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Vegetarier? Wenn du das sagst...

Was ich denn überhaupt noch essen dürfte? Diese Frage kommt meistens von älteren Verwandten und immer mit besorgtem, mitleidigem Blick. „Alles", sage ich dann, „ich tu's nur nicht".


Vegetarier sein, was heißt das? Für mich ist es vor allem ein Begriff. Ein Ausdruck, mit dem ich anderen kurz und knapp erklären kann, was auf meinem Teller landet - oder vielmehr, was nicht. Doch das Wort birgt Konflikt. Es lädt ein zum Nachhaken, zu schiefen Blicken oder gar zu verlegenen, panischen, zwanghaften Themawechseln. Und das zu unrecht.


Allesesser haben oft eine überzogene Vorstellung davon, was es heißt, kein Fleisch zu essen: Eine große Sache ist es nämlich nicht. Es gibt kein Weglassen, es gibt nur Auswählen. Die Tatsache, dass ich Spaghetti Napoli der Bolognese vorziehe, heißt nicht, dass ich mich mit dem Bild des Standardvegetariers identifizieren könnte. Denn das ist voll von Vorurteilen, es manifestiert sich missionarisch und riecht nach Revolte.


Ich schwenke keine Fahnen und rüge keine Mitmenschen, ich habe lediglich eine Entscheidung getroffen, die allein mich berührt. Und doch scheint die ganze Welt betroffen. Natürlich weiß ich, warum das so ist. Und ich finde es schade, dass man sich über ein so spannendes und wichtiges Thema selten unvoreingenommen unterhalten kann.

Auch ich war nicht immer so umgänglich - vor sieben Jahren, als die Entscheidung noch frisch war und ich noch viel zu jung, da konnte ich jeden mit meinen Totschlagargumenten dazu bringen, in sein Schnitzel zu weinen. Heute will ich das gar nicht mehr - ich wünsche mir mehr Harmonie an den Esstischen. Und zwar - ganz wichtig - von allen Seiten.


Es gibt Vegetarier und es gibt Fleischesser. Richtig? Nein. Da gibt es noch Veganer, Frutarier, Pescetarier, Ovo-, Lacto- und Puddingvegetarier. Besser? Kaum. Tatsächlich gibt es mehr als 80 Millionen Menschen hierzulande, und ebenso viele Einzelentscheidungen übers Essen und Seinlassen. Jede einzelne davon ist zu akzeptieren - keine gehört in eine Schublade gesteckt und von moralischen wie materiellen Regelwerken abgestempelt.


Vor einigen Tagen habe ich in der Mensa Tiramisu gegessen und wurde prompt angemotzt, dass ich das doch gar nicht dürfte, es könne schließlich Gelatine drin sein. Was mich daran am meisten störte, war nicht das saftige Steak, das sich auf dem Teller der Kritikerin fand - es war die unglaubliche Dreistigkeit, über die Rechte und Pflichten anderer urteilen zu wollen. Ja, ich wünsche mir mehr Harmonie an den Esstischen. Vor allem aber wünsche ich mir, dass der vielleicht am stärksten überbewertete Begriff unserer Zeit endlich mal ein bisschen wertfreier wird.

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