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Ihr Job: Abschieben.

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Kristin Imken am Flughafen Berlin-Schönefeld Foto: Markus Wächter

Berlin. Es ist der letzte Weg. Endstation Flughafen. Die Polizistin Kristin Imken ist eine von deutschlandweit 635 „Personenbegleitern Luft“. Ihr Job: Abschiebungen.


Das Wort ist hässlich. Abschiebung. Der Ort, an dem sie stattfindet, ist es irgendwie auch. Die alte „Generalsvilla“ am Flughafen Berlin-Schönefeld ist ein Stück DDR-Architektur. Manche Menschen würden vielleicht sagen, das Haus habe einen gewissen Geschichts-Charme: Ausgeblichene Linoleumböden, alte Spanplattenschränke, vergitterte Fenster. Es ist ein Stück der 40-jährigen Staatshistorie.

Dort, wo einst Erich Honecker seine Staatsgäste empfing, erleuchtet ein Kronleuchter das mit Marmor verzierte Foyer, ein schmiedeeisernes Treppengeländer geleitet hoch auf einen bröckelnden Balkon. Der gewährt einen Blick über den betonierten Flugplatz. Hier in Schönefeld residiert die Bundespolizei. Und hier kommen Menschen an, die aus Deutschland abgeschoben werden sollen, die mit dem Flugzeug direkt in ihre Heimatländer transportiert werden. „Rückführungen“ heißt das offiziell. Die Bundespolizistin Kristin Imken (Name geändert) betreut diese „Rückzuführenden“.

„Menschen erzählen viel aus dem Leben“

Die 29-Jährige ist eine der wenigen Frauen am Flughafen, die Abschiebungen begleitet. Deutschlandweit gibt es nur 635 Beamte und Beamtinnen, die als so genannte „Personenbegleiter Luft“ (PBL) arbeiten, die die Menschen auf ihrer Reise zurück nach Hause bewachen, und auch behüten. Die Meilen, die sie schon geflogen ist, kann Kristin Imken nicht mehr zählen. Müde wirkt sie, aber immer noch resolut. Blonde Strähnen fallen in einem Pferdeschwarz gebunden auf die blaue Fleecejacke, auf deren Rücken in Großbuchstaben POLIZEI steht. In der Uniform verkörpert Imken die Staatsmacht, sie spricht auch nicht in der Ich-Form von ihren Erlebnissen, sagt oft nur „man erlebt“, „man fliegt“, „man sitzt mit dem Menschen im Flugzeug”.

Wie ist das, Menschen zurück in ihre Heimatländer zu begleiten? Menschen, die am Ende einer gescheiterten Reise stehen, die ihren Weg nach Deutschland meist mühsam erkämpft und ihren Aufenthalt hier erstreiten wollten, vergeblich. Menschen, die nicht zurück wollen.

„Die Menschen erzählen einem sehr viel aus ihrem Leben, wie sie hergekommen sind, was sie durchgemacht haben. Wenn man fliegt, verbringt man Stunden, manchmal den ganzen Tag mit den Menschen im Flugzeug”, sagt Imken. Seit eineinhalb Jahren macht sie das, allein dieses Jahr hat sie 23 Abschiebungen begleitet. Einzel- und Sammelabschiebungen. Manche der Abgeschobenen sitzen in den hinteren Reihen der normalen Linienflüge, für große Gruppen werden eigens Maschinen gechartert.

„Es gibt gewisse Momente, die man nicht vergisst“

Für die, die wieder nach Hause fliegen, sind das schwere, prägende Stunden. Wenn sie wieder heimischen Boden betreten haben, geben sie Kristin Imken häufig noch einmal die Hand, danken ihr. Sie ahnen vielleicht, dass sie von anderen Ländern wahrscheinlich anders behandelt worden wären. Nicht besser. Aber sie durften in Deutschland nicht bleiben, das zählt am Ende für sie, das ist der Schluss ihrer Geschichte hier. Kristin Imken sagt: „Es gibt gewisse Momente, die man nicht vergisst. Aber es ist halt mein Job. Dem muss ich nachgehen.“ Sie lächelt, etwas kühl. Was auf der Arbeit passiert, bleibe auf der Arbeit. Und immer wieder sagt sie, dass das hier eben ihr Job sei.

Von Anträgen, Widersprüchen, Ablehnungen bleibt nur die Abschiebung

Doch verlangt dieser Job nicht Einfühlungsvermögen, Verständnis und Taktgefühl? Wie sonst kann man verzweifelten Menschen an der Endstation Flughafen begegnen? Wenn die Menschen hier ankommen, ist das die letzte Zwangsmaßnahme in einer meist langen Reihe von bürokratischen Akten. Von all den Anträgen, Ablehnungen, Widersprüchen gegen diese Ablehnungen und Ausreiseterminen bleibt dann nur: die Abschiebung.

Diejenigen, die gehen müssen, landen dann bei Frau Imken in der Generalsvilla. Für bis zu 130 Menschen ist hier Platz, die verschiedenen Ethnien werden in getrennten Räumen betreut. Nur drei Buchstaben auf Papier, aufgeklebt auf die Holztüren, weisen auf die Herkunftsländer hin. Destinationen: PRN, BEG, TIA, die Kürzel der Flughäfen stehen für die Top 3 der Abschiebeländer: Kosovo, Serbien, Albanien. Die Länder des Westbalkans gelten als sichere Herkunftsstaaten. Wer von dort kommt, hat gewöhnlich keine Bleibeperspektive in Deutschland.

An diesem Berliner Novembertag führt Frau Imken durch leere Räume, zeigt leere Schreibtische an der Clearingstelle, heute muss kein Kosovare seine Papiere vorzeigen. Der Röntgenstrahler ist ausgeschaltet, kein Serbe muss heute sein Gepäck durchleuchten lassen. Presse ist nicht erwünscht, wenn es um die Begleitung der Abschiebungen geht.

Kinder bekommen Puppen und Kuscheltiere vor der Abschiebung

„Natürlich spielen wir hier auch mit den Kindern“, sagt die Polizistin. „Wir nehmen sie auch in den Arm. Ich denke dann manchmal, dass die Eltern den Kindern dieses Verfahren ersparen könnten, wenn sie freiwillig ausreisen.“

Wie groß kann die Diskrepanz sein zwischen der kühlen Vollzugsbeamtin des Staates und der Frau, die die Biografien der Menschen kennt, die am Flughafen ankommen, die mit deren Kindern malt und spielt? Auch wenn das Spielzimmer ein wenig an eine Arztpraxis erinnert, die Puppen und Kuscheltiere auch von einem Schießbudenstand stammen könnten, aber es gibt eben ein Spielzimmer, es gibt ein Kinderbett und eine Spielstraße. Um es den Kindern so angenehm wie möglich zu machen.

„Wir sind das Ende einer Kette und vollziehen eine Maßnahme. Wir leisten Hilfe, dass die Menschen in ihrem Zielland ankommen. Für uns selbst müssen wir eine Distanz aufbauen. Sicherlich sind es alles Einzelschicksale, niemand will sich davon frei machen. Aber wir sind Polizisten.” So sagt das Hauptkommissar Thorsten Peters von der Polizeidirektion Berlin, der an diesem Tag mit Kristin Imken am Flughafen ist.

815 Menschen im letzten Jahr aus Berlin abgeschoben

Die Polizisten schoben letztes Jahr 815 Menschen aus der Hauptstadt ab, fast alle auf dem Luftweg. Das Land Berlin zahlte dafür fast 400.000 Euro, für Flugtickets, Polizeibegleitung, medizinische Versorgung. Wirft man einen Blick auf das gesamte Bundesgebiet, haben die Rückführungen dem Bund letztes Jahr mehr als 2,5 Millionen Euro gekostet. Das geht aus zwei Anfragen der Linkspartei an das Berliner Abgeordnetenhaus und an die Bundesregierung hervor.

„Das hier ist ein Spannungsfeld. Wir wollen die Situation entschärfen”, sagt Thorsten Peters. Entschärfen, wie macht man das? Oft hilft nur eines: reden. Meist über banale Dinge, Castingshows zum Beispiel. „Die Menschen erzählen mir was sie am Abend vorher noch gemacht haben, was sie im Fernsehen geschaut haben, wie Deutschland sucht den Superstar. Auf einmal fängt der Mensch an zu singen, und dann singt man auch mal mit”, sagt Kristin Imken.

„Einige Menschen bleiben im Gedächtnis, definitiv“, sagt die Polizistin. Und deswegen sagt fast jeder der Polizisten, der Menschen aus Deutschland wegbringen muss, dass er heute oder morgen mal nicht fliegen möchte. Aber: Kristin Imken wird mehr fliegen, das weiß sie. „Die Politik will das so.“
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