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Designer Sebastian Herkner: Wie wenn ein Kopfkissen über der Stuhllehne hängt

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Auf den ersten Blick wirkt der Holzstuhl, den der Möbelhersteller Thonet unter dem Namen „118" im Programm hat, schlicht, minimalistisch, ja geradezu unscheinbar. Erst bei näherer Betrachtung fallen seine filigrane, präzise Verarbeitung und die Raffinesse seines Entwurfs ins Auge. Bei dem Objekt handelt es sich um eine Reinterpretation des „Frankfurter Stuhls", die der Offenbacher Produktdesigner Sebastian Herkner angefertigt hat. Der Stuhl, der in den dreißiger Jahren entwickelt wurde und für die folgenden Jahrzehnte als Standardobjekt viele Klassenzimmer, Behörden und Postfilialen ausstattete, gewinnt bei Thonet durch Herkners Design einen frischen Anstrich in schwarzer, olivgrüner, dunkelblauer oder naturbelassener Lackierung und passt sich durch kleine Veränderungen am Originalentwurf unseren heutigen Sitzgewohnheiten an.

Der Name Sebastian Herkner fällt schnell, wenn es um junge, ungewöhnliche Designs geht, die mit den Erwartungen des Betrachters spielen. Der siebenunddreißigjährige Produktentwickler aus Offenbach, der in Bad Mergentheim an der Tauber geboren wurde, entwirft Möbel, Lampen und dekorative Objekte für diverse Hersteller wie Moroso, Pulpo, Rosenthal und Sitzfeldt und spielt bereits seit Jahren in der internationalen Liga des Produktdesigns. Das hat er vor allem einer Idee zu verdanken, die ihm nach Abschluss seines Studiums an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung und der Gründung eines eigenen Designstudios in Offenbach im Jahr 2009 kam: Er entwarf den „Bell Table", einen Messingtisch, der von einem Fuß aus mundgeblasenem Glas getragen wird. Verblüffend ist an diesem Objekt nicht nur die Materialkombination, sondern vor allem die Tatsache, dass das schwere Material vom leichten getragen wird - eine Idee, die zunächst befremdlich wirkt und in ihrer Umsetzung fasziniert, weil sie nicht nur originell, sondern auch praktisch ist.

Die Avantgarde-Stadt am Main

Feuilleton-Spezial zu Offenbach Offenbach war jahrzehntelang ein anderer Name für Niedergang. Aber das hat sich geändert: Offenbach ist ein interessantes und für viele mittelgroße Städte modellhaftes Soziotop. Wir haben ihm ein ganzes Feuilleton gewidmet.

Offenbach-Feuilleton

Nachdem der Kunstsammler Christian Boros auf den „Bell Table" aufmerksam geworden war und den Tisch in seinem Berliner Kunstbunker aufstellen wollte, klopfte der Erfolg zuerst leise und dann immer lauter an Sebastian Herkners Tür in Offenbach. Im Jahr 2011 erhielt er den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland als bester Newcomer, ein Jahr später nahm der Hersteller ClassiCon den „Bell Table" in sein Programm auf. Seither ist kaum ein Tag vergangen, an dem Herkner nicht in seinem Offenbacher Studio an Ideen und Entwürfen arbeitet. Was seine Arbeiten auszeichnet, fasst er selbst in wenigen Worten zusammen: „Mir geht es um Qualität, hochwertige Materialien, Ehrlichkeit und Nachhaltigkeit." Deshalb arbeitet der Designer bevorzugt mit Manufakturen und Herstellern zusammen, die der Handwerkskunst und der regionalen Produktion verpflichtet sind. Denn Herkner weiß, dass er als Entwickler eine große Verantwortung trägt und nimmt diese auch ernst. Seine Objekte sollen ihren späteren Besitzern langfristige Begleiter im Leben sein.

Im Vordergrund steht für Herkner jeweils die Frage, welche Funktion ein Möbelstück am Ende einnehmen soll. „Ein Design ist auch immer ein Spiegel seiner Zeit", sagt Herkner, und erläutert, als Designer müsse man zwangsläufig auf seine Umwelt reagieren und sich an neue Gewohnheiten anpassen. So verbringt er viel Zeit damit zu beobachten: Wie sitzen, wie arbeiten, wie wohnen wir heutzutage? Fragen wie diese dienen Herkner als Leitfäden für seine Arbeiten. So entstand etwa der Entwurf für das Sofa „Highline" bei Linteloo durch die Beobachtung eines Kopfkissens, das über einer Stuhllehne hängt

Inspiration gewinnt Herkner, der immer wieder als Gastdozent an die Offenbacher Hochschule für Gestaltung zurückkehrt, aus diversen Feldern des Lebens - für die geometrischen Formen der Leuchte „Oda", die von Pulpo vertrieben wird, hat sich der Designer etwa von den Fotografien Bernd und Hilla Bechers inspirieren lassen, die viele verschiedene Industriebauten vor allem im Ruhrgebiet abgelichtet haben. In Zusammenarbeit mit der Porzellanmanufaktur Fürstenberg hat Herkner eine Serie von Porzellanlampen namens „Moira" entworfen, die dank ihres feinen Materials eine besondere Atmosphäre schaffen.

Auf Herkners Zeitplan stehen auch regelmäßig Reisen in ferne Länder. So hat er in Zimbabwe zusammen mit Künstlern und Designern aus Europa und Afrika an der Entwicklung neuer Körbe gearbeitet. Ein besonders wichtiger Produktionsstandort ist für ihn mittlerweile Kolumbien geworden. Gemeinsam mit Ana María Calderón Kayser, der das Unternehmen Ames gehört, hat Herkner dort eine Designmarke aufgebaut, die von kolumbianischen Handwerkern und Kunsthandwerkern gefertigte Decken, Teppiche, Kissen, Vasen, Körbe, Schalen und Möbel international vertreibt. „Wir wollten die Handwerkskunst und Farbenpracht Kolumbiens in die ganze Welt tragen", sagt Herkner. Neben diesem Interesse ist ihm auch die Förderung der lokalen Produktion ein wichtiges Anliegen.

Trotz der vielen Reisen und seiner internationalen Bekanntheit kehrt er immer wieder gern nach Offenbach zurück. Denn er empfindet seine Heimatstadt als idealen Arbeitsplatz, weil dort zwei Aspekte aufeinandertreffen, die für ihn eine wichtige Rolle spielen: Auf der einen Seite das Handwerk und seine lange Geschichte in der Stadt, die sich unter anderem im Offenbacher Ledermuseum manifestiert; auf der anderen Seite der interkulturelle Austausch, der in der multikulturellen Stadt gelebt wird. „Offenbach ist eine Stadt im Wandel. Ob im neuen Hafenviertel oder beim Wochenmarkt, überall kann man spüren, dass sich hier etwas verändert. Vor allem die junge, kreative Szene wird immer aktiver", stellt Sebastian Herkner fest. Und darin fügt er sich gut ein.

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