6 Abos und 4 Abonnenten
Artikel

Leben im Liveticker - Anteilnahme 2.0

Hollywoodstar

Natürlich ist das Internet längst Teil unseres Lebens geworden - und, viel wichtiger, unser Leben Teil des Internets. Zum Leben gehört das Sterben - auch das ist nicht neu, weder off- noch online. Trotzdem hat Schumis Skiunfall eine ganz neue Seite der Geschmacklosigkeit im Netz zum Vorschein gebracht.


Maggie Thatcher, Paul Walker, Nelson Mandela: ihre Tode bewegten, erschütterten und berührten Millionen. Und sie inspirierten: Im ersten Fall zu Demonstrationen, im zweiten dazu, sich das Sterben zweier Menschen auf Video anzusehen. Der Dritte im Bunde ließ einen jeden Facebooknutzer zum Verkünder des Friedens werden: Man teilte die weisen Worte eines Mannes, für dessen Wirken man sich zuvor höchstens wegen der Fußball-WM interessiert hatte.


Durch Rest-In-Peace-Posts profiliert sich der moderne Mensch, das kann man nun gut oder schlecht finden. Doch mit den Beileidsbekundungen ist es nicht mehr getan. Die Netzgemeinde ist neugieriger geworden. Sie stürzt sich nun auf Menschen, die nicht einmal tot sind. Sie verfolgt jetzt Gehirnoperationen - live und in Farbe.


Wenn ich heute, drei Tage nach Schumachers Unfall, meine Nachrichtenapp auf dem Handy öffne, so werde ich geradezu erschlagen vom Grauen in Grenoble: Ganze zwölf Meldungen zum Thema finden sich schon auf der Startseite. Darunter drei aktuelle Meldungen zur Lage, nochmal ebenso viele in Videoform. In einer sekundengenauen Rekonstruktion lässt sich der Unfallhergang nachlesen, auch eine eigene Fotostrecke findet sich. Ein Retter berichtet vom vermeintlichen Helmbruch und von Blut, sehr viel Blut. Verschiedene Statements von Managerin und Ärzten, eine volle Pressekonferenz. Dazu ein Rückblick über Schumachers bisheriges Leben, der gefährlich nach Nachruf schmeckt. Eine Bilderserie erklärt ganz genau, was eigentlich ein Schädel-Hirn-Trauma ist - und was im Kopf des Verunglückten alles kaputt ging. Wer will, kann eine komplette Krankenakte aus dem Netz filtern.


Ein Mensch ringt mit dem Tod und die halbe Welt fiebert mit. Woher nimmt die Öffentlichkeit das Recht auf Anteilnahme an der wohl privatesten aller Angelegenheiten? Sie hat es nicht, doch sie braucht auch keins. Sie wird willig bedient von den Medien: Eine Story wie jede andere. Verkauft sich nur besser, dieses Drama. Während in Russland Menschen bei Anschlägen sterben und in Göttingen Sprengsätze auftauchen, drängen sich die Journalisten vor Schumis Krankenhaus - so sehr, dass sie jetzt sogar verbannt werden sollen. Sie stören den normalen Betrieb.


Was würde Schumacher selbst zu all dem sagen? Als Person des öffentlichen Lebens ist man gewohnt, dass nichts privat bleibt. Doch in diesem Fall hat die Netzgemeinde (und zwar gleichwohl Produzenten wie Konsumenten des internetbasierten Echtzeitberichts) tatsächlich Neuland betreten. Und ist eindeutig zu weit gegangen.

Zum Original