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Immer mehr Millennials gehen wegen Trump in die Politik

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Es reicht, findet Shavonnia Corbin-Johnson. Die 26-jährige Demokratin will in das US-Repräsentantenhaus einziehen, und die Sache selbst in die Hand nehmen. Ihr Gegenkandidat ist ein erzkonservativer Republikaner, ganz hart am rechten Rand und häufig auf einer Linie mit dem Präsidenten. Er unterstützte ein Gesetz, das Abtreibungen schwieriger macht, war auf der Seite von Donald Trumps Vorschlag für die Gesundheitsreform und will schärfere Gesetze für Einwanderung.

Es wird ein harter Wahlkampf in diesem konservativen Bezirk: 85 Prozent der Bevölkerung ist weiß und die Arbeitslosenquote ist hoch, gerade mal ein Viertel hat einen Uniabschluss. Es ist Trumps Kernwählerschaft, die Shavonnia von sich überzeugen möchte.

Doch die Afroamerikanerin kennt die Politik in Washington gut. Sie hat unter Barack Obama im Weißen Haus gearbeitet, als Assistentin in verschiedenen Teilen der Regierung. Doch mit all ihrer Erfahrung in der Politik, hat erst der Sieg von Trump sie dazu befeuert, sich selbst aufstellen zu lassen: „Klar, ich wollte immer in die Politik. Aber ich dachte, ich brauche deutlich mehr Erfahrung, muss älter sein", erzählt Shavonnia. Sie sitzt in einem Café in Pennsylvania, hat nur kurz Zeit für ein Gespräch per Skype, der Wahlkampf-Kalender ist prall gefüllt. „Doch mit der Wahl von Donald Trump habe ich gedacht: Jetzt ist die Zeit sich aufzustellen, es ist Zeit den politischen Wandel aktiv mitzugestalten."

Nicht jeder Millennial kennt die politische Fabrik so gut wie Shavonnia - darum hat Amanda Litman „Run for Something" gestartet. Litman war Teil der Kampagne von Hillary Clinton und zuständig für Online Fundraising. „Nach der Wahl sagten Freunde zu mir: Du kennst dich mit Politik aus", erzählt Litman, „ich bin total angepisst - wenn Trump Präsident werden kann, dann kann ich mich doch auch zur Wahl stellen." Doch die Frage, an wen ihre Freunde sich für Rat und Unterstützung wenden könnten, konnte Litman nicht beantworten. Eine Organisation die explizit junge Kandidaten unterstützt habe es bis dato nicht gegeben.

„Run for Something" unterstützt explizit den Wahlkampf von motivierten progressiven Kandidaten. Die Organisation will vor allem auf lokaler Ebene progressive, frische Gesichter ins Amt heben und junge Amerikaner in den politischen Betrieb einführen. „Wir brauchen eine Pipeline mit vielversprechenden Talenten für die Zukunft - die müssen aber identifiziert und gefördert werden", erzählt Litman. Mit ein paar dutzend, vielleicht ein paar hundert Anfragen hatte sie gerechnet, inzwischen haben sich über 15.000 junge Amerikaner gemeldet. Doch Interesse alleine macht noch keinen Politiker aus. „Es kommt auf die Hingabe an", sagt Litman, „wie man Reden hält, Spenden sammelt oder einen Wahlkampf budgetiert lässt sich alles erlernen. Aber Leidenschaft lässt sich nicht lehren."

Lokalpolitiker haben in den USA viel Macht. So wird zum Beispiel der Kampf gegen das Recht auf Abtreibung in konservativen Staaten geführt. Republikanische Lokalpolitiker konfrontieren Kliniken und Ärzten mit Auflagen, die schwer zu erfüllen sind und nicht immer einen sinnvollen Zweck haben - zum Beispiel wie breit die Flure in den Arztpraxen sein müssen, die Abtreibungen anbieten. Oder dass sie einen Mindestabstand zu Schulen und Kindergärten einhalten müssen. Republikaner haben traditionell viel Macht auf lokaler Ebene und hebeln so nationale Errungenschaften aus. Darum ist es Litman so wichtig, progressive Kandidaten in lokale Ämter zu heben.

Kaum ein Jahr ist „Run for Something" alt, und trotzdem wurden 2017 schon 75 Kandidaten aktiv unterstützt - 35 davon haben laut Litman gewonnen, teilweise mit nur kurzem Vorlauf: „Bei einigen Kampagnen hatten wir kein halbes Jahr um alles auf die Beine zu stellen." Für 2018 erhalten derzeit 120 Kandidaten aktive Unterstützung, weitere 500 Anwärter sind Teil eines Mentorenprogramms. Für 90% der Teilnehmer ist das ihr politisches Debüt.

Mila möchte in der Lokalpolitik als Schutzwall gegen nationale Kampagnen wirken

Eine davon ist Mila Johns, 33 Jahre alt. Die Analystin für Terrorismus hat vergangenes Jahr einen Job bei der US-Regierung ausgeschlagen. Sie sollte syrische Flüchtlinge vor der Einreise auf Herz und Nieren prüfen. Ein Job, der für sie unter der Trump-Regierung nicht in Frage kam. Doch was tun, während der Ärger über die aktuelle Lage wächst? Mila tritt in ihrem Bundestaat Maryland als Delegierte in die Lokalregierung ein. „Ich möchte in der Lokalpolitik als Schutzwall gegen nationale Kampagnen und Gesetzesänderungen wirken."

Eines ihrer Kernthemen: das Gesundheitswesen. Donald Trump und die Republikaner wollen die von Obama eingeführte Krankenversicherung für alle aushebeln, immer wieder ist auch von Budgetkürzung bei der Krankenversicherung für Geringverdiener und Arbeitslose „Medicaid" die Rede. Das liegt ihr besonders am Herzen: Als Mila mit ihrer heute 11-jährigen Tochter schwanger war, hat ihre Krankenversicherung sie rausgeschmissen. Nur dank Medicaid konnte die medizinische Versorgung von ihr und ihrem Baby gewährleistet werden.

Das Schwierigste am Wahlkampf sei für Mila das Spendensammeln. Viel in amerikanischer Politik entscheidet sich über den Geldbeutel: Flyer, Plakate, Infobroschüren und Buttons machen nur einen Teil des Budgets aus. Veranstaltungen, um mit den Wählern in Kontakt zu kommen, aber auch Reisekosten fallen an.

Wildfremde am Telefon um Geld bitten war ein Krampf für Mila: „Außerdem frisst es so unfassbar viel Zeit. Darum finanziere ich meine Kampagne jetzt selber, so habe ich mehr Kapazitäten." Obwohl es nur ein regionales Amt ist, braucht sie 100.000 Dollar von ihrem eigenen Geld, zusätzlich zu den gesammelten 20.000 Dollar Spenden.

Für Shavonnia ist der Verzicht auf Spenden keine Option, sie will nach Washington - der Weg dorthin ist steiniger, und teurer. Doch als junge, afroamerikanische Frau in einem Bezirk, der bei der Wahl 2016 mit 59 Prozent für Donald Trump gestimmt hat, begegnen ihr viele Vorurteile von Seiten der konservativen Wähler und der Republikaner. „Mir ist es wichtig, authentisch zu bleiben, und das ist mir bisher in meinem Wahlkampf sehr gut gelungen", erzählt Shavonnia.

Auch viele Demokraten beobachten ihren Wahlkampf mit Skepsis, aber aus einem anderen Grund: „Sie glauben, ich kann es nicht schaffen - und haben Sorge, dass ich die Wahl verliere. Aber diese Angst zu verlieren, kann uns doch nicht davon abhalten, zu kämpfen."

Und während Amerika gerade wieder einmal diskutiert ob Präsident Trump den Rassismus im Land weiter befeuert, schüttelt Shavonnia in dem Café in Pennsylvania nur ihren Kopf und sagt: „Für uns ist das nichts Neues. Ich wurde auch regelmäßig mit rassistischen Äußerungen und Handlungen konfrontiert. Vorher hat die breite Masse nur keine Notiz vom Alltagsrassismus genommen. Donald Trump hat den Rassismus nicht befeuert, er hat den Rassismus in Amerika jetzt erst richtig ans Licht gebracht."

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