Judith Mintrop

freie Journalistin in Chile/Südamerika, Attenweiler

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Artikel

Die Aussteigerin (Das Porträt)

Chile, Criollos und ein Cowboy – Carmen Häfner aus Ismaning (Kreis München) hat sich in Land, Pferde und einen Mann verliebt – und dafür Bayern verlassen. Inzwischen bietet sie Reittouren im Norden Patagoniens an. Der Weg dorthin war hart, doch die 34-Jährige hat ihre Entscheidung nie bereut.
Es steht ein sonniger Tag bevor in Pucon in Chile. Carmen Häfner sattelt ihre Pferde, denn gleich kommen Gäste für eine Tages-Reittour. Erst seit Kurzem bietet die 34-Jährige selbst Reittouren an. Vorher arbeitete sie als angestellte Tourenführerin auf einer Pferdefarm. Dann bekam sie im Februar 2018 ihre Tochter Sophia. Damit veränderte sich alles. „Weil ich meine Tochter aufwachsen sehen wollte anstatt sie in eine Krippe zu geben, traf ich die schwere Entscheidung, die Arbeit als Tourenführerin erst einmal aufzugeben.“ Es folgten Wochen und Monate der Unsicherheit, denn das Einkommen von ihrem Lebensgefährten Luis reicht auf Dauer nicht aus für die Familie. Die Entscheidung sich selbstständig zu machen fiel im September. Sie hatten nach Anfrage eine Tour für Bekannte organisiert. Bisher hatte Carmen Häfner das aufgrund ihres Angestellten-Verhältnisses abgelehnt. Dieses Mal sagte sie zu. „Da haben wir gesehen, dass es klappt. Es ging sogar spielend leicht und hat viel Spaß gemacht.“ Außerdem waren die Ressourcen schon vorhanden: ein paar Pferde, etwas Land, ein Stall und ein Haus, das sie selbst gebaut hatten. Die Qualifikation haben sie ebenfalls: Häfner hat über zehn Jahre Erfahrung als Führerin für Reittouren. Ihr Lebensgefährte ist mit Pferden aufgewachsen und führt seit 20 Jahren Touren.
Die Ismaningerin kam 2007 zum ersten Mal nach Chile – für ein dreimonatiges Praktikum auf einer Pferdefarm. Danach ging sie zurück nach Bayern und arbeitete als Heilerzieherin. Doch der Job auf der Farm hatte es ihr angetan. Also kam sie wieder. Sie verbrachte ihre Urlaube auf der Farm in Chile und arbeitete dann wieder in München – vier Mal, bis sie schließlich blieb.
Der Anfang war schwer. „Ich arbeitete viel, hatte Probleme mit dem Visum und wohnte zunächst bei Luis‘ Familie“, erzählt sie. Eine große Umstellung, nachdem sie in Ismaning ihr eigenes Apartment hatte. „Plötzlich war ich statt Gruppenleiterin in einem Heim, Praktikantin mit kaum Geld.“
Doch das ist Vergangenheit. Inzwischen fühlt sich die 34-Jährige wohl auf ihrer Farm: „Das ist mein Ort, mein zu Hause. Ich liebe diese Landschaft – die Berge, die Vulkane und alles darum herum. Hier ist etwas Magisches vorhanden, woraus ich viel Energie ziehen kann.“ Und dieses Gefühl will sie an ihre Gäste weitergeben, die – je nach Tour – durch Wälder und auf Vulkanen reiten. Ihre acht Pferde kennen Häfner und ihr Lebensgefährte gut, einige haben sie selbst eingeritten. „Unsere Pferde sind ein Teil der Familie und nun sind sie zu Arbeitskollegen geworden“, sagt sie.