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Unverstellt und Ungespundet: Die Protokoll Bar

Wir befinden uns im Jahre 2017 nach Christus und ganz Friedrichshain ist von Zugezogenen und Touristen besetzt. Ganz Friedrichshain? Nein! Eine von unbeugsamen Bierliebhabern bevölkerte Bar hört nicht auf, den Friedrichshain-Nörglern mit Authentizität Paroli zu bieten.

Die Boxhagener Straße ist nicht gerade das, was in Berlin Menschen anzieht, die Neues entdecken wollen. Eher solche, die wissen wollen, wo Friedrichshain vor zehn Jahren begann - und weshalb es aufgehört hat, der Ort zu sein, von dem man selbst als Zugezogener beim weihnachtlichen Klassentreffen in seinen süddeutschen Provinzdörfern prahlt.

Es gibt Dinge, unter denen leidet die Boxhagener Straße nicht. An einem Späti-Mangel, zum Beispiel, oder an dem indischer Restaurants. Auch den Sisha Lounge-Tod muss hier keiner sterben. Und als Paradebeispiel der Gentrifizierung hat auch die Dichte von Biobäckern und Burgerläden endlich das Maximum erreicht, das eine Straße braucht, um jener Realness, wegen der man einst nach Berlin zog, gänzlich den Garaus zu treiben. Darauf kann man nun etwas geben oder auch nicht. Ersteres zeugt für Unterhaltungsstoff in trüber Runde, Zweiteres für optimiertes Möglichkeitspotenzial. Wem nämlich egal ist, wie Menschen über die Boxhagener Straße sprechen, der eröffnet da möglicherweise eine Bier Bar. Der setzt auf Biere, die es selten gibt, lebt seine russischen Verbindungen gen Heimat aus und schaut zu, wie die Bar sich zunehmend füllt.


Auf Zack ohne Zapfen

Zuletzt geklappt hat das mit der Moskauer Punk Band Expedition Vokshod, die sichtlich vergnügt durch die Protokoll Bar tanzt. Alles wurde richtig gemacht und die Polizei kam genau pünktlich zum letzten Lied. Ein weiteres Mal wird das vermutlich mit der Epic Brewing Company aus Utah klappen, mit deren Brauern heute Abend ein Tap Takeover geplant ist.

Epic ist Utahs erste Brauerei seit der Prohibition, die seitdem hochprozentige Biere herstellt. Brauen hingegen, will der Inhaber der Protokoll Bar Vadim erst einmal nicht selbst. Vadim, das ist Vadim Kamkalov, 32 Jahre, der in Lettland groß geworden und mit der russischen Kultur aufgewachsen ist. Das macht sich beispielsweise bemerkbar an seiner Bierauswahl. Zum Einstieg sehr empfehlenswert ist das Intsikurmu von der estnischen Pühaste Brauerei - mit einem Haufen tropischer Früchte, einer floralen Süße und einem leichten Körper regt dieses Bier die Lust auf ein zweites. Zum Beispiel auf ein „Ungespundetes". Aus Englisch gar nicht so einfach zu erklären, weiß Alfred, der Mann am Tresen Bescheid: „Das kommt vom Spundloch im Fass. Eigentlich dient jener Holzzapfen zum Druckausgleich während der Gärung, damit kein Überdruck entsteht. Ungespundetes Bier hat diesen Zapfen nicht und besitzt weniger Rezenz." Vadim, Alfred und Ben nehmen sich Zeit, ihr Konzept und ihre Ideen zu erklären - Zeit, die sie eigentlich nicht haben, denn eine Bar in Berlin braucht Kontur. Vadim hat Wirtschaft und Politik studiert, kam mit 19 Jahren nach Deutschland und hatte nach der Arbeit im IT-Bereich Lust auf sein eigenes Ding: „Ich habe vielleicht keine herausragenden Spezialkenntnisse. Aber ich bin gut darin, die Fäden zusammenzuhalten, ich organisiere unglaublich gern." Grundsätzlich hätte es auch eine Bäckerei oder ein Weinhandel sein können. Allerdings machte Vadim die schmerzliche Erfahrung, dass ihm die Lust auf Biertrinken an der Bar in den letzten Jahren vergangen war: „Ich wollte das einfach alles nicht mehr trinken. So war die Entscheidung schnell gefallen."


Try the Tray

Als „Craft Beer Bar" würde sich die aus fünfeinhalb [sic!] Mitarbeitern beständige Crew nicht bezeichnen: „Dafür wird der `Craft´-Begriff in Deutschland einfach zu seltsam verwendet". Für Vadim, Alfred und Ben ist zumindest eines klar: „Craft", das ist natürlich handwerklich hergestelltes Bier. Aber nicht jedes experimentell hergestellte Bier sei „Craft", findet auch Vadim. Zumindest sollte die Brauerei zu siebzig Prozent selbständig sein und der Bierstil originell, nicht einfach bloß auf Teufel komm raus anders. In unregelmäßigen Abständen ändert die Crew die Taps, das Augenmerk jedoch bleibt stets darauf gerichtet, dass für jeden Geschmack zumindest eine Sorte Bier zur Verfügung steht. Damit man diese Sorte auch wirklich finden kann, stehen - nebst ausgezeichneter und mehrsprachiger Beratung - Tasting Trays zur Verfügung. Ebenso mit vier Probiergrößen ausgestattet, fährt bereits das Muted Horn ausgezeichnet mit dieser Idee - und auf bei Brewdog findet sich das Probierformat par excellence.

Mit insgesamt 24 in gelbe Fliesen eingelassenen Zapfhähne, macht es die Protokoll Bar ihrem Gast leicht, sich in Ruhe in der Handwerkskunst des Brauens einzufinden, Boxhagener Straße hin oder her. Der Getränkefeinkost direkt auf der gegenüber liegenden Seite der Straße macht es dem Friedrichshainer Flaneur sehr einfach, sich dem wüsten Klischee der Simon-Dach-Region zu widersetzen und dem Kiez nochmals eine Chance zu geben. Wer dieser Region so viele Chancen gäbe, wie Vadim der Entwicklung seiner Bar, der allseits beliebten Opferecke aller Kiez-Hasstiraden wäre geholfen. In nächster Bälde wird es in der Protokoll Bar auch Essen - bestenfalls passend zum Essen und besser bekannt unter dem allseits zelebrierten Food-Pairing. Außerdem denkt man über Bier-Cocktails nach: einer Gattung, von der wir uns in den kommenden Monaten und Jahren einiges erhoffen. Es bleibt also spannend und alles, was wir jetzt noch zur Protokoll Bar zu sagen haben, ist die Aufforderung, in Bälde dort vorbeisehen und den Abend abzuschließen mit einem Lobotomy Dextral BA Brandy von AF Brew, einem russischen Imperial Stout.


Adresse. Boxhagener Straße 10; U5 Samariterstraße oder U1/ S3, S5, S7, S75 Warschauer Straße


Öffnungszeiten: So-Do 16:00-00:00, Fr+Sa 16:00-02:00


Rauchen nicht erlaubt

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