Julia Wenzel

Redakteurin bei "Die Presse" , Wien

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Artikel

Sabine Thaler: "Ich habe die gläserne Decke gespürt"

Schon als Kind träumte Sabine Thaler von einer Karriere im Handel. Nach mehr als 20 Jahren Pionierarbeit im Rewe-Konzern wandte sie sich vom Traumjob jedoch ab. Auch wegen „traditioneller Rollenbilder".

Das Einkaufserlebnis beim hiesigen Greissler sollte für Sabine Thaler lebensentscheidend werden. Schon als Kind faszinierten die gebürtige Kärntnerin (1967 in Spittal an der Drau geboren) prall gefüllte Warenregale: „Ein Bekannter meiner Eltern hatte ein Adeg-Geschäft", erzählt Thaler amüsiert. „Mir hat das immer schon imponiert, dass die Ware in der richtigen Menge am richtigen Platz liegt." Für das Studium der Handelswissenschaften, auch aufgrund der Möglichkeit zur Kombination mit Fremdsprachen, zog die heute 52-Jährige nach der Matura am neusprachlichen Gymnasium, 1985 nach Wien. Das ländliche Leben, sagt sie, hätte sie zwar geprägt. Den Weg zurück sollte sie jedoch nicht wieder finden: „Ich wollte unbedingt immer weg."

Während des Studiums („Ein Professor hat uns immer wieder von Billa und dem Warenhandel erzählt") entschied sie sich dann tatsächlich für die Karriere m Handel. 1992 stieg sie bei Billa im Bereich Warenwirtschaft ein. „Ich habe das geschlossene Warenwirtschaftssystem studiert. Da dachte ich: Super Sache, da kann ich mein Wissen nun in die Praxis umsetzen."

In einer Zeit des Aufbruchs - „eine Filiale nach der anderen wurde aus dem Boden gestampft" - kam Digitalisierung allerdings als noch kaum hörbare Zukunftsmusik daher. Scannerkassen gab es noch gar nicht flächendeckend. Billa allerdings „sah sich selbst als Vorreiter" und preschte voran: „Es ist sehr rasant gegangen, dass PCs aufgestellt und die Filialen mit Scannerkassen ausgestattet wurden." Stolz sagt Thaler heute: „Ich war da von Anfang an dabei."

"Der Österreicher ist sehr traditionell. Wir waren damals viel zu früh dran."

Sabine Thaler Digitale Pionierin

Tatsächlich mutet sie heute als Pionierin der Branche an: „Von der Zettelwirtschaft" zur digitalen Wende bestritt sie Wege oft als erste. Davon erzählend lacht sie herzlich: „Der damalige Vorstandsvorsitzende hat immer von mir gesagt ,seine einzige Frau Magister". Als Frau, aber auch als IT-affine Projektmanagerin scheute sie keine Herausforderung: „Ich habe das geliebt, dass ich so technisch anspruchsvolle Themen machen konnte. Ich war immer sehr motiviert und engagiert, die Technik in meinen Alltag zu integrieren."

Jene Technik, die heute allgegenwärtig ist, damals aber futuristisch anmutete. Denn schon 2000 (nach dem Verkauf an den Rewe-Konzern 1996) hatte Billa bereits die erste High-Tech-Filiale in Purkersdorf eröffnet - Selbstbedienungskassen, sprechende Einkaufswägen sowie elektronische Preisschilder inklusive. Auch das Konzept der Kundenkarte geht auf diese Zeit zurück. Billa war damit seiner Zeit um mehr als ein Jahrzehnt voraus. Ohne dafür wirklich belohnt zu werden: „Der Österreicher ist sehr traditionell. Wir waren damals viel zu früh dran."

"Ich habe das geliebt, dass ich so technisch anspruchsvolle Themen machen konnte. Ich war immer sehr motiviert und engagiert, die Technik in meinen Alltag zu integrieren."

Sabine Thaler

Die revolutionären Modernisierungen waren aber trotzdem sinnvoll, brachten sie doch ein Mehr an Effizienz. In 15 Jahren seit ihrem Einstieg hatte sich die Anzahl der Filialen indes verdoppelt. Schließlich wurde die 1000. Filiale eröffnet. Doch seien die einzelnen Handelsfirmen (Billa, Bipa, Merkur, Adeg, Penny u.a.) „sehr eigenständig und nicht vereinheitlicht" in ihren Prozessen gewesen. 2008 baute Thaler deshalb das Projekt- und Prozessmanagement im Konzern auf, um Abläufe zu optimieren und zu vereinheitlichen. Dem Thema Nachhaltigkeit („Rewe war der erste mit einem Nachhaltigkeitsbericht im Lebensmitteleinzelhandel"), sowie unterschiedlichen Sicherheits- und Lagerkonzepten hat sie ebenfalls federführend „zur Geburt verholfen."

Bis zur gläsernen Decke und nicht weiter

Irgendwann jedoch, nach 22 Jahren im Konzern, sah sie keine Perspektive mehr: „Mir kam vor, dass ich nicht mehr weiterkomme. Ich habe mir gedacht: Wenn ich jetzt nicht gehe, dann bleibe ich bis zur Pension." Traditionelle Rollenbilder und Meinungen zu Karrierewegen versperrten ihr den Weg: „Ich habe die gläserne Decke gespürt", sagt Thaler. „Das spürt man als Junge nicht, da kann man viel machen und wird akzeptiert. Der kritische Punkt ist dann die obere Ebene."

Stationen in der Geschäftsführung bei Mediaprint Logistik („Wer hat schon die Chance, nach 22 Jahren in ein andere Branche zu wechseln?") und bei Grüne Erde folgten. Und das sehr erfolgreich: Seit der Gründung 1983 war das vergangene Geschäftsjahr das erfolgreichste des oberösterreichischen Öko-Händlers. 2016 wurde Thaler zudem zur Vorsitzenden des Beirates bei der GS1 Austria gewählt, denn ,Standards' prägen mein ganzes Berufsleben", wie sie betont. Die langjährige Erfahrung im Handel kann sie seither auch dort einbringen. Derzeit nutzt Thaler eine berufliche Auszeit zur Sondierung von Angeboten. „Ich schaue mal, in welche Richtung es gehen kann."

"Ich habe die gläserne Decke gespürt", sagt Thaler. "Das spürt man als Junge nicht, da kann man viel machen und wird akzeptiert. Der kritische Punkt ist dann die obere Ebene."

In Zeiten des exzessiven Online-Shoppings drängt sich da jedoch schnell eine Frage auf: Wird es den stationären Handel überhaupt noch lange geben? „Auch ein Home24 hat Schauräume, Amazon hat Filialen gebaut", erwidert Thaler abgeklärt. Interessant sei ohnehin das Neben- und Miteinander der einzelnen Vertriebswege: „Man hat einen riesigen Alleinstellungsmerkmal, wenn man Filiale, Onlineshop und den klassischen Versandhandel verbindet. Das Zusammenspiel ist, worauf es ankommt. Die Optimierung ist das, was mich interessiert."

Netzwerk und Mut

In all der Zeit verlassen konnte sich die leidenschaftliche Rennradfahrerin und Läuferin, die als unvergessliches Erlebnis angibt, ihren 50. Geburtstag auf 5000 Meter Seehöhe am Mount Kenya gefeiert zu haben, nicht nur auf ihren sportliche wie beruflichen Ehrgeiz. Sondern auch auf ein dichtes Frauennetzwerk. Als ehemalige Co-Präsidentin des European Women's Management Development (EWMD) nahm sie 2013 auch am Führungskräfteprogramm Zukunft.Frauen teil: „Für mich war das eine tolle Bereicherung, weil ich Frauen aus vielen verschiedenen Branchen kennen gelernt habe. Es sind Freundschaften entstanden."

Eine Aussicht auf eine Position in einem Aufsichtsrat, den die Absolventinnen-Datenbank des Programms ermöglichen soll, nennt sie dennoch unwahrscheinlich: „In den Aufsichtsräten im Handel ist der Anteil an Frauen so extrem gering, dass es sicherlich noch viele Schritte braucht, damit man als Frau auch für einen Aufsichtsrat auffällt." Nicht zuletzt deshalb käme es stets auf die richtige Portion Courage an: „Man braucht als Frau sehr viel Mut und Durchhaltevermögen. Man darf nicht lockerlassen, man muss immer wieder nach vorne gehen und dran bleiben." Zu wissen, wann die Zeit für den nächsten Schritt käme, sei für jeden eine persönliche Entscheidung, aber: „Die braucht es." Das Netzwerk sei zwar immer da, wenn man Hilfe brauche, „aber entscheiden muss man sich selbst."

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