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Review

Klug, sexuell und feministisch: Carolin Kebekus' Pussy Nation

Es gibt diese Frauen, die sind irgendwie ein bisschen anders als die anderen. Sie sind meistens zu laut, haben die Angewohnheit, Sachverhalte und Erlebnisse nicht einfach zu berichten, sondern noch aus jeder Ampelüberquerung ein Entertainmentevent zu machen, haben Meinung und Selbstbewusstsein, die unter Umständen in einer dröhnenden Unwetterlage koalieren, dass die Ohren nur so flattern. Wenn diese Frauen dann auch noch aussehen, als könnten sie wenn schon kein Wässerchen, dann doch höchstens vielleicht einmal einen kleinen Prosecco trüben, in Wahrheit aber mit einem kurzen Wimpernklimpern in Highheels den halben Ortsverband unter den Tisch saufen, dann möchte man mit diesen Frauen unbedingt sehr gerne sofort an einem Samstagabend um die Häuser ziehen, an Theken sitzen und sich dort bei Bieren über Erlebnisse im Allgemeinen, Männer- und Frauensachen im Speziellen und nebenbei vielleicht auch noch über alles andere austauschend lustig machen. Am nächsten Tag wacht man dann mit einem vielleicht schweren Kopf, wohl aber einem leichten Gefühl auf. Weil das mit den Theken bei einer fünfmaligen Comedypreisträgerin leider nicht so supereinfach funktioniert, kauft man sich ein Ticket und sucht sich seinen Platz in der Arena, um dort nach Leistung des Einbürgerungsschwurs zwei Stunden Teil von Carolin Kebekus‘ „Pussy Nation“ zu sein, die, ja, genau so sexualisiert ist, wie sie klingt – das aber nur vermeintlich in erster Linie, um zu unterhalten. In zweiter nämlich ist die dritte hallen- und abendfüllende Show der 39-jährigen Bergisch-Gladbacherin vor allem ein Aufruf an Frauen und, ja, auch Männer für mehr Selbstbewusstsein, für Gleichberechtigung, für Toleranz, für Vielfalt. Für die selbstbestimmte Frau, die ein Recht hat auf Abtreibungsinformation und die Pille danach, die beim Sex nicht gut aussehen, sondern Spaß haben soll, und die gefälligst auf Männerjagd gehen soll, wenn ihr danach ist, und nicht darauf hören, dass „weibliche Sexualität anscheinend eine unglaubliche Macht hat, denn sonst hätten nicht alle so viel Angst vor ihr und würden versuchen, sie einzusperren.“ Nein, es sind nicht die ganz feinen, hintersinnigen Gedanken, die hier unterm totenkopfigen Venussymbol unters hingerissene und überraschend geschlechterheterogene Volk gepfeffert werden. Es gibt Trump- und Babybilder-Bashing, den allgegenwärtigen Insta- und Bewertungswahn, Menstruationstassen und Whatsappgruppenstress, wabbelnde Oberarme und beifallklatschende Titten und kollektiven Samenstau, der „im ausgestreckten rechten Arm eskaliert.“ Es gibt eine grimassierende und sich verrenkende Kebekus, die klug ist ohne intellektuell zu sein, sich garantiert für nichts zu schade, vor allem nicht dafür, Gags auf ihre eigenen Kosten zu machen, den Blick auf die Absurditäten der Gesellschaft über ihre eigenen (sogenannten) Makel zu lenken, die von Rechten und Frauenhassern als „linksversiffte Gutmenschenfotze“ beschimpft wird und deren politisches Herz mit ihrer Stimme in irre lautem Gleichklang schlägt – und mit all dem irre lustig ist. Man wäre sofort mit ihr um die Häuser gezogen.