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torial Blog | 100 Zeitungen in einer App: Die Chancen und Schwächen von Newscase

Die App Newscase aggregiert Inhalte deutscher Zeitungen. Gründer Wanja Oberhof ist mehrfach gescheitert, glaubt weiter an die digitale Zeitung - und muss viele Fehler beheben.

Zurückhaltung ist nichts für Startup-Gründer. "Die ganze Welt in einer App", verspricht Wanja Sören Oberhof den Nutzern von Newscase. Die Realität sieht nicht ganz so glamourös aus, das Produkt lohnt trotzdem einen Blick. Seine Geschichte begann 2007, der Werdegang zeichnet ziemlich exakt die Wirrungen der Medienbranche nach. Verschiedene Investoren steckten mehr als 2,5 Millionen Euro hinein, die Investitionsbank Berlin gewährt aktuell ein 900.000-Euro-Darlehen.

Newscase aggregiert die Inhalte von derzeit 108 Zeitungstiteln. Nutzer können Lieblingsressorts und ihre favorisierten Titel wählen - Politik von der "Welt", Lokales vom "Kölner Stadt-Anzeiger" und den Sport von "Bild". Inzwischen verspricht Oberhof seinen Kunden sogar, Artikel nach Themen zu filtern. Wer ein Fan von Werder Bremen ist, legt diesen Begriff als Stichwort fest, damit Werder-Bremen-Artikel in die persönliche Zeitung wandern.

Verlage werden offener Personalisierung ist gefragt bei Nutzern, Aggregation zunehmend akzeptiert in den Verlagen. "Das Denken in den Verlagshäusern hat sich fundamental geändert", sagt Oberhof. "2008, da sah der Chefredakteur seine Zeitung noch als Gesamtkunstwerk. Heute ist das Entbündeln kein Tabu mehr."

Wanja Oberhof ist ein Verlage-Versteher, er sprach auf den wichtigen Konferenzen der Branche und reiste quer durch die Vorstandsebenen der Zeitungshäuser. Seit Jahren sinken die Auflagen - da ist ein smarter junger Blondschopf mit einer Zukunftsvision für das darbende Produkt ein willkommener Gast. Oberhofs Versprechen an die Partner: Macht weiter wie bisher, wir vertreiben euer altes Produkt in neue Kanäle. Sein Versprechen an die Kunden: Wir liefern euch die gute alte Zeitung, aber so, wie ihr sie lesen wollt - nicht so, wie sie eine Redaktion zusammengestellt hat.

Es begann mit Print Oberhof veränderte seine Idee mit der Zeit massiv. 2007, da war er 21, gründete er niiu. Der Vorläufer von Newscase arbeitete beinahe zwei Jahre an der Idee einer individuellen gedruckten Zeitung. 2009 ging sie in Berlin an den Start, Erfinder Oberhof und sein Geschäftspartner Hendrik Tiedemann standen nun selber in den Zeitungen.

Nach wenigen Tagen, als der Rummel sich gerade legte, sicher auch Anspannung abfiel, merkten Oberhof und Tiedemann: Das, was sie monatelang erdacht und entwickelt hatten, funktioniert so nicht. Das Drucken tausender Zeitungen, allesamt Einzelstücke, klappte rein technisch. Aber das Drucken dauerte länger als geplant. Nur zwei Mal, glaubt sich Oberhof heute zu erinnern, kamen die Zeitungen pünktlich aus der Druckerei.

Das erste Scheitern Die Konsequenz: Nicht der Berliner Zeitungsvertrieb BZV stellte die Blätter zu, sondern ein Unternehmen, das etwas später die ausländische Titel zustellt - die Kosten stiegen. "Das hat hinten und vorne nicht funktioniert", fasst Oberhof diese Zeit zusammen. "Und vier Monate nach unserem Marktstart hat Steve Jobs das erste iPad vorgestellt."

Dies leitete die größte Kehrtwende in der Geschichte des Startups niiu ein. Eine Zeit lang belieferte die Firma zwar noch Berliner Luxushotels und andere Geschäftskunden mit individuellen Zeitungen, doch Oberhof realisierte: Entweder entwickeln wir ausschließlich ein digitales Produkt oder gar keines. "Wir haben ein Jahr gebraucht, bis wir gemerkt haben, dass wir niiu digital nicht nebenbei machen können." Rückzug, Fehleranalyse, Neustart. Einmal, erzählt der 29 Jahre alte Oberhof heute, setzte er sich hin um alle Fehler der ersten Jahre aufzuschreiben. Am Ende standen 70 Punkte auf der Liste.

Oberhofs drei Konsequenzen

1. Entwickele deine eigene Technologie! Niiu war von Beginn an ein technologiegetriebenes Unternehmen, beauftragte aber externe Entwickler. Zum niiu-Neustart gehörte die Übernahme einer App-Agentur mit vier Mitarbeitern in Berlin und zwei in Indien.

2. Hol dir ein diversifiziertes Team! Anfangs, räumt Oberhof heute ein, bestand niiu aus jungen Studenten und Bachelor-Absolventen - Leuten seiner Altersklasse. 2013 holte er Anja Mellage unter anderem für die Finanzen an Bord. Mellage, neun Jahre älter als Oberhof, arbeitete vorher bei Axel Springer als Finanz-Direktorin von bild.de.

3. Such dir nicht irgendwelche, sondern passende Investoren! Oberhof spricht von „smart money": Für jeden Entwicklungsschritt brauche es Investoren, die genau davon etwas verstehen, beraten können und Kontakte vermitteln statt nur eine Summe X zu überweisen.

Oberhof begreift die Kursänderungen in der Firmengeschichte nicht als Scheitern, eher als Korrekturen. Es sei der "normale Weg eines Startups in einer sich ständig verändernden Branche", sagt er. "Das macht ein Startup aus: Du gehst mit einer These raus, die du dann auch mal über den Haufen werfen musst."

Nur wenige wollen zahlen Alte Videointerviews, etwa bei "Gründerszene", zeigen Oberhof zu niiu-Zeiten als ziemlich vorlauten Burschen, betont locker, alles easy. Was kostet die Welt? Wer Oberhof heute trifft, unterhält sich mit einem reflektierten Mann mit der Verantwortung für 20 feste Mitarbeiter, der immer noch träumt, aber sich nicht scheut eigene Fehler auch mal Fehler zu nennen.

Was er nicht macht: Nutzerzahlen nennen. Vor allem die Zahl der zahlenden Nutzer wäre spannend, also jener Leute, die sich für 9,99 Euro im Monat das werbefreie Komplettangebot kaufen. Jeden Tag kämen zahlende Kunden hinzu, erzählt Oberhof, noch könnten aber weniger als fünf Prozent der Gratis-Nutzer zu Premium-Nutzern umgewandelt werden. Eine Konversionsrate von unter fünf Prozent ist allerdings üblich bei Bezahlangeboten von Verlagen, oft liegt sie bei ein bis zwei Prozent.

Zukunft trotz Apple News? Auch wenn das Geschäft hierzulande noch am Anfang steht: Newscase soll sich internationalisieren. Die App zu übersetzen sei nur eine Sache weniger Stunden, sagt er. Oberhof will aber auch Verträge mit zahlreichen Verlagen außerhalb Deutschlands schließen. Italien ist ein interessanter Markt, weil Paid Content dort recht gut funktioniere. Großbritannien wiederum verfüge über größere Verlagsgruppen, die Nutzungsrechte für ihre Angebote sehr professionell über Syndication-Abteilungen verkaufen. "Denen geht es nicht darum, ob sie mitmachen, sondern zu welchem Preis." Oberhof beteiligt die Verleger an Werbeeinnahmen und vergütet pro Aufruf eines Artikels. Dies wiederum ist ein Anreiz für Verlage, möglichst viele ihrer Inhalte bei Newscase zu teilen.

Das Konkurrenzumfeld für Newscase ändert sich derzeit dramatisch. Facebook hostet ganze Artikel in Zusammenarbeit mit Verlagen, die sogenannten Instant Articles. Der niederländische Anbieter Blendle baut sein Deutschland-Geschäft auf, Pocketstory aus Hamburg drängt auf den Markt: Nach dem Modell von iTunes kaufen Nutzer einzelne Artikel für Cent-Beträge. Und dann kommt noch Apple: Der Gigant wird bald allen iPhone- und iPad-Nutzern seine News-App anbieten - mit ideal auf die Geräte optimierten Inhalten. Denen bei Flipoard gehe "gerade noch mehr die Pumpe als uns", frotzelt Oberhof. Keine Angst vor der Killer-Anwendung? Ganz im Gegenteil, behauptet Oberhof: "Je mehr Player es gibt, desto eher sehen Verlagsmanager, dass sie sich mit dem Thema Aggregatoren beschäftigen müssen."

Die Vor- und Nachteile von Newscase im Überblick

PRO * Newscase bietet ein abgeschlossenes Produkt. Wer die App öffnet, lädt Zeitungsinhalte: etwas, das eine Redaktion einmal pro Tag herausgibt, nach Relevanz gewichtet. Weiterhin suchen Millionen Leser nach einem solchen Produkt - es werden ja nicht nur 22 Millionen Zeitungen jeden Tag gedruckt. Auch der neue Boom der Newsletter zeugt von diesem Wunsch. * Newscase bietet Zugang zu aktuell 108 Zeitungstiteln innerhalb einer App, ein größeres Angebot an deutschen Zeitungen in einer App bietet sonst niemand. * Newscase ist personalisierbar - mit Einschränkungen kostenlos und zum Preis von 9,99 Euro monatlich ohne Werbung und inklusive aller Inhalte von Zeitungen, die eine Online-Bezahlschranke haben.

CONTRA * Die iPhone-App enthält viele Macken, obwohl der Fokus der Entwickler auf dem kleinen Bildschirm liegt. Im Test fehlt eine zuverlässige Funktion, um neue Inhalte zu laden. Auch beim Neustart der App - und sogar nach Neustart des Handys - bleiben mehrere Tage alte Artikel stehen, die noch von der vergangenen Nutzung stammen. Auf dem iPad genügt es, auf der Titelseite nach unten zu wischen. * Artikel nach Begriffen ("Deutsche Bank", "Bayern München") zur persönlichen Zeitung hinzufügen zu lassen, ist praktisch. Im Test funktioniert dies aber nicht. Die App nahm keine Vorschläge an - was Oberhof erst nach einem Hinweis des Autors auffiel. * Nicht immer übernimmt Newscase die Formatierungen der Artikel. Ein Interview aus der „Welt" erscheint ohne Fettungen, sodass Leser kaum zwischen Frage und Antwort unterscheiden können. * Wer Journalismus online konsumiert, will ihn häufig auch teilen. Die Facebook- und Twitter-Anbindung funktioniert. Erstellt wird ein Link ins Newscase-Angebot - im Test mit einem per E-Mail verschickten Link führte der zwar in die App, aber nicht zum richtigen Artikel. Nur am Desktop funktionierte es. * Newscase aggregiert Inhalte aus Zeitungen, das größte Konkurrenzangebot Flipboard Web-Inhalte. Flipboard-Nutzer werden also auf die jeweiligen Seiten umgeleitet, weshalb das Angebot manchen Nutzern zu "bunt" und vielfältig ist. Es ist jedoch auch viel aktueller als Newscase. Den Newscase-Nutzern entgeht die Vielfalt der Online-Angebote. * Das Unternehmen Newscase hat offensichtliche organisatorische Defizite. Auch Monate nach der Umbenennung werden neue Nutzer noch "Herzlich willkommen bei niiu" geheißen, auch auf den Support-Seiten war zuletzt noch von der niiu-App die Rede.

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