Julia Sammler

Content Managerin + Freie Autorin und Journalistin, Potsdam

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Reportage

„Jemalt hab ick immer schon“ Der Brandenburger Künstler Marco Olesch über sein Leben zwischen Bildern und Baustellen

Marco Olesch ist ein Mann, der zupackt – auf Baustellen oder in Lagerhallen. Vor drei Jahren ist er vor seinem Leben als LKW-Fahrer ins ländliche Brandenburg geflüchtet und malt dort Ölbilder.

An einem roten Luftballon hängt ein blauer Faden, der eine Birne hält. Im Spiegel wird das Obst als Glühbirne reflektiert. Aus dem aufgerissenen Boden ragt eine unvollständige Buntstiftleiter. Marco Olesch malt gerne Dinge, die es so nicht gibt. Absurdes und Fantastisches, häufig surrealistische Landschaften. Immer großformatig. Immer Öl auf Leinwand.

Um seine Bilder betrachten zu können, muss man nach Beetzsee fahren – ein kleiner Ort bei Brandenburg an der Havel. Man biegt an der Hauptstraße auf einen Schotterweg ab und fährt bis zum letzten Haus. Dahinter nichts als Wald und Feld. Absolute Ruhe. Hier lebt und arbeitet der 47-jährige Künstler mit den vielen Tätowierungen, der Nickelbrille und dem zu einem Zopf gebundenen Ziegenbart.

In dem kleinen Bungalow, den er von einem Freund gepachtet hat, ist nicht viel Platz. Um seine Leinwände verstauen und seine Staffelei aufbauen zu können, musste Olesch anbauen. Hier stehen jetzt ein Fernseher, ein Klappbett und seine Gemälde.

„Dit sind sieben Monate Arbeit!“, sagt Olesch und zieht ein großes gerahmtes Bild aus einem Dutzend bemalter Leinwände hervor. Darauf zu sehen sind Steine in verschiedenen Größen und Grauschattierungen. Einige davon sehen aus wie Totenköpfe. Das Bild hat er für den Brandenburgischen Kunstpreis 2019 eingereicht – ein gemeinsamer Wettbewerb der Märkischen Oderzeitung und der Stiftung Schloss Neuhardenberg. Für sein bisher größtes Projekt rechnet er sich keine großen Chancen aus. „Zu viele Studierte“, sagt er mit einer Mischung aus Resignation und Erleichterung. Gewinnt er den ersten Preis, müsste er das Gemälde an die Stiftung übergeben. Der Gedanke daran bereitet ihm Bauchschmerzen.

Mit einem großen Kaffeepott in der Hand steht Olesch in seiner winzigen Küchennische. Dieser Teil der Datsche war schon zu DDR-Zeiten hier und muss jetzt nahtlos mit dem Anbau verbunden werden. „Hier füll‘ ick Fliesen uff und hier Beton“, gestikuliert Olesch in Richtung Boden.

„Jemalt hab‘ ick immer schon“,  schwärmt er und steuert mit ausladenden Schritten auf ein Gemälde im Anbau zu. Er liebt das Handwerkliche – erklärt gerne einzelne Arbeitsschritte und technische Details. Zum Beispiel, wie man Firnis aufträgt.

Seine Gefühle zu beschreiben, fällt ihm dagegen schwer. Viele seiner Bilder sind düster und zeigen verlassene Gebäude. Ob er mit seiner Kunst etwas verarbeite? Erfahrungen, die ganze Ausstellungen füllen könnten, hat er in jedem Fall.

1971 wird Marco Olesch in Brandenburg an der Havel geboren. Seine Liebe zur Kunst entdeckt er früh: „Schule, dit war für mich malen! Zu Hause durft ick immer nich‘ mit Wasserfarben panschen.“ Olesch zuckt mit den Schultern: „Mein Vadder war Polizist und meine Mutter stand halt den janzen Tach im Friseursalon.“

Trotz Einser-Durchschnitt macht er kein Abitur, sondern beginnt nach der zehnten Klasse eine Lehre zum Koch und eine Ausbildung zum Leichtmatrosen. Sein großer Traum: Als Schiffskoch um die Welt reisen.

 

Er lernt auf der „Wilhelm Pieck“, dem Segelschulschiff der DDR. Als seine Crew im September 1989 von einem Törn aus Riga zurückkehrt, ist die Marineschule wie ausgestorben. Sie verbringen mehrere Wochen am Stützpunkt, bis es heißt: „Packt eure Seesäcke und fahrt nach Hause.“ Mit dem Zusammenbruch der DDR findet seine Ausbildung zum Leichtmatrosen ein vorzeitiges Ende.

Olesch, der in der Zwischenzeit auf einem Stuhl neben dem Klappbett Platz genommen hatte, springt plötzlich auf. „Sorry, ich bin so ein hibbeliger Typ“, entschuldigt er sich. Dabei verschüttet er etwas Kaffee aus dem großen Pott. Es ist sein dritter heute Morgen.

Vom bodentiefen Atelierfenster aus wandert sein Blick über das Grundstück. Er deutet auf die tiefen Gräben, die er mit einem Spaten ausgehoben hat. Der Trailer seiner Freundin muss diese Woche noch an die Wasserversorgung angeschlossen werden. Fast alles hier hat er selbst gebaut. Das Improvisieren hat er bei der Bundeswehr gelernt, wo er sich 1991 für vier Jahre zum Zeitsoldaten verpflichten lässt.

Er sei damals gerne „viel unterwegs“ und noch dazu „vollkommen blauäugig“ gewesen, gibt Olesch zu. Der achtwöchige Kosovo-Einsatz 1993 erschüttert ihn. Das Erlebte fasst er mit einem Wort zusammen: „Schrecklich“. Dabei ist er still, den Blick auf den Boden gerichtet. „Mit dem Wissen von heute würde ich auf keinen Fall zur Armee gehen“, sagt er rückblickend.

Zwischen 1996 und 2001 pendelt er als Gerüstbauer zwischen Dortmund und Brandenburg. In der Zeit wird sein erstes Kind geboren – der erste von vier Söhnen aus drei Beziehungen.

Dann der Wechsel nach Bayern, wo er über die nächsten 15 Jahre zwei Familien gründete. Den Namen seiner ersten Frau lässt er sich quer über die Brust tätowieren. Den Namen der zweiten sucht man vergeblich auf seiner Haut. Er bereut nichts. Jetzt müssen nur noch die Namen seiner Söhne auf den Rippenbögen festgehalten werden.

Olesch arbeitet als LKW-Fahrer für Müller Milch, Zwölfstundenschichten, meistens nachts. Am 19. Februar 2016 steigt er in seinen LKW – ein Vierzigtonner. Er ist fiebrig und unkonzentriert. Den Kreisverkehr vor sich nimmt er nicht wahr und fährt mitten hinein. Es ist vier Uhr morgens und menschenleer. „Wenn da Menschen gewesen wär’n…“, Oleschs Blick wandert wieder in Richtung Boden. Den Fehler verzeiht er sich bis heute nicht.

Neun Nachtschichten später geht gar nichts mehr. Olesch flüchtet nach Brandenburg, in die Datsche seines Freundes Dennis, wo er bis heute lebt. Dieser beschreibt ihn als Mensch mit dem Herzen am rechten Fleck. Es ist überhaupt keine Frage, dass er ihm Unterschlupf gewährt. Olesch ist verzweifelt, denkt über Selbstmord nach. Seine Familie hört tagelang nichts von ihm. Im Juni 2016 verbrennt er an die 60 seiner Gemälde hier auf dem Grundstück. Danach versucht er sich das Leben zu nehmen.

Es folgen zwei lange Klinikaufenthalte, bis er 2017 die Diagnose „Borderline-Persönlichkeitsstörung“ erhält. Auch eine posttraumatische Belastungsstörung wird diagnostiziert. Er macht eine Langzeitverhaltenstherapie und lernt in der Klinik Heike kennen. Seine zweite Ehe ist inzwischen geschieden.

„Jo, die Heike, die kümmert sich“, nuschelt Olesch anerkennend. In wenigen Wochen wird sie in den großen Trailer ziehen, den sie gemeinsam von der holländischen Grenze nach Beetzsee gebracht haben.

Plötzlich wird es still in der Datsche. Während Olesch sich den vierten Kaffee nachschenkt, fällt sein Blick aufs Handy. Es ist eine E-Mail mit dem Betreff „Brandenburgischer Kunstpreis 2019“. Er tut sich schwer damit, einen Versicherungswert für sein Bild festzulegen. Am liebsten würde er es behalten. Und gleichzeitig ist da auch der Wunsch, es mit den „Studierten“ aufzunehmen.

Den 20. März hat er sich rot im Kalender markiert. Dann wird er erfahren, ob sein Stein-Bild ins Rennen geschickt wird. Bis dahin heißt es abwarten und Kaffee trinken. Viel Kaffee aus großen Pötten.

Das Porträt erschien zuerst in meinem Blog: http://journalxx.de/