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Scheinheilig Abend

Dauersingle, Langzeitpaar, Frischgetrennter: Egal welchen Beziehungsstatus du gerade hast - an Weihnachten mit der Familie wird alles besonders schlimm. Eine Handreichung zum Überleben des Feiertags-Martyriums.

Die Frischgetrennte

So wirst du begrüßt: "Awwww, komm her!" Beim ersten Blick auf deine Mama in der Haustür brichst du in Tränen aus. Dabei hast du die ganze Zugfahrt über an deiner Contenance geübt! Aber bei der Vorstellung, dass ihr letztes Jahr hier noch zusammen unterm Tannenbaum gesessen habt, verlierst du jede Selbstbeherrschung. Du bist allein. Für den Rest deines sinnlosen Lebens. Dass immerhin deine Eltern dich noch lieben, ist da kein Trost: Was bleibt denen auch anderes übrig?

So verläuft der Abend: "Kind, jetzt iss doch was. Du bist schon ganz abgemagert", lächelt deine Mutter und packt dir noch ein Stück Keule auf den Teller. Bei der traditionellen Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Runde verzählen sich deine Eltern andauernd absichtlich und lassen dich dreimal hintereinander gewinnen. Der Abend endet in deinem ehemaligen Kinderzimmer, in dem du dein altes Dino-Kopfkissen nassweinst. Geld, Geld, Geld, denn deine Eltern wissen: Konsum macht (zeitweise) glücklich.

Dieser Satz fällt auf jeden Fall: Von Mama: "Kopf hoch, das Leben geht weiter." Von Papa: "Ich wusste es schon immer, der Kerl ist nichts für dich." "Kind, such dir lieber einen Mann mit Geld. Oder einen Handwerker." So überstehst du den Abend: Die größte Gefahr stellt dein Smartphone darf. In keinem Fall solltest du auf "Ich will dich zurück"-Nachrichten hoffen oder, noch schlimmer, solche schreiben. Unterstützender Alkoholkonsum ist trotzdem zu empfehlen. Dann hast du eine Ausrede, um die Mitleidsrunde Nummer zwei beim Frühstück am nächsten Morgen zu verpassen.

Der Frischverliebte

So wirst du begrüßt: Mutti und Vati lauern schon hibbelig an der Haustür, als ihr ankommt. Schließlich freuen sie sich schon seit sechs Wochen darauf, das Mädchen kennenzulernen, von dem du ihnen bislang nur äußerst andeutungshaft am Telefon erzählt hast. Dich drücken sie hart und herzlich, deine neue Freundin erntet von deiner Mutter breites Strahlen und einen Händedruck mit beiden Händen. Als dein Vater sie etwas linkisch begrüßt, siehst du, wie deine Mutter verstohlen einen skeptischen Scannerblick auf deine Liebste wirft. Stolz platziert deine Mutti die Weihnachtsgans auf dem Tisch, während das Lächeln deiner Flamme kaum merklich versteinert. Hattest du etwa vergessen zu erwähnen, dass sie Frutarierin ist? Als dein Vater nach der vierten Feuerzangenbowle anfängt, sie mit dem Namen deiner Ex anzusprechen, weist du darauf hin, dass ihr "jetzt wirklich total müde von der langen Fahrt" seid und dringend ins Bett müsst. Deine Eltern haben einen Gutschein für ein Wellness-Wochenende für zwei besorgt. Oder einen Tandem-Bungeesprung. Jedenfalls etwas, das man zu zweit machen kann. Dass deine neue Freundin in der Sauna Hitzepickel bekommt und unter Höhenangst leidet, können sie ja nicht wissen.

Dieser Satz fällt auf jeden Fall: "Und, was machst du so?"

Das bedeutet er: "Also, die Jana (deine Ex und der Traum deiner Eltern) hat Medizin studiert und nebenbei drei Mal die Woche bei den Klinikclowns mitgemacht. Und du kommst also gerade von einer Weltreise zurück und studierst jetzt Ägyptologie... Was, äh, macht man denn damit?" So überstehst du den Abend: Du positionierst deine neue Freundin taktisch geschickt gegen deine Ex, indem du sie drängst, die Geschichte zu erzählen, "wie du in Australien das Kind mit dem Schlangenbiss gerettet hast! Und wie war das eigentlich, als du da auf der 'Arctic Sunrise' im Polarmeer unterwegs warst?" Deine Ökostrom-beziehenden Eltern sind am Ende des Abends wenigstens davon leicht beeindruckt.

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