Katharina Wasmeier

Freie Journalistin, Autorin, Lektorin, Nürnberg

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"Ich will die Realität zeigen"

Ein Bild aus der Reportage des Fotografen Alexandre Barcellos. Der Brasilianer, der seit 2018 (wieder) in Nürnberg lebt, hat den Alltag in der Mudra lange mit seiner Kamera begleitet. © Foto: Alexandre Barcellos

Fotograf Alexandre Barcellos fängt mit seiner Kamera Krankheit und Leid ein 


Über ein Jahr war Alexandre Barcellos im Brüsseler Volkskrankenhaus, um den Alltag zwischen OP und Suizid, zwischen Ambulanz und Mord fotografisch zu begleiten. Dreimal wöchentlich fünf Stunden „diszipliniert und hundert Prozent respektvoll“ verschmolz der 47-jährige Brasilianer mit seiner Umgebung – dabei herausgekommen ist eine Reportage, die die Not und den Schreck, aber auch die Liebe in Bilder packt, die zugleich aufwühlend sind und aber selbst als eine behutsame Schutzhülle funktionieren. Mit der gleichen, so geduldigen wie sensiblen Herangehensweise hat Alexandre Barcellos nun die Arbeit der mudra, der Alternativen Jugend- und Drogenhilfe Nürnberg e. V. betrachtet und sagt: „Ich will die Realität zeigen. Die Arbeit der mudra ist hart, wichtig – und den Nürnbergern weitestgehend unbekannt.“ Mit Haut und Haaren, Leib und Seele stürzt sich Alexandre Barcellos in die Arbeit. „Man muss alles hinter sich lassen“, sagt er, und hat dabei selbst noch so viel vor sich. Denn was die Arbeit des Mannes aus Rio de Janeiro so außergewöhnlich macht, ist: „Ich habe nie fotografieren gelernt. Ich tu’s einfach.“

Zum Geburtstag bekommt der 13-Jährige seine erste Minikamera geschenkt. Knipst drauf los, was man so macht, bekommt Lob, was Mama halt so sagt – und lässt die Kamera mit 20 achtlos fallen, denn etwas anderes ist wichtiger: „Ich bin professioneller Jiu-Jitsu-Kämpfer geworden“, berichtet Barcellos auf Englisch und sein Gesicht erzählt, was das bedeutet. Der Sport aber führt ihn nach Europa, wo er in Brüssel nicht nur heiratet, sondern auch als Coach zu arbeiten beginnt – und hierbei Cédric Gerbehaye kennenlernt, belgischer Fotojournalist mit Spezialisierung auf den Nahen Osten und die Demokratische Republik Kongo. Hochdotiert. Sie beginnen sich gegenseitig zu unterrichten, im Kampf mit dem Gegner, der Kamera, sich selbst, bis Gerbehaye 2014 sagt: „Ich muss nach Brasilien – begleite mich und übersetze!“ Es folgt ein dreiwöchiges „Praktikum“, sagt Alexandre Barcellos, bei diesem Topfotografen, und „this completely changed my mind.“ Die Welt müsse man zeigen, keine Landschaften, Menschen, Gefühle, Ereignisse, nicht Sonnenuntergänge! Cédric Gerbehaye nimmt seinen Freund an die Hand – und schickt ihn prompt ins Krankenhaus.

Jeden zweiten Tag ist Alexandre Barcellos ab Januar 2016 im Brüsseler Volkskrankenhaus. Er sieht Menschen sterben und überleben, ist dabei, wenn Schädel geöffnet und Gliedmaßen amputiert werden, findet Ermordete und Hinterbliebene, und auch die Abgründe, in die die Sanitäter, Ärzte, Mitarbeiter blicken. Alles andere, sagt Alexandre Barcellos, „meine Frau, meinen Beruf, mein Leben, habe ich außenrumsortiert.“ Cédric Gerbehaye begleitet die Zeit – am Telefon, als Freund, als strenger Lehrer, der ihm auch beibringt, dass „die Leute vergessen müssen, dass du da bist.“ Wie sehr das gelingt, zeigt die verletzliche Nähe der Bilder aus Brüssel, die jetzt auch ihren Weg nach Nürnberg gefunden hat, wohin es Alexandre Barcellos 2018 zog.

Zum Arbeiten als Jiu-Jitsu-Coach eigentlich, doch schnell ist klar, dass ein neues Fotoprojekt realisiert werden muss. Barcellos, der schon 2009 mal in Nürnberg gestrandet war, erinnert sich: „Jeden Tag auf dem Weg nach Hause war ich an der mudra vorbeigekommen, habe die Leute vor der Tür gesehen, aber nicht gewusst, was das da eigentlich ist.“ Er macht sich schlau, knüpft Kontakt mit dem damaligen Geschäftsführer Bertram Wehner, zeigt ihm die Brüsseler Arbeit – und erfährt sogleich positive Resonanz. Ab April macht sich Alexandre Barcellos also daran, „die Realität zu zeigen.“ Und muss sie dafür erst selbst kennenlernen. Sieht Überdosen und Einsamkeit, Verzweiflung und Müdigkeit. Doch auch Freundschaft und Lebensmut und Zukunft und Visionen und lernt: „Meine Probleme sind gar nichts.“ Alle Einrichtungen und Projekte der mudra besucht und begleitet Alexandre Barcellos, vom „Anfang im Café und wie es dann weitergehen kann“ durch den „harten Alltag auch der Sozialarbeiter“, erfährt die sensible Atmosphäre der verletzlichen, scheuen Menschen, „für die sich niemand interessiert“, die sich freuen, wenn jemand da ist, zuhört, und die „alle gegen die Droge und für ein besseres Leben kämpfen.“

Im Dezember 2018 beendet Alexandre Barcellos das Projekt, war er über neun Monate hinweg zwei Tage die Woche bei der mudra, hat die Menschen, die Gefühle und Erinnerungen in eine schwarzweiße Schutzhülle gegeben und versprochen, auf sie aufzupassen, die vielen kleinen Momente, hinter denen sich große Geschichten des Lebens verstecken. Eine Ausstellung soll kommen, ein Buche vielleicht auch, denn „Ich weiß nichts über Licht oder Winkel“, sagt der Fotografen-Autodidakt. „Aber dass man Nürnberg diese Bilder zeigen muss und mudra nahebringen muss, das weiß ich.“

alexandrebarcellos.photoshelter.com/

 

 

KATHARINA WASMEIER

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