schönen Gebäude, die im Krieg nicht zerbombt wurden, erhalten bleiben, und sagt: "Ich will keine Luxus-Tower, von deren Penthouse aus man bis in die Hafencity blicken kann."


Text: Lena Frommeyer

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