1 subscription and 3 subscribers
Article

Für ein bisschen mehr Egaligkeit!

Ich hatte heute Nacht einen Alptraum. Ich aß ein Tomatenbrot, es war frisch, köstlich, glücklich, der Saft rann mir das Kinn hinab. Dann plötzlich wurde mir bewusst, dass die rote Frucht gesalzen war, und ich wachte schreiend auf. Denn Salz, die große Liebe meines Lebens, und ich gehen grad getrennte Wege. Schuld daran ist etwas namens „Cell Reset Concept“, der Urfeind, der Supergau, die Mutter aller Entgiftungskuren. Kein Zucker, kein Salz, keine Kohlenhydrate, keine Milchprodukte – nichts. Nur sorgsam abgewogene Einheiten zum Überleben, gegen Schwäche und Skorbut. Warum ich das mache? Ich weiß es nicht, möchte ich verzweifelt weinen in der Hoffnung, das Salz aus den Tränen lecken zu können. Freilich weiß ich’s schon, denn diese vier- bis zwölfwöchige Rücksetzung in den Werkszustand soll unter anderem herausarbeiten, ob ich einem natürlichen Verschleiß ausgesetzt bin mit verschiedenen Zipperlein oder diese auf den Raubbau in der zweiten Lebenshälfte zurückzuführen sind. Ob das klappt? Wir werden sehen. In der Zwischenzeit und seit immer schon wird um mich herum fleißigst körperoptimiert. Hochaktuell: Man zieht Öl aus Gründen, die selbst die Ölzieher nicht wissen, wohl aber von der Ekelhaftigkeit eines sich morgens eine viertel Stunde lang im Mund verhundertfachenden Teelöffels Kokosfett. Ist ayurvedisch, muss gut sein. Andernorts wird intervallgefastet. Das mag prima sein für den Stoffwechsel, weniger gut für die Gesellschaft, denn nur weil man selbst in Vierstundenzyklen lebt, müssen das alle anderen ja noch lang nicht tun. Es droht Vereinsamung, doch Schlankheit, und darauf kommt’s wohl an. Jede Phase hat ihren eigenen Diättrend, weswegen zuletzt sehnsüchtige Menschen viel Geld dafür bezahlt haben, den Befehl zu erhalten, Nahrungsmittel fürderhin nur noch abgewogen zu genießen statt bis der Schlund randvoll ist und – o Wunder! – so ein metabolisches Gleichgewicht zu erlangen. Meinem wesentlich jüngeren Ich darf ich schadenfroh auf die Schulter hauen in Erinnerung an eine glorreiche Episode Punktezählen, in der ich immerhin lernen durfte, dass 500 Gramm Pasta mit einer ungewürzten Tomatensoße vielleicht gut fürs Punktekonto, nicht aber für den Hüftspeck sind. Jede Frau um mich herum hadert mit ihrem Körper. Manche heimlich und stolz, andere laut und verzweifelt. Manche ihr Leben lang in gnadenloser Selbstkasteiung, andere in brennenden Entladungen voller Selbsthass. Alle sind wunderschön, sind verschieden, sind klug und witzig und inspirierend, groß und klein und die Volleren beneiden die Schlanken und die Schlanken finden sich selbst zu dürr. Ja richtig, auch Männer sind nicht frei vom Zweifel, aber bis auf wenige Ausreißer bekomm ich das nicht mit. Ob sie wirklich alle ihre Wampe stolz herumtragen? Das weiß ich nicht. Und es ist mir auch egal, denn lieber wär mir eins: ein bisschen mehr Egaligkeit. Und dass kein Body mehr geshamet wird. Damit sich irgendwann niemand mehr für seinen Körper schämen muss. Zum Einstieg empfehle ich den Film „Embrace“ und nuckle weiter an meiner ungesalzenen Putenbrust. Ich mach das schließlich nur wegen der Gesundheit.