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Düsseldorferin wandert 1000 Kilometer durch Japan

Am 6. August 1945 erschüttert der Abwurf einer Atombombe die japanische Großstadt Hiroshima. Zehntausende Menschen kommen ums Leben. Sadako Sasaki, ein damals zweijähriges Mädchen, überlebt den Angriff. Zehn Jahre später wird bei ihr Leukämie diagnostiziert, als Folge der Strahlenbelastung. Als sie im Krankenhaus liegt, erzählt ihre Freundin ihr von einer Legende: Wenn sie 1000 Origami-Kraniche bastele, habe sie einen Wunsch bei den Göttern frei. Sadako bastelt - doch verstirbt wenige Monate später.

Das kleine Mädchen gilt heute als eines der bekanntesten Schicksal der Atombombenabwürfe auf Japan. Das „Friedensdenkmal der Kinder" in Hiroshima erinnert an sie und die vielen weiteren Kinder, die durch die Atombomben ums Leben gekommen sind.

Die Bronzestatue zeigt das junge Mädchen, wie es einen großen Origami-Kranich in die Höhe hält. Durch sie sind die Papierkraniche zum Symbol für Weltfrieden geworden. Jedes Jahr legen Millionen Menschen die Kraniche im Gedenken an der Statue ab - und so plant es auch die Düsseldorferin Eva Fritz.

Fritz kam vor 28 Jahren in Deutschland zur Welt. Ihr Vater arbeitet als Auslandskorrespondent, lebte einige Jahre mit der Familie in Neu-Delhi, Indien, bevor es ihn beruflich nach Tokio zog. Damals war Eva Fritz gerade sechs Jahre alt. Sie ging in Japan zur Grundschule, erlernte die Sprache und schloss Freundschaften.

Erst mit zwölf Jahren ging es für sie zurück nach Deutschland. „Für mich war es immer eine Option, noch einmal nach Japan zu fliegen", sagt sie. „Zuletzt war ich mit 18 Jahren dort." Als sie kürzlich ihren Job kündigte, war die Entscheidung schnell getroffen. Noch am gleichen Tag buchte sie einen Flug und beantragte ein Visum. „Ich war relativ planlos, was ich mit meiner Zeit in Japan anfangen will", erzählt sie. Ihr Vater sagte, sie solle etwas Sinnvolles machen - „Und wenn du zehn Tage wandern gehst".

Aus zehn Tagen sollen nun zweieinhalb Monate werden. Das Ziel: Hiroshima. Die Strecke: 1000 Kilometer. Im Gepäck: 1000 Papierkraniche und ein Spendenaufruf für die Deutsche Kinderkrebshilfe. „Ich wollte schon immer meine Kraniche nach Hiroshima bringen, weil der Kranich mein persönlicher Wegbegleiter war", sagt Fritz. Ihre beste Freundin sei während der Grundschulzeit in Japan an Leukämie erkrankt und letztlich verstorben. „Ich kenne kaum jemanden in meinem Umfeld, der nicht an Krebs erkrankt oder verstorben ist."

Immer wieder habe sie 1000 Kraniche für Menschen, die ihr was bedeuteten, gebastelt - zum Geburtstag, zur Hochzeit, in Zeiten der Krankheit. Mehr als 16.000 bunte Papierkraniche haben ihre Hände bereits gefaltet. „Ich muss da nicht einmal mehr hinschauen, ich mache das nebenbei - schon früher in Mathe unter der Schulbank", sagt Fritz. Die Reise mache sie für sich selbst. „Aber wenn zusätzlich noch Spendengelder dabei zusammenkommen, ist das ein Gewinn für alle."

2000 Euro an Spenden konnte Fritz bereits sammeln. Für jeden Spender, der seinen Namen angibt, personalisiert sie einen Kranich. „Der hängt dann bald in Japan", sagt sie. Vor zwei Wochen hat sie ein Instagram-Profil erstellt - „als Spendenmotivation, damit die Leute sehen, dass ihre Kraniche ankommen." Das gesamte Geld geht direkt an die Deutsche Kinderkrebshilfe, die Reise finanziert sie aus eigener Kasse.

Insgesamt fünf Monate will die Düsseldorferin in Japan verbringen, die Hälfte davon wandern. „Ich starte in Tokio. Dort besuche ich meinen Vater und meine beste Freundin aus Grundschulzeiten", sagt Fritz. Es gebe eine Handvoll offizieller Fernwanderwege, frühere Handelswege, die in der Edo-Zeit entstanden sind und die großen Städte miteinander verbanden. Über den Nakasendo-Trail wandert Fritz rund 530 Kilometer über Berge und durch das Landesinnere bis nach Kyoto. „Gemütliche zwölf bis 15 Kilometer" wolle sie am Tag zurücklegen, nachts in ihrem Zelt oder gelegentlich in einem Hostel schlafen.

Dabei passiert sie eine bei Touristen beliebte, rund acht Kilometer lange Teilstrecke zwischen Tsumago und Magome. „Bekannt ist die, weil sie noch sehr ursprünglich erhalten ist und mitten durch den Wald über Pflastersteine führt", so Fritz. Von Kyoto aus laufe sie in die Hafenstadt Osaka, wo sie eine Fähre zur Shikoku-Insel nehme. Eine Pilgerinsel, auf der es Brauch ist, die 88 buddhistischen Tempel zu besuchen. Fritz begeht jedoch nur den oberen Teil der Insel bis nach Matsuyama. Eine weitere Fähre bringt sie an ihr Ziel: Hiroshima. „Dann bin ich eigentlich schon da", sagt sie.

„Schon". 1000 Kilometer liegen dann hinter Eva Fritz und ihren 1000 Papierkranichen. Mitte September geht es los, im November will sie ankommen, am Denkmal von Sadako Sasaki, und ihre Kraniche zu den Tausenden anderen hängen. „Ich will nicht die Welt verändern", sagt sie über ihre Reise. Aber sie wolle die Gelegenheit nutzen, zu spenden, und dabei das Land, in dem sie sechs Jahre gelebt hat, noch einmal von einer anderen Seite kennenlernen. „Die größte Herausforderung wird wohl, so lange alleine zu sein."

Angst habe sie trotzdem nicht. „Ich spreche ja die Sprache. Im Zweifel klopfe ich an eine Haustür, und frage nach Hilfe oder einem Schlafplatz."

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