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Feature

Flora et Labora

AD Architectural Digest | 3/2013 |

Schlichte Abstraktion lieben sie genauso wie üppig

Ornamentales: In einem Backsteinkubus inmitten hoher
Berge fanden zwei südafrikanische Floristen ihre
persönliche Work-Life-Balance
//
Das dramatische Rot von Fackellilien, die skulpturalen Blätter der
Artischocke und Schneewittchenrosen wie Konfetti
darübergestreut: Im Leben von Chris Willemse und Dané Erwee
dreht sich fast alles um Pflanzen, ihre Formen und um die Frage,
wie sie am besten in Szene gesetzt werden. Zwischen Kapstadt und
Johannesburg ist das Floristenduo für spektakuläre, eklektische
Blumenarrangements bekannt. Ihr Anwesen am westlichen Kap
Südafrikas könnte als eine Art Fort-setzung dieser Leidenschaft
mit anderen Mitteln betrachtet werden.

Haus Johannesdal steht in einem Tal gleich hinter dem
Helshoogte-Pass, den alteingesessene Weingüter wie Thelema und
Tokara säumen. Der frei stehende weiße Kubus wird pittoresk von
zwei Bergketten gerahmt. „Ein solches Stück Land von fast
zweieinhalb Hektar ist für einen Architekten schon etwas
Besonderes“, freut sich Henri Comrie, dessen Bau die Landschaft
mit dem Simonsberg im Westen und Hutchinson’s Peak im Osten
raffiniert in Szene setzt. Je weiter man ins Haus vordringt, desto
höher und breiter werden der Raum und die Aussicht. Von der
schmalen Straße aus hatte das Haus noch streng und verschlossen
gewirkt, fast unbewohnt – -wären nicht plötzlich die Doggen Leila
und Sebastian hervorgeprescht.

Über eine zentrale Längsachse wird der Besucher durchs Gebäude
geführt, bis eine riesige Glasfront mit anschließender Terrasse den
Blick auf den Garten und die Gipfel von Hutchinson’s Peak
freigibt. Die 450 Quadratmeter Wohnfläche sind auf zwei
Geschosse verteilt. Im Erdgeschoss befindet sich neben dem
Gästezimmer mit kleinem En-suite-Bad und privatem Patio auch
Erwees Atelier. „Aber die Gästetoilette ist oben. Der Architekt
fand, dass Besucher auf eine Reise durchs Haus gehen sollten“,
erklärt Willemse. Ebenso wie das Lichtspiel ist dies eine
Hommage an den mexikanischen Architekten Luis Barragán (siehe
auch S.?88), der Grundrisse als Anleitungen für
Entdeckungstouren verstand. Aber noch ein Aspekt war
entscheidend für Comries Entwurf: die Persönlichkeiten der
Hausherren oder genauer deren „geradezu schizophrene
Bewunderung sowohl für Abstraktion als auch für das Ornament“.
Der Professor für Urbanes Design an der University of Cape
Town ist mit Willemse und Erwee befreundet und wusste, dass sie
einerseits schlichtes, modernes Design schätzen, andererseits aber
einen ausgeprägten Hang dazu haben, jeden leeren Fleck mit
Pflanzen, Fundstücken oder farbenfrohen, künstlerisch
anspruchslosen Landschaftsbildern vollzustopfen. „Cheap and
cheerful“ charakterisiert Erwee selbst ihren Geschmack.

Die wohnzimmergroße, überdachte Terrasse ist im Sommer der
Lieblingsplatz des Paars, in den kühlen, regnerischen
Wintermonaten zieht es sie in den geschlossenen Wohnbereich, zu
den zwei Kaminen und der Fußbodenheizung. Wie das ganze
Haus, ist auch die Terrasse kunterbunt möbliert. „Vieles sind
Fundstücke. Ich mag es, wenn Möbel Solitäre sind, mit
Einbaumöbeln kann man mich jagen“, sagt Erwee. Gemeinsam
mit seinem Partner bevorzugt er eine sympathische Nonchalance.
Ein Bein am Sofa ist zu kurz? Dann werden eben ausgelesene
Bücher untergelegt. Man sieht auch genau, wo Sebastian als Welpe
einst den schwarzen Korbstuhl angeknabbert hat – Erwee ließ die
Stellen flicken, allerdings nicht in Schwarz, sondern in hellem
Braun. Er wollte, dass die Arbeit und die Geschichte sichtbar
bleiben. Solchen Umgang mit -Material und Textur, das
Bewusstsein für Geschichtlichkeit schätzen die Hausherren auch
an den architektonischen Anleihen bei Carlo Scarpa. „Bis nach
Italien hat Henri uns geschickt. Er wollte, dass wir uns in Verona
das mittelalterliche Castelvecchio anschauen, das Scarpa in der
zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts restauriert hat.“

Vom Fuß der Terrasse strömt der süße Duft von
Yesterday-Today-Tomorrow herauf; die violett blühende Hecke
mit dem immergrünen Namen (in Deutschland als Brunfelsia
bekannt) begrenzt eine klassische Rasenfläche. Auf üppi-gen
Beeten wachsen rund ein Dutzend Pflanzensorten, darunter die
feurigen Fackellilien; im Gewächshaus drängen sich Orchideen an
fleischfressende Nepenthes. „Und alles, was wir selbst ernten
können, ist ein toller Bonus“, meint Willemse. In ihrer
gemeinsamen Firma Okasie zeichnet der gelernte Gartenbauer für
die Aufzucht der Pflanzen verantwortlich, während
Landschaftsgärtner Erwee der kreative Kopf des
30-Mann-Betriebs ist und der Mann für spontane Ideen.

„Die möchte ich jetzt im Haus ausstellen.“ Sagt’s und schnappt
sich im Gewächshaus einen Topf mit einer Orchidee. Im März
feiert das Paar den fünften Jahrestag seines Einzugs, doch die
Freude an der Inszenierung und ständigen Neueinrichtung ihrer
Räume ist ungemindert. „Im Grunde sind sie Sammler“, sinniert
ihr Architekt.

Vorausschauend hat er das Innere als eine Art Galerie konzipiert,
eine diskrete weiße Bühne für die Einfälle der Hausherren. Durch
Oberlichter und Einschnitte im Mauerwerk entsteht ein sich
ständig wandelndes Spiel aus Licht und Schatten, das den
Bühnencharakter noch verstärkt. In den nächsten Jahren soll das
Grün die Regie übernehmen. „Ich möchte, dass sich das Haus wie
ein überwuchertes Schloss anfühlt“, sagt Erwee. „Magisch und
launenhaft.“