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Der Triumph der doña Cecilia

Cecilia Giménez im Jahr 2012 (Bild: Fundación Ecce Homo de Borja)

Hobbymalerin Cecilia Giménez machte sich mit der Restauration eines Freskos zum Gespött. Doch nun pilgern Zehntausende zum "Ecce Monchichi" der Rentnerin nach Spanien.

Dass man ihr zu Ehren einmal eine Oper schreiben würden, hätte Cecilia Giménez sich nicht träumen lassen. Sie sei "glücklich und dankbar", sagt die dynamische 84-Jährige aus dem nordspanischen Borja am Telefon. Dabei begann das Ereignis, das Giménez vor drei Jahren unfreiwilligen Weltruhm einbrachte, für sie wie ein Alptraum: "Rentnerin ruiniert wertvolles Wandgemälde", lautete etwa eine Schlagzeile.

Bei der misslungenen Restauration eines Jesus-Freskos hatte die damals 81-Jährige das wohl komischste Andachtsbild der Geschichte erschaffen, mit einem Christus, der je nach Auffassung einem Monchichi-Äffchen, einem aufgeblasenen Igel oder einer Bestie gleicht. Giménez' bärtiger Gottessohn lieferte die Vorlage für unzählige Internet-Memes.


Zwischen der händeringenden Frau, die in ersten Fernsehaufnahmen zu sehen ist, und der aufgeräumten Dame, die geduldig Fragen am Telefon beantwortet, liegen drei Jahre, unzählige Interviews - und mehr als 150 000 Besucher. So viele Menschen aus der ganzen Welt sind nach Angaben der Stadtverwaltung zur Wallfahrtskirche Santuario de Misericordia nahe Borja gepilgert, um den von Giménez aufgehübschten "Ecce Homo" zu sehen. Deren Anhänger (hier einer von vielen Fanclubs) konnten eine Wiederherstellung des Originalbildes von Elías García Martínez verhindern.


Zu Giménez' unverhofften neuen Freunden gehört der amerikanische Autor Andrew Flack, der an seinem Küchentisch in Denver in der Zeitung von Cecilias Geschichte las - und so elektrisiert war, dass er beschloss, den Stoff mit einem befreundeten Komponisten in eine Oper umzuwandeln.


"Diese Geschichte behandelt all die großen, opernhaften Themen: Glaube, Verrat, Hoffnung und Gnade, obendrein vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise in Spanien, die 2012 besonders virulent war", sagt der Librettist im Webcam-Gespräch. Es sei Cecilias würdevoller Umgang mit dem Scheitern, der die Menschen so nachhaltig fasziniere. Cecilias Jesus mag wie ein Biest aussehen, doch sehe er den Betrachter im Gegensatz zum entrückt dreinblickenden Original unverwandt an. "Als wolle er einem sagen: Und du, was hast du in letzter Zeit getan, um die Welt zu retten und mein Leiden zu lindern?", so Flack, der seine Muse zwei Mal besucht hat.


Die komische Oper "Ecce Homo" will jenen Aspekten dieser Geschichte Rechnung tragen, die im Gelächter untergingen: Etwa, dass das 1930 von Elías García Martínez gemalte Originalbild zunehmend von der feuchten Wand aufgefressen wurde. Und dass sich abgesehen von Cecilia Giménez kaum jemand um das vermeintliche Meisterwerk des mäßig erfolgreichen Künstlers Sorgen machte. Denn nur wenige betraten die Kirche auf dem Hügel so häufig wie die Dame, die seit ihrer Kindheit in einer Wohnung auf dem Hügel übersommert. Hier hatte sie geheiratet, hier waren ihre beiden Söhne getauft worden.


Bevor sie sie sich im Sommer 2012 ans Werk machte, bat die 81-Jährige den Pfarrer um Erlaubnis. In der Vergangenheit hatten andere Kirchen in der Stadt sie mit kleineren Ausbesserungsarbeiten beauftragt, ohne danach in den Abendnachrichten aufzutauchen. Beim "Ecce Homo" langte Giménez jedoch bekanntlich daneben, ließ das unfertige Projekt trocknen - und fuhr in den Sommerurlaub mit der Absicht, nach ihrer Rückkehr zu retten, was zu retten war. Allein, dazu kam es nicht.


"Warum nur deckte ich das Bild nicht zu, bevor ich wegfuhr?", fragt sich Giménez noch heute. "Es ging mir sehr schlecht damals", erinnert sich Cecilia Giménez an ihre Rückkehr aus dem Urlaub, "ich konnte es nicht wiedergutmachen".


Während manch aufgebrachter Kunstliebhaber Giménez im Internet mangelnden Respekt vorwarf, nahmen die Bewohner ihrer 5000-Seelen-Gemeinde ihr das Missgeschick nicht übel. "Alle lieben Cecilia", sagt Borjas Bürgermeister Eduardo Arilla. "Sie ist eine reizende, sehr angesehene Person."


Heute komme doña Cecilia das Verdienst zu, Borja weltweit einen Namen gemacht zu haben - und zwar im Alleingang. Denn die neu gewählte Stadtverwaltung leistet erst seit kurzem mit einer eigenen Facebook-Seite Unterstützung, der Merchandising-Vertrieb stockt noch.


Über all die Menschen, die trotzdem zur Kirche fanden, freuen sich neben Borjas Hotel- und Restaurantbesitzern vor allem die Bewohner des angrenzenden Altenheims. An sie fließen sämtliche Einnahmen aus dem Eintrittsgeld von einem Euro pro Besucher. Da der Gebäudekomplex auf dem Hügel komplett unter städtischer Verwaltung steht, wird der Gewinn zwischen der Stadt und Giménez, nicht aber mit dem Bischof geteilt. Giménez wiederum spendet ihren Teil.


Für die Hobbymalerin sprangen andere Projekte heraus. Eine Weinherstellerin beauftragte Giménez mit einem neuen "Ecce Homo"-Bild für ein Flaschenetikett. Inzwischen kann sich die 84-Jährige für ein paar Stunden am Tag eine Pflegekraft für ihren Sohn leisten. Der kam, wie sein inzwischen verstorbener Bruder, schwerbehindert auf die Welt. Ihren Mann verlor Cecilia vor vielen Jahren an den Krebs. "Das Malen war immer mein Ventil", erzählt Giménez, die sich selbst als Amateurin bezeichnet.


Ein juristischer Streit mit den Nachfahren von Elías García Martínez, dem Autor des Original-Freskos, wurde inzwischen abgewendet. Zur Vorstellung des geplanten Opernprojekts in Borja reiste Anfang Dezember auch die Enkelin des Malers an - und schloss prompt Frieden mit der eleganten, in paillettenbesticktem Schwarz erschienenen Giménez. Im nächsten Jahr soll Elías García Martínez mit einer eigenen Ausstellung in Borja geehrt werden.


In der Oper, die nächsten Sommer in Borja uraufgeführt werden soll, gehört der Geist von García Martínez zu den Protagonisten - und singt die Zeilen: "Wer entscheidet, was gut oder schlecht ist? Ob etwas ein Segen oder ein Fluch ist? Was dem einen eine Katastrophe, ist dem anderen ein Wunder."




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